Wie es war, "als man wieder ein Mensch sein konnte"

Wie es war, "als man wieder ein Mensch sein konnte"
Sechs prominente Österreicher erinnern sich, wie sie die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs und den Übergang zu einem besetzten, aber demokratisch regierten Österreich erlebten.
Wie es war, "als man wieder ein Mensch sein konnte"
Es waren Schicksalstage für Österreich, wie sie dramatischer nicht hätten sein können. Vor 70 Jahren, am 27. April 1945, wurde in Wien eine provisorische Regierung unter Staatskanzler Karl Renner gebildet. Und das, obwohl Hitler in Berlin immer noch an der Macht war. Am 8. Mai waren der Nazi-Spuk und der Krieg dann vorbei, und die Menschen hofften auf bessere Zeiten.

"Paradiesisch" waren sie aber noch lange nicht. Sechs Prominente erinnern sich für den KURIER an die Tage des Umbruchs (siehe auch Fotostrecke unten), an die letzten Kämpfe sowjetischer gegen deutsche Truppen, an plündernde Russen, die dennoch die Freiheit brachten, an tote Soldaten und an Zivilisten, die unter Ruinen ihre Angehörigen suchten, an das Ende des Naziregimes und die ersten Theatervorstellungen nach dem Krieg.

Otto Schenk: "Das erste Stück Schinken"

Otto Schenk erzählt "vom Abzug der deutschen Truppen, der in diesen Tagen herrschenden Totenstille in der Stadt und vom ersten Jeep mit russischen Soldaten." Sein Vater, den die Nazis verfolgt hatten, "führte einen Freudentanz auf und schenkte fremden Leuten auf der Straße seine goldene Uhr. Als ich ihn fragte, warum er weinte, antwortete er: ,Schau, ich bin wieder ein Mensch!’"

Die Begeisterung endete, als die Wohnung der Familie Schenk von russischen Soldaten geplündert wurde. "Es war nahezu unerträglich, dass nach dem Naziterror wieder Schlimmes passierte. Und dennoch erfolgte die Menschwerdung meines Vaters durch die Russen, er hat das auch mit großer Dankbarkeit so aufgenommen. Wir umarmten uns in der Wüste unserer leer geplünderten Wohnung, weil wir alle am Leben waren. Was immer die Russen uns gestohlen haben, sie haben uns vom größten Verbrecher befreit."

Der damals 15-jährige Otto Schenk spazierte durch das zerstörte Wien und dachte, "aus der Stadt wird nichts mehr. Nur wenige Häuser waren heil geblieben, überall lagen Tote." Als am 13. Mai 1945 seine Großmutter starb, mussten er und seine Familie sie im Stadtpark begraben.

Die Situation besserte sich, als die Stadt viergeteilt war, "Amerikaner und Engländer erschienen als erlösende Engel". Einprägsam blieb "die Riesenfreude, als es nach dem Krieg die erste weiße Semmel, das erste Stück Schinken gab, und vor allem, als meine Schwester in britischer Militäruniform aus London zurückkehrte."

Lotte Tobisch: "Meine glücklichsten Tage"

"Ich wohnte mit meinen 19 Jahren allein in der Villa meiner Familie im Wiener Cottage, weil mein Stiefvater als Jude emigriert und meine Mutter bei Freunden in Bayern war." Als Lotte Tobisch erkannte, "wie sich die in Wien einmarschierenden russischen Soldaten für das revanchierten, was die Deutschen zuvor ihnen angetan hatten, bin ich von zu Hause weggelaufen. Ich gelangte auf abenteuerliche Weise in die Strudlhofgasse, wo der berühmte Raoul Aslan wohnte, bei dem ich Schauspielunterricht genommen hatte. Dort blieb ich einige Zeit unter seinem Schutz."

