"Der Tod ist die Krönung des Lebens"

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Foto: Kurier

Der auch in Österreich polarisierende Sterbehelfer Ludwig Amadeus Minelli über seine Kunden, seine Mitarbeiter und seine Freude, wenn jemand bleibt statt geht.

Er sucht nicht oft und nie freiwillig das Licht der Öffentlichkeit. Sterbehilfe ist ein intimer Akt und auch ein diskretes Geschäft in seinem Heimatland, der Schweiz. Schon einmal hat Ludwig Amadeus Minelli, Gründer des Vereins Dignitas, unsere Interview-Anfrage abgelehnt. Heute spricht der 82-jährige Journalist und Rechtsanwalt aus Zürich ausführlich im KURIER. Auch deshalb, weil in Österreich die Regierungsparteien mit Hilfe der Opposition das Verbot der Sterbehilfe in den Rang eines Verfassungsgesetzes heben wollen.

KURIER: Herr Minelli, was ist Ihr wichtigstes Argument für Sterbehilfe?

Ludwig A. Minelli: Wir wissen heute, dass jene, die einen Suizid ins Auge fassen und in die Beratung gehen, die besten Chancen in Richtung Leben haben. Nur jeder Dritte, der sich an uns wendet, wählt am Ende den Freitod. Das Wissen, dass der Notausgang offen ist, ermöglicht vielen, weiterzuleben und zu schauen, wie lang es auszuhalten ist. In der Regel sind die Leute stärker als sie gedacht haben.

Die Gegner der Sterbehilfe argumentieren, dass eine Aufhebung des Verbots den Druck auf alte Menschen erhöht. Zum Beispiel, wenn Nachfahren schneller erben möchten.

In unserer Arbeit seit bald 16 Jahren ist uns so ein Fall noch nie begegnet. Außerdem haben erbgierige Nachfahren heute schon gute Optionen: Wenn sie ihre Leute in den Alters- und Pflegeheimen nicht mehr besuchen. Dann verkümmern die sozial und sterben vorzeitig.

Sie haben den Verein Dignitas 1998 in Zürich gegründet. Wie viele Menschen wurden seither von Ihren Ärzten ins Sterbezimmer geführt?

Mehr als 1700.

Darunter auch Österreicher?

36 insgesamt. Im Vorjahr waren unter den 205 Menschen, die wir in den Freitod begleitet haben, sieben Österreicher.

Was sind die drei häufigstgenannten Krankheiten, an denen Ihre Kunden leiden?

Nummer eins sind Krebserkrankungen, gefolgt von neurologischen Erkrankungen wie etwa Multiple Sklerose. Und dann gibt es auch noch sehr betagte Menschen, die an mehreren Einzelbeschwerden leiden, die nicht zum Tod führen, aber die Lebensqualität dermaßen reduzieren, dass sie sagen: So will ich nicht weiterleben.

… Foto: Kurier Wie nehmen die Leuten mit Ihnen Kontakt auf?

In der Regel durch eMail, Brief oder Telefon. Wir brauchen in jedem Fall ein Ansuchen von der todeswilligen Person. Außerdem einen Lebensbericht, der uns die Gelegenheit gibt, sie näher kennen zu lernen.

Wer entscheidet und übernimmt damit auch die Verantwortung?

Wir haben sechs erfahrene Ärzte, mit denen wir kooperieren. Die bekommen von uns die Unterlagen, fungieren als Gatekeeper. Nach eingehender Prüfung schreiben sie das Rezept.

Das heißt, es entscheidet ein einzelner Arzt, kein Gremium?

Der Arzt kann Expertise hinzuziehen, auch weitere Laborbefunde einfordern.

Mit welchen Medikamenten arbeiten Ihre Ärzte konkret?

Ausschließlich mit Natriumpentobarbital (ein starkes Betäubungsmittel, das in den USA auch bei Hinrichtungen verwendet wird und heute nicht mehr als eigenes Medikament, sondern nur als Wirkstoff gekauft werden kann, Anm.)

Wie wirkt das Betäubungsmittel?

Es bewirkt zunächst ein tiefes Koma, und dann eine Lähmung des Atemzentrums.

In welcher Zeitspanne?

