Chronik/Welt

"Ever Given" endlich befreit, Suezkanal wieder frei

Nach langem Hin und Her ist es am Montagnachmittag schließlich doch noch geglückt: Das niederländische Bergungsunternehmen des Containerschiffes „Ever Given“ im Suezkanal ist frei. Zuvor hatte man noch vor zu schnellem Jubel über eine Freilegung des Kanals gewarnt. Die „Ever Given“ sei nur am hinteren Teil freigelegt worden. „Aber der Bug sitzt noch völlig fest“, sagte Peter Berdowski, Chef des Unternehmens Boskalis am Montagmorgen im niederländischen Radio. „Es bewegt sich was, das ist die gute Nachricht“, sagte er. 

Am Montagnachmittag schließlich die endgültige Entwarnung: Ein sogenannter Schiffstracker und das ägyptische Fernsehen zeigten den Frachter in der Mitte des Kanals.

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Die 400 Meter lange "Ever Given" hatte rund eine Woche lang den Weg für mindestens 369 wartende Schiffe versperrt und damit für Verzögerungen im Welthandel und bei Lieferketten gesorgt. Die ohnehin durch die Corona-Pandemie gebeutelte Schifffahrt könnte die Folgen der Blockade laut dem weltgrößten Reeder Maersk noch Monate lang spüren. Die "Ever Given" gehört zu den größten Containerschiffen der Welt. Sie hatte sich am Dienstag vergangener Woche bei starkem Wind in dem Kanal zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer verkeilt.

Um das mit 13.800 Containern beladene Schiff wieder flott zu bekommen, hatte die Suez Canal Authority (SCA) zuletzt schon eine Entladung vorbereitet. Letztlich kam das Schiff aber mit Hilfe von Schleppern frei, nachdem in den vergangenen Tagen Zehntausende Kubikmeter Sand ausgebaggert worden waren.

Als der Frachter Montagfrüh ägyptischer Zeit in Gang kam, gab es Applaus und ein Hupkonzert der Schlepper-Crews, wie in Social-Media-Videos zu sehen und zu hören war. An der Bergung der "Ever Given" ist auch die niederländische Bergungsfirma Smit Salvage beteiligt. Der Chef des Mutterkonzerns Boskalis, Peter Berdowski, zeigte sich erfreut über den Fortschritt. Das vollständige Freischleppen sei aber "keine leichte Übung", warnte Berdowski im niederländischen Rundfunk. Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi hatte sich bisher noch nicht öffentlich zur Lage im Suezkanal geäußert. Am Montag erklärte er, Ägypten habe die Krise beendet und die Wiederaufnahme des Handels durch den Kanal gesichert.   

Das Unglück hat weltweit Lieferketten durcheinandergebracht. Die deutsche Industrie fürchtet Versorgungsengpässe. Der vor gut 150 Jahren eröffnete und vor einigen Jahren erweiterte Kanal ist Kernstück der kürzesten Seeverbindung zwischen Europa und Asien. Über die Wasserstraße werden unter anderem Möbel, Elektrogeräte und Kleidung nach Europa geliefert. Umgekehrt sind durch den Stau jetzt auch leere Container auf dem Rückweg nach Asien auf der Strecke geblieben.

Die dänische Reederei Maersk erklärte, selbst wenn der Kanal nun wieder eröffnet werde, gebe es noch Wochen, wenn nicht Monate deutliche Auswirkungen auf die internationale Schifffahrt. Die Corona-Pandemie hatte bereits zu Engpässen bei der Einfahrt und Abfertigung in Häfen weltweit geführt. Bei Maersk und auch beim Hamburger Rivalen Hapag-Lloyd sind mehrere Schiffe direkt von der jüngsten Blockade betroffen, indem sie entweder im Kanal feststeckten, davor warten mussten oder umgeleitet wurden.   

Laut Maersk könnte es mindestens sechs Tage dauern, bis der Stau ganz aufgelöst werden kann. Der Kanalbetreiber SCA geht dagegen von maximal drei Tagen aus und sicherte zu, die Beförderung der wartenden Schiffe durch den Kanal nach Bergung der "Ever Given" zu beschleunigen. "Wir werden nicht eine Sekunde vergeuden", versprach der SCA-Vorsitzende Osama Rabie.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnet noch nach einer Bergung der "Ever Given" mit Nachwirkungen für den Welthandel. Die Ratingagentur Fitch geht davon aus, dass auf Rückversicherer wegen der Blockade Verluste von Hunderten Millionen Euro zukommen. Das werde auf die Bilanzen durchschlagen und auch die Preise für Rückversicherungen der Schifffahrt in die Höhe treiben.

Positive Effekte meldet dagegen die Bahn: Die Blockade im Suez-Kanal hat nach Worten einen Konzernsprechers die Nachfrage nach Schienen-Transporten von und nach Asien spürbar erhöht. Die Züge benötigten nach China ohnehin mit zehn Tagen nur etwa halb so lang wie das Schiff. Die Nachfrage habe schon mit Beginn der Pandemie zugenommen.