In Wien herrschte unvorstellbares Chaos, doch das Leben ging, als der Krieg im Osten Österreichs vorbei war, weiter: "Die Sowjets befahlen, dass die Wiener Theater wieder bespielt würden, und so war ich am 29. April 1945 als Statistin bei der ersten Vorstellung des Burgtheaters im Ausweichquartier Ronacher." Man gab Grillparzers "Sappho" mit Maria Eis in der Titelrolle. "Die Aufführung", sagt Lotte Tobisch, "musste nach zehn Minuten abgebrochen werden, da sich der sowjetische Marschall Tolbuchin verspätet hatte. Als er eintraf, ging’s noch einmal von vorn los."

Trotz der damals herrschenden Not zählen diese Tage für Lotte Tobisch "zu den glücklichsten meines Lebens. Es war unvorstellbar: Der Krieg war vorbei, Österreich war wieder Österreich und nicht mehr Ostmark. Und ich bekam einen Eleven-Vertrag fürs Burgtheater."

Die langjährige Opernball-Organisatorin meint, "dass die Jugend mehr erfahren sollte, was zwischen 1938 und 1945 in Österreich passiert ist. In den Schulen werden die Gräuel des Holocaust zu wenig gezeigt, und wenn das Fernsehen Dokumentationen bringt, dann meist zu Mitternacht, wo kein Mensch mehr zuschaut."

Martha Kyrle: "Ungeheure Aufbruchstimmung"

Die heute 98-jährige Tochter des SPÖ-Vizekanzlers und Bundespräsidenten Adolf Schärf lebte 1945 mit ihren Eltern im Haus Skodagasse 1 im achten Bezirk. "Ich habe als damals fast fertige Medizinerin im AKH gearbeitet", erzählt Martha Kyrle, "und ich war immer froh, dass unser Haus, wenn ich in die Skodagasse kam, noch gestanden ist. Wir waren oft im Luftschutzkeller, es gab fast täglich Bombenalarm, und dementsprechend groß war die Angst der Hausbewohner."

Dennoch herrschte in der Familie Schärf "eine ungeheure Aufbruchstimmung, da mein Vater seit 20. April 1945, um nach dem Ende des Naziregimes eine österreichische Regierung bilden zu können, mit Karl Renner in Kontakt stand". Ein solcher Kontakt war zu dieser Zeit lebensgefährlich, weil die Stadt immer noch von den Nationalsozialisten beherrscht wurde.

Bald nahm Adolf Schärf, der in den Jahren 1938 und 1944 in Gestapo-Haft war, auch mit Theodor Körner und dem späteren ÖVP-Mitbegründer Felix Hurdes sowie dem Widerstandskämpfer Fritz Molden Kontakt auf. "Für meinen Vater stand fest, dass Österreich als eigenständiger Staat wiedererstehen müsste. ,Die Liebe zum Deutschen Reich‘, sagte er, ,ist uns ein für allemal ausgetrieben worden.‘"

Arik Brauer: "Zum ersten Mal ein freier Mensch"

"Als ich Mitte April 1945 Schüsse hörte, bin ich aus der Wohnung meiner Mutter hinaus, die Gablenzgasse runtergelaufen, wo ich die ersten sowjetischen Panzer sah. Wie im Traum bin ich mit ihnen mitmarschiert, und die Russen haben mir freundlich zugelächelt. Ich war zum ersten Mal ohne Judenstern unterwegs und musste nicht im Rinnsal gehen, sondern konnte wie alle anderen den Gehsteig benutzen."

Noch tobte die Schlacht um Wien, und so beobachtete der 16-jährige Arik Brauer im Märzpark "eine Schießerei zwischen Russen und SS-Leuten. Ich bin auf einen Baum geklettert und hab gesehen, was Krieg bedeutet: Da ist ein Pferd mit heraushängenden Eingeweiden getaumelt, rundherum standen viele Frauen. Kaum war es umgesunken, haben sich alle mit Messern und Hacken auf das Pferd gestürzt und haben es zerstückelt, in einer Viertelstunde war nichts mehr da." So viel zum Hunger im damaligen Wien.

