Leben/Gesellschaft

Rückzug als Chance: Allein sein, um zu sich selbst zu finden

Wollen versus Müssen: Wenn es um das Thema Einsamkeit geht, könnte der Unterschied kaum schmerzlicher sein. Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände zur Einsamkeit gezwungen sind, verzweifeln. Menschen, die die selbst gewählte Einsamkeit suchen, wollen zu sich finden. Der Mensch ist viel zu oft einsam und viel zu selten allein.

Das Tosen der Gedanken

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer älteren Dame, deren Ehemann verstorben ist und mit mir darüber sprach, mit welcher Wucht sich die Stille in ihr Leben gedrängt hat. Sie war 37 Jahre verheiratet gewesen. "Eine gute Zeit, wir hatten immer etwas zu plaudern." Das nicht mehr tun zu können, einsam essen und einschlafen zu müssen, schien ihr unerträglich. Schließlich sortierte sie sich neu, ging hinaus, traf Menschen, öffnete sich. Die Wende. Aus dem Kokon der Einsamkeit zu schlüpfen, verdient großen Respekt.

Gleichzeitig denke ich an eine Freundin, die die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr bewusst alleine und schweigend verbrachte. Sie hatte eine Trennung zu verarbeiten, es ging ihr darum, das Tosen der Gedanken, die Ratschläge der Freundinnen, die Verwirrungen und Verirrungen auf Abstand zu halten. Die ersten Wochen nach dem Beziehungs-Aus hatte sie auf Partys, in Bars, im Non-Stop-Dialog verbracht. Auf der Flucht. Dieses "Nur nicht nachdenken", schien ihr keine Dauerlösung, also entschied sie sich für den Rückzug. Die Silvesternacht verbrachte sie solo an einem Lagerfeuer, irgendwann fand sie zu einer neuen, inneren Ordnung zurück, kam ins Reine. "Das ging nicht ohne Schmerz, es gab Stunden, in denen ich es kaum aushielt", sagt sie.

"Der unglückliche Mensch ist immer von sich selbst abwesend und niemals präsent", heißt es bei Søren Kierkegaard, dem dänischen Philosophen. Immer in Kommunikation, unter und mit anderen zu sein, lenkt vom Wesentlichen ab. Von dem, was wirklich ist und uns gerade bewegt. Für Partypeople und Non-Stop-Plaudertaschen ist Alleinsein keine Option, es passt nicht zum lauten Leben. Dabei kann der Rückzug wie eine Kraftquelle wirken, aber das erkennen viele Menschen oft erst, wenn es zu spät ist und die Kraft versiegt.

Suche nach Stille

Die bewusste Suche nach Stille, das Kontemplieren, liegt vielleicht genau deshalb im Trend. Den überlasteten Menschen zieht es neuerdings nicht nur in Wellnessoasen, sondern in Schweigeseminare oder ins Kloster, um geistig zu fasten: Handyfasten. Computerfasten. Oder Kommunikationsfasten. Ziel ist es, sich in der Begegnung mit sich selbst wieder neu kennen zu lernen. Manche Menschen suchen diese selbst gewählte Einsamkeit in besonderen Lebensphasen, um zu Entscheidungen zu kommen oder einen neuen Weg zu ebnen. Man "spricht" dann vor allem zu sich selbst. "Das Schweigen führt uns zur ehrlichen Selbsterkenntnis, nackt und bloß. Wir können nicht mit Worten verbergen, was in uns ist. Wir müssen uns stellen", heißt es im Buch "Klarheit, Ordnung, Stille" von Anselm Grün. Der Rückzug hat noch etwas Gutes: Wer der Stille lauscht, ändert sein Tempo und achtet auf eigene Rhythmen. Und selbst für das tägliche Leben gilt: Wir müssen nicht immer alles im Dialog mit anderen zerreden. Oft bringt es viel mehr, mit sich, in einer Art "Zwischenraum" – etwas zu überdenken.

Es gibt übrigens viele wunderbare Orte, um ein bisschen allein zu sein: der Wald, der Berg, eine Kapelle oder Kirche, der Friedhof. Und manchmal hilft es einfach nur, etwas länger am stillen Örtchen zu sitzen, ohne Handy, ohne Zeitung.