Weniger Arbeitslosengeld? Forscher warnen vor diesem Effekt
Die Höhe des Arbeitslosengeldes zählt seit Jahren zu den umstrittensten Themen der Sozialpolitik. Befürworter von Kürzungen argumentieren häufig, geringere Leistungen würden den Druck erhöhen, rascher eine Arbeit anzunehmen und damit Beschäftigung und Wirtschaftswachstum fördern. Doch die Realität ist deutlich komplexer. Ein Forschungsteam des European University Institute, der York University und der Technischen Universität Wien hat ein ökonomisches Modell entwickelt, das das Verhalten von Arbeitnehmer*innen und Unternehmen realitätsnah abbildet. „Sie suchen nach neuen Jobs, steigen in der Karriereleiter auf, verhandeln ihre Löhne und legen Geld zur Seite, um sich abzusichern. Gleichzeitig entscheiden Unternehmen über Investitionen und neue Stellen“, erklärt Prof. Nawid Siassi von der TU Wien.
Prof. Nawid Siassi von der TU Wien.
10-Prozent-Kürzung
Mithilfe umfangreicher Daten wurde das Modell kalibriert, um die Folgen politischer Reformen abzuschätzen. Die Forscher*innen simulierten u.a. eine Kürzung des Arbeitslosengeldes um zehn Prozent. Das Ergebnis bestätigt zunächst die Erwartungen vieler Reformbefürworter*innen: Die Beschäftigung steigt, mehr arbeitslose Menschen nehmen Stellen an, die sie zuvor abgelehnt hätten. Klingt zunächst einmal positiv. „Aber es gibt auch eine Schattenseite: Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität geht insgesamt zurück, weil Angestellte Jobs mit geringerer Produktivität annehmen. Die Durchschnittsgehälter gehen zurück und die Einkommens-Ungleichheit nimmt erheblich zu“, warnt Siassi. Obwohl die Wirtschaftsleistung insgesamt wächst und mehr Menschen beschäftigt sind, verlieren Arbeitnehmer*innen laut Modell an Wohlstand. Für Personen, die neu in den Arbeitsmarkt eintreten, entspricht dieser Verlust rund 1,3 Prozent ihres gesamten Lebenskonsums.
„Kürzungen beim Arbeitslosengeld erhöhen zwar die Beschäftigung, führen aber zu Wohlstandsverlusten“
Institut für Stochastik und Wirtschaftsmathematik TU Wien
Unterqualifiziert
Ursache dafür sind vor allem zwei Faktoren: Das finanzielle Risiko steigt durch die geringere staatliche Absicherung deutlich an. Gleichzeitig erhöht der finanzielle und psychische Druck die Wahrscheinlichkeit, dass Arbeitslose den erstbesten Job annehmen, statt nach einer Stelle zu suchen, die ihren Qualifikationen entspricht. Die Studie zeigt zudem, dass Reformen je nach Alter, Einkommen und Vermögen sehr unterschiedlich wirken. „Kürzungen beim Arbeitslosengeld erhöhen zwar die Beschäftigung, führen aber zu Wohlstandsverlusten“, fasst Siassi zusammen. Zudem seien die gesamtwirtschaftlichen Rückkopplungen erheblich: Löhne, Kapital, Zinsen und das Stellenangebot verändern sich gleichzeitig und beeinflussen die Wirkung von Reformen maßgeblich.
Anreizsysteme
Aus wissenschaftlicher Sicht sprechen die Ergebnisse für alternative Anreizsysteme. Statt Sozialleistungen zu kürzen, könnten etwa steuerliche Zuschüsse für niedrige Einkommen die Erwerbsbeteiligung erhöhen, ohne die soziale Absicherung zu schwächen.
Langfristig sieht der Wirtschaftsmathematiker jedoch einen anderen Hebel als entscheidend: „Die Höhe des Arbeitslosengeldes ist langfristig nur ein kleiner Stellhebel. Nachhaltige Arbeitsmarktpolitik ist immer auch Bildungspolitik. Um dem Fachkräftemangel und dem technologischen Wandel zu begegnen, ist das Bildungssystem der entscheidende Faktor. Gerade vor diesem Hintergrund sind die unlängst angekündigten Sparpläne der Regierung bei den Hochschulen äußerst kritisch zu betrachten. Wenn wir hier kürzen, sägen wir an dem Ast, der die Produktivität von morgen sichert.“
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