Arik Brauer konnte sich endlich angstfrei bewegen, "bis dahin musste ich jeden Tag um mein Leben fürchten". Der spätere Maler und Sänger hatte als "Mischling" zu Beginn der Nazizeit eine "Judenschule" besucht und dann drei Jahre als Tischler für den Ältestenrat der Juden in Wien gearbeitet. "Nun erlebte ich einen Einschnitt von einmaliger Dramatik, ich war ein freier Mensch und wurde nicht mehr, wie die Nazis es ausdrückten, als ,Untermensch‘ behandelt."

Elfriede Ott: "Alle Männer der Familie waren tot"

"Ich verbrachte die letzten Kriegstage mit meiner Mutter im Keller unseres Wohnhauses am Wiener Kohlmarkt", blickt Elfriede Ott zurück. "Irgendwann, ich kann nicht mehr sagen, wann es genau war, trauten wir uns wieder auf die Straße, sahen das von Vandalen zerstörte Uhrengeschäft meiner Familie. Ich ging hinüber zum Burgtheater, weil ich wissen wollte, ob es noch steht. Auf dem Heldenplatz lagen tote Soldaten." Da das Burgtheater schwer beschädigt war, kehrte die 20-jährige Schauspielerin Tage später zurück, um mit anderen Ensemblemitgliedern den Schutt wegzuräumen.

Und noch ein Bild bleibt Elfriede Ott unvergesslich: "Als ich an den Trümmern des Palais Palffy vorbeikam, wühlte dort ein Mann mit einem Stock im Schutt. Er hat seine Tochter gesucht."

Mit Ausrufung der Republik am 27. April 1945 erlebte die Ott "nach der bösen Zeit eine Zeit der Zuversicht, aber es hat noch lange gedauert, bis es den Menschen spürbar besser ging. Und die Trauer ist geblieben, mein Vater und mein Großvater waren gestorben, mein Bruder in Russland gefallen. Alle Männer in der Familie waren tot. Ich versuchte meinen Trost im Theater zu finden, bin sofort wieder aufgetreten: Im Ronacher, im Akademietheater, im Redoutensaal." Doch es gab auch Andersdenkende: "Eine Bekannte von uns konnte es nicht zur Kenntnis nehmen, dass eine andere Zeit angebrochen war. Sie wollte es einfach nicht wahrhaben."

Heinz Fischer: "Bombenkrater, Schutt, Trümmer"

Heinz Fischer war 1945 knapp sieben Jahre alt. Der heutige Bundespräsident hat das Kriegsende nicht in Wien erlebt, da ihn die Eltern aus Sorge wegen der Bombenangriffe zuerst nach Pamhagen und dann nach Loich an der Pielach in Niederösterreich verschickt hatten. "In den letzten Kriegswochen sind ausgemergelte, auf der Flucht befindliche Soldaten durch den Ort gezogen", erinnert sich Fischer, "und besonders einprägsam war mir ein Zug ungarischer Juden, die aus einem Konzentrationslager Richtung Westen transportiert wurden." Nach Wien zurückgekehrt, wohnte die Familie Fischer "in einem Haus, in dem auch russische Besatzungssoldaten einquartiert waren. Sie waren sehr nett zu uns, ich habe diesbezüglich keine schlechten Erinnerungen. Wenn ich aber – was nicht allzu häufig vorkam – meinen Vater in die Stadt begleitete, bot sich ein trostloser Anblick an Ruinen, Bombenkratern, Schutt und Trümmern."

Als Bundespräsident erinnert Heinz Fischer daran, dass der 27. April 1945 für Österreich "ein Wendepunkt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. Die Hitler-Diktatur wurde durch die Demokratie ersetzt, dem Wahnsinn des Krieges folgte eine lange Friedensperiode, die Hakenkreuzfahne wurde durch die rot-weiß-rote Fahne ersetzt, der Anschluss an Hitler-Deutschland rückgängig gemacht. Vor 70 Jahren wurden historische Weichen gestellt, und es hat in diesen 70 Jahren keinen einzigen Tag gegeben, an dem wir diese Weichenstellung in Richtung Demokratie, Frieden und Unabhängigkeit zu bereuen gehabt hätten."

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