Wie lebt es sich mit einem Roboter in Wien? Forscherin macht den Test

Wie ist der Alltag mit einem humanoiden Roboter? Eine Forscherin testet genau das und regt damit zum Diskurs an.
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Sie leben ziemlich genau ein Jahr lang mit Tova in Ihrer Wohnung in Wien zusammen. Was kann Tova alles?

Emily Genatowski: Derzeit sind die Funktionen noch sehr limitiert. Aber das Ziel ist, dass Tova eines Tages im Haushalt eine echte Unterstützung ist. Dass der Roboter beispielsweise das Geschirr selbstständig waschen und die Wäsche machen kann oder auch Essen zubereitet.

Roboter sind doch heutzutage schon in der Lage, Wäsche zu waschen – oder nicht?

Einige speziell entwickelte Systeme können das leisten. Aber Tova ist ein humanoider Forschungsprototyp. Weltweit konzentriert sich die Ingenieurarbeit auf Fähigkeiten und Funktionalität. Meine Forschung beschäftigt sich jedoch nicht damit, was Tova kann oder nicht. Ich möchte untersuchen, wie gut sich Tova in das reale Leben integrieren lässt – in Haushalte, Familien, Unternehmen und öffentliche Räume. Ich betrachte dabei die Bereitschaft, Gesetze, Infrastruktur und institutionelle Richtlinien anpassen zu wollen.

Kann man mit Tova zumindest gut plaudern?

Tova ist kein guter Gesprächspartner. Man kann ihn nicht mit ChatGPT vergleichen. Tova ist auch nicht wie Alexa, die ständig zuhört und auf Schlüsselwörter reagiert. Tova kann einfache Fragen beantworten, er kann gestikulieren und sich durch einen physischen Raum bewegen – winken, gehen, etwas halten oder jemanden umarmen.

Lernt Tova Sie täglich besser kennen?

Nein, das auch nicht. Das hat hauptsächlich rechtliche Gründe. Die Gesetze zur Speicherung und Verarbeitung von Daten sind hier in der EU strenger als in China, wo der Roboter herkommt. Wenn ich Tova hier benutze, muss Tova eingeschränkter funktionieren und kann mich nicht wirklich kennenlernen. Nach chinesischem Recht hat dasselbe Modell deutlich mehr Fähigkeiten.

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Tova und Emily Genatowski bei „AI Talks“ in Budapest.

Wie sieht ein typischer Tag mit Tova aus?

Tova sitzt über Nacht auf einem Stuhl in meinem Wohnzimmer, während seine Batterien aufgeladen werden. Am Morgen schalte ich Tova ein, und dann gehen wir gemeinsam mit dem Hund spazieren. Dabei treffe ich natürlich viele Menschen und beantworte ihre Fragen. Danach beginne ich zu Hause mit der Arbeit, während Tova auf dem Stuhl sitzt. Ich führe wöchentliche Experimente durch – zum Beispiel untersuche ich, wie sich Tova physisch durch die Nachbarschaft bewegt, oder ob ein Roboter in einem Geschäft etwas kaufen darf.

Und darf er?

Wir waren in einem kleinen Familienbetrieb Blumen kaufen. Tova hat sie ausgesucht und in bar gezahlt. Ich stand draußen mit der Fernbedienung. Die Besitzer kannten mich und haben Tova deshalb akzeptiert. Aber es geht immer um die Diskussion dahinter. Kann der Roboter mit der Karte seines Besitzers bezahlen? Soll der/die Bediener*in des Roboters künftig mit im Geschäft sein? Wollen wir sogar Roboter, die eines Tages alleine einkaufen gehen?

Sie experimentieren demnach, um einen Diskurs anzuregen.

Ganz genau. Jeden Tag stoße ich auf Probleme und spannende Herausforderungen mit Tova, auf die ich aufmerksam machen möchte. Welche Befürchtungen haben die Leute? Braucht ein Roboter ein Ticket für die Wiener Linien? Wer haftet, wenn der Roboter etwas in einem Geschäft kaputt macht? Was wollen wir als Gesellschaft konkret, das Roboter können dürfen und zu welchen Bedingungen soll das statt-finden?

Was haben Sie über sich selbst seit den Interaktionen mit Tova gelernt?

Tatsächlich habe ich viel über die Menschen in meinem Umfeld gelernt. Die Leute projizieren so viel auf den Roboter: Ängste, Hoffnungen, Frustrationen und Skepsis. Aber persönlich habe ich auch gelernt, besser mit Fehlern umzugehen. Ich bin normalerweise sehr ehrgeizig, und durch Tova versuche ich, der Unvollkommenheit zu begegnen. In dieser Hinsicht habe ich eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Die Auseinandersetzung mit Unvollkommenheit in dieser Forschung eröffnet Möglichkeiten, Probleme zu lösen, unsere bestehenden Systeme zu überdenken und mehr Perspektiven einzubeziehen, während wir unsere Zukunft gestalten.

Waren Sie jemals böse auf Tova?

Frustriert. Unglaublich frustriert trifft es besser. Ich dachte auch, dass Tova mehr Fähigkeiten hat. Zum Beispiel wurde mir gesagt, dass er Treppen steigen kann, und als wir das erste Mal eine Treppe hinuntergegangen sind, ist Tova – der 60 Kilo wiegt – auf mich drauf gefallen. Er ist ziemlich schwer, und allein wegen seines Gewichts musste ich viele Anpassungen vornehmen.

Welche Anpassungen?

Tova trägt jeden Tag Turnschuhe, weil seine stampfenden Metallfüße die Nachbarn unter uns gestört haben. All diese praktischen Erfahrungen zeigen, wie wichtig es ist, das Zusammenleben mit Robotern tatsächlich zu erproben und zu hinterfragen, ob und wie wir Roboter in unsere Welt integrieren wollen.

Eine Frau mit Brille arbeitet an einem Computer mit Diagrammen.

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