Buzz 05.12.2011

Russkaja: Ohne Pause zur nächsten Tournee

"Russian Voodoo": Die siebenköpfige Turbo-Polka-Formation aus Wien heizt ihren Fans nun wieder live ein. Titus und Georgij im KURIER.at-Interview.

So unermüdlich ihre Musik vorwärtspeitscht, genauso rastlos gestaltet sich auch das Tourprogramm von Russkaja. Vor zwei Wochen gaben sie erst ihr vorerst letztes Konzert der Sputnik-Tour . Und nun, am Freitag, 1. Oktober, geht's bereits los mit der Nachfolge-Show "Russian Voodoo". Dementsprechend gibt Russkaja-Hohepriester Titus Vadon im Gespräch mit KURIER.at auch mit einem Augenzwinkern zu: "Das geht schon an die Substanz, vor allem das viele Beten und Zelebrieren."
Denn auf ihrer neuen Platte werden mystische und spirituelle Aspekte angedeutet - Heilsversprechen inklusive: "Es geht um die 'Volksgesundung'. Die Menschen sind ja nur mehr verwirrt, rennen wie ferngesteuert umher, zeigen sich im Autoverkehr den Finger, das ist ja kein Leben. Die Menschen müssen wieder Bodenhaftung kriegen, die Mitte finden, lachen können."
Zu diesem Zweck haben Russkaja auf ihrer neuen CD vierzehn Highspeed-Tracks abgeliefert - mit bis zu 228 bpm (Taktschläge pro Minute). Auch Sänger Georgij Makazaria glaubt an die reinigende Kraft der Turbo-Polka: "Wir geben den Leuten die Möglichkeit, sich die Seele aus dem Leib zu schreien. Sie können ohne Hemmungen lostanzen und: sich heilen lassen."

Von Russland nach Österreich: McDonald's statt Schaschlik

Mystische Voodoo-Aufmachung: Russkaja Mitglieder Titus Vadon (rechts), Georgij Makazaria (Mitte) und Geigerin Antonia-Alexa Georgiew.
© Bild: Petra Meisel

Makazaria kam 1989 aus der damaligen Sowjetunion nach Österreich und hat Russkaja 2005 gegründet. Im Song "Change" wird die Emigration auch thematisiert: "I changed my Olga for the Britney" oder "I changed my shashlik for McDonald's". "Mittlerweile hat sich die kapitalistische Welt ja auf Russland ausgedehnt", erzählt der Sänger im Interview. "Dort gibt es ja schon Millionen von McDonald's-Filialen. Ich war bei der Eröffnung der ersten dabei - das war 1986 in Moskau. In der Sowjetunion war man es ja gewohnt, lange in der Schlange zu stehen, das kam aber zu der Zeit kaum mehr vor. Das war damals das Comeback dieser Riesenschlangen, die Leute haben sogar Nummern bekommen. Ich und ein paar Jungs - wir haben uns da durchgedrängt, das war ein Riesenereignis."

Vor kurzem sagte Makazaria im Rahmen des KURIER-Integrations-Schwerpunkts über seine Zeit in Österreich: "Ich habe mich nie als Ausländer gefühlt." Die User-Reaktionen darauf hat er genau beobachtet: "Ich habe auf KURIER.at Beschwerden gelesen, dass man immer mich heranziehen würde, wenn's um positive Beispiele geht. Ich konnte aber wirklich bei allem Bemühen nix Negatives sagen über meinen bisherigen Aufenthalt in Österreich. Wobei es natürlich schon Leute gibt, die genau das Gegenteil von sich behaupten könnten."