Einschlafen in etwa zwei bis fünf Minuten. Die Lähmung stellt sich in der Regel in zwanzig Minuten bis einer Stunde ein. Wir hatten einen Extremfall, da dauerte es 37 Stunden. Da dürfte aber die Resorptionsfähigkeit des Magen-Darm-Trakts beeinträchtigt gewesen sein.

Wo ist das Dignitas-Sterbezimmer?

Nach Beschwerden von Anrainern und Behörden mussten wir am Anfang öfters umziehen. Seit 2005 sind wir in einem Haus in einem Gewerbepark in Pfäffikon, nördlich von Zürich. Angehörige können dort dabei sein, in der Regel erleben wir sehr friedliche Abschiede.

Was kostet Sterben bei Ihnen?

Im Normalfall 7500 Euro, weil ja auch unsere Vertragspartner zu zahlen sind.

Das ist nicht billig. Was, wenn sich das jemand nicht leisten kann?

Dann gibt es für ihn einen Preisnachlass bis hin, dass nichts bezahlt werden muss.

Wie finanziert sich Ihr Verein?

Im Wesentlichen durch die Beiträge von 5000 Mitgliedern. Wir verstehen uns ja auch als Kampforganisation und brauchen für unsere politische Arbeit Geld.

Sie lehnen Antragsteller auch ab. Bitte ein Beispiel dafür?

Ich selbst habe einen 21-jährigen Mann aus Deutschland, der sich umbringen wollte, tagelang begleitet. Am Ende sah er ein, dass es auch für ihn eine Perspektive gibt. Einige Jahre später habe ich ihn besucht.

Das belgische Parlament hat vor wenigen Tagen die Sterbehilfe auf todkranke Kinder ausgeweitet. Behandeln Ihre Ärzte auch Kinder?

Bisher gab es diesbezüglich keine Anfragen.

Und wenn eine kommt?

Ich bin überzeugt, dass Kinder, die neun, zehn, elf, zwölf Jahre alt sind und an einer zum Tode führenden Krankheit leiden, ihre Situation richtig einschätzen können. Die Urteilsfähigkeit, das ist ja die entscheidende Frage. Diese Kinder wissen genau, was auf sie zukommt. Und damit können sie auch entscheiden, ob sie noch leiden oder jetzt gehen wollen. Dennoch würde ich aus Sicherheitsgründen noch das Gutachten eines Kinderpsychiaters einholen. Die Frage, ob jemand leben oder sterben möchte, ist an sich eine ganz simple Frage.

Apropos: Wie ist denn mit Ihrer eigenen Beziehung zum Tod bestellt?

Der Tod ist die Krönung des Lebens.

Das führt hier zu der krönenden Frage: Würden Sie sich auch selbst in die Hände Ihrer Ärzte begeben?

Ich würde es jedenfalls nicht ausschließen.

Fakten

Grenzgänger: Minelli & die Kritik in Österreich

Ludwig Amadeus Minelli wurde 1932 in Zürich geboren. Er arbeitete zuerst als Journalist, u. a. war er der erste Schweiz-Korrespondent für den „Spiegel“. Nach seinem späten Jus-Studium wurde er mit 54 Anwalt, spezialisiert auf Menschenrechte. 1998 gründete er den Verein Dignitas.

Zur Initiative

Minelli unterstützt in Österreich die Plattform „Religion ist Privatsache“, die sich gegen den im Regierungsprogramm verankerten Plan wendet, das Sterbehilfeverbot in den Rang eines Verfassungsgesetzes zu heben. Diese fordert eine ergebnisoffene Diskussion statt Kriminalisierung.

Buchtipp

Berührend: Ein Buch über Vaters letzte Reise

… André Bernheim ist 88, als ihn ein schwerer Schlaganfall aus der Bahn wirft. Der Pariser Kunstsammler, Lebemann und Liebhaber jedweden Geschlechts bittet danach seine Tochter, ihm den Freitod zu ermöglichen.
Emanuéle Bernheim, 59, lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Paris. Ihr aktuelles Buch „Alles ist gutgegangen“ (Hanser) ist ein präziser, berührender Bericht über den Suizid, aus der Sicht einer Angehörigen.

(kurier) Erstellt am
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