Proteste: Wie Irans Regime soziale Medien manipuliert

Ein Forschungsprojekt an der Universität Wien untersucht die Rolle sozialer Medien bei den Protesten im Iran.
Veiled woman watching inscription on wall indicating uncensored Internet spot

Sie hatte ihr Leben vor sich. Die 23-jährige Jina Mahsa Amini wollte Biologie studieren und verbrachte die letzten freien Tage vor Semesterbeginn in Teheran. Dort wurde sie von der Sittenpolizei wegen „unislamischer Kleidung“ festgenommen – obwohl sie einen langen Umhang und ein Kopftuch trug. Bereits im Polizeibus wurde Jina Amini misshandelt. Sie starb an einem Schädel-Hirn-Trauma. Ihr Tod löste 2022 im Iran Massenproteste aus. Hossein Kermani, Postdoc an der Universität Wien, untersucht in seinem vom WWTF geförderten Forschungsprojekt, welche Taktiken das Regime während der #Mahsa Amini-Bewegung nutzte, um die Proteste zu stoppen.

Welche Rolle spielen soziale Medien bei den Protesten im Iran?

Hossein Kermani: Im Iran wurden soziale Medien zum einzigen verfügbaren Raum, in denen die Menschen ihre Stimmen erheben konnten, um Gewalt und Ungerechtigkeit aufzudecken, Aktionen zu koordinieren und Informationen zu verbreiten, die das Regime nicht öffentlich werden lassen möchte. Genau deshalb sind sie für das Regime so bedrohlich und es versucht, die sozialen Medien zu kontrollieren, zu infiltrieren und zu manipulieren.

Wie kann die Bevölkerung das Internet trotz Zugangsbeschränkungen nutzen?

Die Geschichte des Internets im Iran ist die Geschichte von Sperrungen und Filtern. Daher greifen die Menschen auf verschiedene Werkzeuge zurück, um diese Kontrollen zu umgehen – von VPNs über Proxys bis hin zu Starlink-Terminals. Ihre Nutzung wird allerdings vom Regime kriminalisiert: Der Besitz eines Starlink-Geräts wird etwa wie Spionage behandelt und sehr hart bestraft. Dennoch versuchen die Iraner, ihre Stimme auf den verschiedenen Plattformen zu erheben.

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Hossein Kermani, PhD, Universität Wien.

Das Regime nutzt soziale Medien aber auch selbst?

Ja, um Unsicherheit, Hass und Zwietracht zu schüren. So verbreitet es etwa Verschwörungserzählungen, indem es behauptet, dass die getöteten Demonstrant*innen, nicht vom Regime, sondern von anderen Demonstranten oder ausländischen Geheimdiensten getötet wurden, oder dass die Demonstranten friedliche Bürger*innen töten. Da es nicht möglich ist, diese Behauptungen zu widerlegen, entsteht Unklarheit – die für das Regime nützlich ist, weil sie Verwirrung, Misstrauen und Fragmentierung unter den Demonstrant*innen und der Öffentlichkeit erzeugt.

Wenn der Internetzugang eingeschränkt oder gesperrt ist, warum greift das Regime dann zu solchen Methoden?

In der politischen Theorie ist das Überleben autoritärer Regime von mehreren Säulen abhängig – eine davon ist Repression. Diese kann durch Gewalt und durch Kontrolle des Zugangs zu Informationen erreicht werden. Aber wenn Bürger soziale Medien nutzen, um offizielle Narrative herauszufordern und Repression aufzudecken, schafft dies ernste Risiken für die Legitimität des Regimes. Daher kann es sich nicht nur auf technische Repression wie Filterung oder Sperrung verlassen.

Was hoffen Sie, durch Ihre Forschung zu erreichen?

Ich habe die Brutalität, Diskriminierung und Unterdrückung dieses Regimes miterlebt und erfahren. Ich habe gesehen, wie den Menschen die Fähigkeit genommen wird, frei zu denken, frei zu sprechen und einfach ein normales Leben zu führen, ohne die ständige Last von Ideologie und autoritärer Politik, die

jeden Aspekt der Existenz prägt. Ich hoffe, dass meine Arbeit – wenn auch nur in kleinem Maße – einen gewissen Einfluss darauf haben kann, dazu beizutragen, eine demokratischere Zukunft für den Iran zu schaffen.

Ihre Forschung wird nun gewissermaßen von den aktuellen Ereignissen überrollt. Wie beurteilen Sie diese?

Viele Iraner*innen sahen, zumindest in den ersten Tagen, keine andere Option als Krieg, weil jede friedliche oder zivile Form der Mobilisierung, jeder Versuch, ihre Stimmen zu erheben, und selbst die Teilnahme an inszenierten Wahlen keine bedeutenden Veränderungen hervorgebracht hatten. Jedes Mal eskalierte das Regime die Repression noch weiter. Aber es wurde den Iraner*innen auch schnell klar, dass der Krieg weder Freiheit noch Demokratie garantiert – und dazu viele unerwünschte Folgen mit sich bringt, einschließlich ziviler Opfer, Zerstörung, Traumata und langfristiger Instabilität. Und wir sollten realistisch sein: Die Vereinigten Staaten und Israel handeln nicht in erster Linie aus Sorge um die demokratischen Forderungen der iranischen Bevölkerung. Sie verfolgen ihre eigenen strategischen Interessen.

Und dennoch gilt meine Hoffnung einem echten demokratischen System im Iran, das die Rechte und den Willen der Menschen respektiert und ihnen hilft, entsprechend ihren eigenen Bestrebungen und Visionen zu leben.

Eine Frau mit Brille arbeitet an einem Computer mit Diagrammen.

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