Lenny Kravitz im KURIER-Interview

Kravitz live: Am 18. 11. tritt der Gitarrist in der Wiener Stadthalle auf.
Foto: Warner Music

Nach einer Auszeit auf den Bahamas klingt Lenny Kravitz auf der CD "Black And White America" wieder so frisch wie zu Beginn der Karriere.

Das Domizil von Lenny Kravitz auf den Bahamas ist schlicht: ein Caravan am Stand, davor zwischen Palmen, eine Hängematte. Im KURIER-Interview erzählt der Rock-Millionär, der Immobilien in New York, Paris und Miami besitzt, warum er gerade fernab vom Luxus seine alte Form wieder fand.

KURIER: Sie haben schon immer Botschaften von Positivität in ihren Alben forciert. Während man aber beim letzten das Gefühl hatte, dass sie um diese Positivität kämpfen müssen, scheint sie bei "Black And White America" ganz natürlich aus einer inneren Stärke herauszukommen.
Lenny Kravitz: Eine gute Beobachtung. Das liegt an der Art, wie ich "Black And White America" aufgenommen habe - nämlich in einem sehr ruhigen und friedlichen Umfeld. Ich habe drei Jahre lang auf den Bahamas in meinem Karavan am Strand gewohnt, Musik gemacht und zwischendurch in einem Studio - auch auf den Bahamas - aufgenommen. Drei Jahre habe ich so gelebt, und es war eine sehr wichtige Zeit. Eine Zeit, die ich gebraucht habe, um nachzudenken, zur Ruhe zu kommen und mich selbst wieder zu spüren.

Wovon zur Ruhe zu kommen? Hatten Sie davor Probleme?
Keine Probleme, nein. Aber mein Leben bedeutet, dass immer sehr viel Energie nach außen geht. Ich bin ständig unter Leuten, führe Verhandlungen, reise viel, muss Entscheidungen treffen. Da sind so viele Termine, da ist so viel Gerede und sehr oft muss ich dabei meine eigenen Gefühle zur Seite schieben. Ich habe diese Zeit gebraucht, um wieder mit mir selbst ins Reine zu kommen, zu sehen wo ich stehe und inneren Frieden zu finden.

"Black And White America" ist der einzige Song auf dem Album, der eine politische Botschaft hat. Warum haben sie ihn zum Titelsong erkoren?
Weil es das ist, was ich bin - ein Mischling. Weil es das ist, was meine Eltern waren, und das Thema, mit dem ich mich auseinander setzen musste, als ich aufwuchs. Deshalb steht mir das Thema sehr nahe. Anlass für den Song war eine TV-Dokumentation, in der Amerikaner darüber gesprochen haben, wie sie Amerika mit einem afro-amerikanischen Präsidenten sehen. Sie waren voll von Hass und Vorurteilen und wollten im Prinzip zurück zum rassistischen Amerika von vor 100 Jahren. Der Song war meine Antwort darauf.

Aber seit Sie jung waren, hat sich da ja schon einiges zum Positiven geändert.
Ja, seither hat sich sehr viel geändert. Meine Eltern wurden noch oft angespuckt, weil sie ein gemischtrassiges Paar waren. Die jüngere Generation aber versteht, dass wir im Kern alle gleich sind und hat keine Vorurteile. Aber gleichzeitig muss ich sagen, dass das heutige Amerika den Rassismus noch lange nicht überwunden hat. Ich glaube, dass das nur langsam - mit jeder neuen Generation - besser werden kann. Denn die Wurzel des Problems ist der Glaube, der von einer Generation zu anderen weiter gegeben wird. Und Leute, die Angst vor den Unterschieden haben. Aber genau das ist doch das Schöne an einer multikulturellen Gesellschaft. Aber in so vielen Fällen wird uns auch heute immer noch gelehrt, Angst vor den Unterschieden zu haben. Es wird generalisiert und Personengruppen werden als böse abgestempelt. Man muss also nach wie vor sehr wachsam gegenüber rassistischen Tendenzen sein.

Ihre jüngste Single "Stand" ist mit der Botschaft, dass man alle Schwierigkeiten überwinden kann, wenn man nur will, ein ganz typischer Kravitz-Song. Glauben Sie nicht, dass das zum Beispiel Langzeit-Arbeitslose frustriert?
Sicher gibt es Situationen, die man nicht so leicht ändern kann. Aber in dem Lied geht es mehr darum, sich selbst aufzubauen und nicht hängen zu lassen, wenn einem das Leben Hindernisse in den Weg legt. Die konkrete Inspiration für diesen Song war ein Freund, der plötzlich von der Hüfte abwärts gelähmt wurde. Ich wollte ihm etwas Positives geben, das er sich anhören kann. Und jetzt geht er wieder. Ich sage nicht, dass das an meinem Song liegt, denn er hatte natürlich Operationen und Physiotherapie und nimmt Medikamente. "Stand" war einfach nur mein Weg, mit der Situation umzugehen.