"Die direkte, klare Kraft"

Mystische Voodoo-Aufmachung: Russkaja Mitglieder Titus Vadon (rechts), Georgij Makazaria (Mitte) und Geigerin Antonia-Alexa Georgiew.
© Bild: Petra Meisel

Der Erfolg von Russkaja lässt sich nicht nur in bpm messen, sondern auch in Auftritten im Ausland: 80.000 zurückgelegte "Sputnik"-Tourkilometer mit 100 Konzerten von England und Holland bis Polen oder Ungarn. Dass in einer mittlerweile austauschbar gewordenen Welt eine aus verschiedenen Ländern zusammengewürfelte Band wie Russkaja heraussticht, ist für Titus Vadon ganz klar begründbar: "Weil wir nicht raunzen, sondern Gas geben. Und zwar Vollgas. Weil wir nicht versuchen, mit irgendeinem Schnickschnack dem Publikum die Augen auszuwischen, sondern mit der direkten, klaren Kraft arbeiten, und nicht mit Herumgetue oder intellektuellem Halbgemurmel."

In England scheint die Kraft des Knochenhammers (eines der neuen Russkaja-Bühnenrequisiten) besonders gut anzukommen. Beim Trowbridge Festival wurden sie kurzfristig als Headliner angesetzt. Als "Vorband" diente niemand Geringerer als die 70er-Disco-Formation Boney M. Wobei Russkaja "besser an der Seite von Rammstein" spielen sollten, wie ein englisches Musikmagazin befand. Georgij Makazaria: "Wir wurden dort mit offenen Armen empfangen, sowohl vom Veranstalter als auch vom Publikum. Das war wirklich überwältigend." Und Titus Vadon legt nach: "Die Engländer sind komplett auf diesen Schmäh drauf. Sie kannten auch unsere Sachen schon, haben sich komplett informiert. England ist der neue Osten!"
Gefreut hat sich die Band auch darüber, beim neu geschaffenen "New Music Transmission Award" als bester Live Act nominiert zu sein. "England ist schließlich das Mutterland der Popmusik. Und wenn man dann dort etwas erreicht, ist man natürlich besonders stolz," meint der ehemalige Chef von "Das Balaton-Combo".

Wenn der Traktor im Kreis fährt

Für gute Laune sorgt mittlerweile bei jedem Konzert der sogenannte "Psycho-Traktor", wenn das Publikum schweißgebadet im Kreis läuft. Wie dieses Show-Element entstanden ist? "Eines Tages ist er da gewesen, der Psychotraktor ist uns geschickt worden," scherzt Georgij, um aber sofort zu relativieren: "Dieser Effekt ist natürlich nicht neu, im Metalbereich, aus dem ich ja komme - heißt es "Spinning Wheel". Aber ich habe oft gesehen, wie schwer sich die Bands tun, die Leute dazu zu bringen, im Kreis zu laufen. So schöne Kreise wie bei uns hab' ich selten gesehen." Titus Vadon gefällt an dem Effekt, "dass alles durchmischt wird. Die eingenommen Plätze, die Ordnung, wird ad absurdum geführt. Das ergibt eine neue Freiheit."

"Willkommen Österreich"

Mystische Voodoo-Aufmachung: Russkaja Mitglieder Titus Vadon (rechts), Georgij Makazaria (Mitte) und Geigerin Antonia-Alexa Georgiew.
© Bild: Petra Meisel

Bekannt geworden sind Russkaja nicht bloß durch ihre schweißtreibenden Liveshows, sondern auch durch ihre Auftritte als Studioband von Stermann & Grissemanns Late Night Show "Willkommen Österreich". Dass sie dort ihre Nummern, wie etwa "Traktor", immer nur kurz anspielen können, vergleicht Drummer Titus mit Autofahren: "Es ist, wie im Stadtverkehr unterwegs zu sein: Du kannst halt nur kurz Gas geben! Du überholst und reihst dich dann sofort wieder ein."
In den nächsten Wochen steht allerdings vor allem dauerhafte Hochgeschwindigkeit auf dem Programm. Am 1. Oktober geht es in Freistadt los, am 14. Oktober wird der "Russian Voodoo"-Zauberkessel im Wiener WUK angeheizt.

(Interview: Peter Temel)

( KURIER.at ) Erstellt am 05.12.2011