Foresight statt Prognose: Wie Forschung Zukunft systematisch denkt

Durch einen systematischen Prozess können Entwicklungen oder Trends frühzeitig erkannt und Zukunftsszenarien erstellt werden.
Businessman holding a glass ball

Der Blick in die Zukunft ist für die Wissenschaft von großer Bedeutung. Das liegt auch daran, dass sich die Ansprüche an sie geändert haben. In Zeiten von Polykrisen – etwa Klimawandel, dem Niedergang von Demokratien oder dem Fehlen der Ernährungssicherheit – ist die Forschung zunehmend gefordert, Lösungen für die drängenden Probleme unserer Zeit zu liefern. „Dafür braucht es einen Blick nach vorne“, betont Dr. Simone Kimpeler, Leiterin der Abteilung Foresight beim Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. „Einige Entwicklungen lassen sich relativ gut absehen und somit weiterdenken. Allerdings gibt es Einflussfaktoren auf die Zukunft, bei denen nicht klar ist, wie sie sich in nächster Zeit entwickeln werden.“

Klarer sehen

Hier kommt die Foresight-Methode ins Spiel. „Mit ihr kann man offene Fragen systematisch angehen“, erklärt Simone Kimpeler. „Mit einer Szenario-Technik ist es möglich, verschiedene mögliche Zukunften zu beschreiben, um zu erkennen, worauf wir uns auf jeden Fall vorbereiten müssten, und was die Dinge sind, die nur in einem Szenario vorkommen.“

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Eines gleich vorweg: Foresight hat nichts mit Prognosen zu tun. Als solche gelten Aussagen über künftige Ereignisse, die auf Beobachten aus der Vergangenheit sowie theoretisch fundierten objektiven Verfahren und Daten beruhen. Als Beispiele seien Wetterprognosen oder die Voraussagen über ein Wahlergebnis genannt. „Bei der Foresight-Technik beginnt man in der Regel mit einem Horizon-Scanning, also mit einer Umfeldanalyse, bei der es darum geht, wichtige Trends und Treiber zu identifizieren, die einen Einfluss haben werden“, erläutert die Expertin. „Es wird also zunächst die Fragestellung kurz im Hinblick auf die Ist-Situation und auf mögliche anstehende Veränderungen beschrieben.“ Wichtig dabei ist, dass die Einflussfaktoren mit gut fundierten Quellen und Analysen belegt werden. Simone Kimpeler: „Es geht ja nicht um mein Bauchgefühl, sondern um eine fundierte Methodik.“

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Im Interview: Dr. Simone Kimpeler, Fraunhofer ISI.

Zukunft gestalten

In einem Szenario-Prozess werden also systematisch und evidenzbasiert mögliche Entwicklungen aufgezeigt. Im nächsten Schritt wird evaluiert, wie sich diese zueinander verhalten. Daraus können sich unterschiedliche Szenarien ergeben. „Es bringt wenig, sich auf nur ein Szenario zu fokussieren, wenn die Analyse ergeben hat, dass andere Szenarien ebenfalls möglich sind“, betont die Foresight-Expertin. „Das ist aber auch ein großer Vorteil: Bei der Szenario-Analyse können die Forscher*innen qualitativ unterschiedliche Perspektiven diskutieren und Handlungsoptionen entwickeln, selbst wenn wir nicht genau wissen, welche mögliche Zukunft eintritt.“

Was bei der Foresight-Methode nicht vergessen werden darf, ist, dass die Vorausschau nicht in Stein gemeißelt ist. „Wird heute eine Entscheidung getroffen, hat sie Auswirkung auf die Zukunft – dann sieht die Zukunft aber auch anders aus als die heutige Umwelt“, erläutert Simone Kimpeler. „Man darf also nicht nur überlegen, welche Auswirkungen eine Maßnahme hat, sondern auch, welche Auswirkung diese in einer veränderten Umwelt hat.“ Daher hält die Expertin insbesondere die Szenariotechnik für geeignet, um sich mögliche Zukünfte vorzustellen. „Es geht auch um das Thema des sich Vorstellens von möglichen Zukunften“, so Kimpeler. „Arbeite ich mit Szenarien, kann ich mit Geschichten oder mit konkreten Personas skizzieren, wie so eine Zukunft denn aussehen könnte – das ist wesentlich einprägsamer, als wenn da nackte Zahlen stehen.“ 

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Eine Frau mit Brille arbeitet an einem Computer mit Diagrammen.

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