Sie sind sehr religiös. Ist "Liquid Jesus" ein Liebeslied an Jesus?
Nein, das ist ein ganz normales Liebslied an ein Mädchen. Ich benütze da nur die Metapher von Jesus, sage, dass ich von Jesus, von reiner Liebe, reingewaschen werden will, um meine Verletzungen auszulöschen.

Welche Verletzungen?
Ich bin in der Liebe schon einige Male verletzt worden. Dadurch entwickelt man Verhaltensmuster, die man ewig mitschleppt, die aber einer neuen Beziehung oft im Wege stehen. Aber das geht jedem Menschen so. Da muss man durch, an diesen Mustern arbeiten, um wieder offen für die Liebe zu sein. Man muss sich mit dem Schmerz auseinander setzen und sich der Angst davor stellen.

Der für mich herausragende Song ist "The Faith Of A Child". Was bewundern Sie an dem Vertrauen eines Kindes?
Als Erwachsene tendieren wir dazu, Dinge zu verkomplizieren. Kinder sind so offen und haben noch Fantasie, Vertrauen und einen Glauben. Und damit meine ich nicht den Glauben an Gott, sondern den Glauben und das Selbstvertrauen, dass man Ziele erreichen kann. Dass wir diese Qualität als Erwachsene verlieren, ist sehr traurig. Es wäre so wichtig für Erwachsene, glauben zu können, dass wir auch scheinbar Unmögliches erreichen können - wie zum Beispiel Frieden auf der Erde zu schaffen.

In dem Film "The Hunger Games", den Sie im Spätsommer drehen, spielen Sie den Stylisten Cinna. Hatte diese Rolle für Sie einen speziellen Reiz, weil sie Ästhetik lieben und auch als Innenarchitekt arbeiten?
Da ging es eher darum - Regisseur Gary Ross hat mir das Drehbuch geschickt, und ich fand die Story hoch interessant. Und ich habe Spaß an der Schauspielerei und wollte diese Chance nützen. Aber es stimmt, ich liebe schön gestylte Dinge. Ich habe ja mit meiner Firma "Kravitz Design" schon ein paar Kronleuchter für Swarovski entworfen. Im Moment arbeite ich an einem Projekt namens Paramount Bay, einem 50-stöckigen Wohnhaus-Komplex in Miami Beach, für den ich die gesamte Innen-Ausstattung entwerfe. Außerdem haben mich Sam Nazarian und Philippe Starck gerade angeheuert, um die Präsidenten-Suite in ihrem neuen Hotel in Miami/South Beach zu gestalten.

Zur Person: Auch als Designer erfolgreich

Karriere Leonard Albert Kravitz wurde am 26. 5. 1964 in New York als Sohn einer Schauspielerin und eines TV-Produzenten geboren. Das Geld für die erste CD "Let Love Rule" lieh er sich vom Vater und schaffte damit 1989 den Durchbruch. Die größten Hits: "Are You Gonna Go My Way", "Fly Away", "Mama Said".

Nebenjobs Mit seiner Firma Kravitz Design arbeitet der Musiker zur Zeit an der Innenausstattung eines 50-stöckigen Wohnhaus-Komplexes in Miami Beach und der Präsidenten-Suite eines neuen Hotels von Philippe Starck. Als Schauspieler dreht er gerade "The Hunger Games", in dem er den Stylisten Cinna spielt.

CD-Kritik

Kravitz live: Am 18. 11. tritt der Gitarrist in der Wiener Stadthalle auf. Foto: Warner Music Kravitz live: Am 18. 11. tritt der Gitarrist in der Wiener Stadthalle auf.

Jazzige Bläser, ein funkiger Bass, spritzige Gitarren - so wie Lenny Kravitz mit dem Titelsong "Black And White America" in sein neuntes Studioalbum einsteigt, so klingt er auch auf dem Rest der 16 Songs. Er bringt Funk, Soul, R&B und somit den Spaß zurück in seinen Sound.

Dazwischen gibt es etwas Pop ("In The Black"), Rap ("Boongie Drop") und Gospel ("The Faith Of A Child". Geblieben sind die ansteckenden Melodien, die rockigen Gitarrenriffs, die Text-Themen Liebe und Frieden und die "Du schaffst es"-Botschaften. Doch mit der musikalischen Basis so ambitioniert wie nach einer Frischzellenkur klingen sie - selbst wenn Kravitz gelegentlich vom Storytelling ins Predigen verfällt - erträglich.

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(kurier) Erstellt am
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