Eurasien neu vermessen: Wiener Forschung erklärt die Welt von heute

Ein Wiener Forschungsprojekt erzählt Eurasien als vernetzte Geschichte und zeigt, warum Imperien, Religionen und Migration bis heute wirken.
Ein Globus zeigt Europa, Russland, Teile von Asien und Nordafrika mit deutlich lesbaren Ländernamen und Grenzen.

Was hat die Seidenstraße mit heutigen Konflikten zu tun? Warum berufen sich politische Führer auf jahrhundertealte Traditionen? Und weshalb lohnt es sich, Europa und Asien nicht länger getrennt zu denken? Wer diesen Fragen nachgeht, landet in einem Raum, der riesig ist – und doch enger vernetzt, als man vermuten würde: Eurasien.

Mit rund 36 Prozent der globalen Landmasse und etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung ist Eurasien der größte zusammenhängende Lebensraum der Erde. Zwei Drittel aller heute gesprochenen Sprachen sind hier beheimatet, ebenso große Weltreligionen. Für die Historikerin Prof. Claudia Rapp ist deshalb klar: Wer Geschichte verstehen will, darf Europa und Asien nicht länger getrennt betrachten. Eurasien war nie ein Nebeneinander isolierter Kulturen, über Jahrtausende hinweg standen Menschen in Verbindung – durch Handel, Diplomatie und Mission, aber auch durch Migration und Konflikte.

Diese Verflechtungen sichtbar zu machen, ist das Ziel eines groß angelegten Forschungsprojekts, gefördert vom Austrian Science Fund, das an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Universität Wien, der Central European University in Wien sowie der Universität Innsbruck durchgeführt wird. Es handelt sich hierbei um ein neuartiges Format der Kooperation, das zur Stärkung der Strukturbildung der Geisteswissenschaften innerhalb Österreichs beitragen wird.

Eine Frau mit Brille und blauem Blazer steht vor einem alten Karteikasten.

Prof. Claudia Rapp,w.M., FBA Direktorin, Institut für Mittelalterforschung (IMAFO) ÖAW und Professorin für Byzantinistik, Uni. Wien. Sie ist Sprecherin des mit 9,2 Millionen Euro vom FWF geförderten Exzellenzclusters, der das kulturelle Erbe Eurasiens erforscht.

3000 Jahre Geschichte

Im Zentrum steht die Frage, wie sich Gesellschaften über große Räume und lange Zeiträume hinweg verändern. Rund 3.000 Jahre Geschichte nehmen die Forschenden in den Blick. Dabei konzentrieren sie sich auf fünf zentrale Themenfelder: kulturelle und sprachliche Vielfalt, imperiale Dynamiken, Umwelt- und Wirtschaftstransformationen sowie Mobilität und Migration. Der große zeitliche und geografische Rahmen eröffnet völlig neue Perspektiven. Statt isolierter Ereignisse treten Muster hervor: Kontinuitäten ebenso wie Brüche. Wie entstehen Imperien – und warum zerfallen sie? Wie formen religiöse Diskurse Identität? Und wie reagieren Gesellschaften auf ökologische oder wirtschaftliche Umbrüche?

Historisches Wissen als Schlüssel der Gegenwart

Der Blick in die Vergangenheit hilft dabei, auch die Gegenwart besser zu verstehen. „Die Welt war schon immer vernetzt“, sagt Rapp – lange vor Massentourismus oder globalen Handelsrouten wie der „Neuen Seidenstraße“. Historisches Wissen liefert die nötige Tiefenschärfe, um aktuelle politische Entwicklungen einzuordnen. Viele heutige Narrative greifen auf historische Deutungen zurück – nicht immer korrekt, oft verkürzt.

Gerade hier sieht die Forschung eine wichtige Aufgabe: gängige Vorstellungen zu hinterfragen. Die Idee, dass nationale Grenzen oder ethnische Zugehörigkeiten seit jeher feststehen, hält der historischen Überprüfung oft nicht stand. Vielmehr zeigt sich, dass es immer wieder unterschiedliche Formen des Zusammenlebens und der politischen Organisation gab, allerdings flexibler, durchlässiger und vielfältiger, als heutige Debatten oft nahelegen.

Digitalisierung als Quantensprung

Neue technologische Möglichkeiten treiben diese Erkenntnisse zusätzlich voran. In den vergangenen Jahrzehnten wurden große Mengen historischer Handschriften digitalisiert. Nun gelingt es zunehmend, diese Texte automatisiert zu erschließen – über Sprach- und Schriftgrenzen hinweg. Die Forschung steht damit an der Schwelle zu einem „Quantensprung“, wie Rapp betont: Erstmals werden bislang unzugängliche Quellen systematisch auswertbar und vergleichbar gemacht.

Doch bei aller Technik bleibt eines zentral: die Interpretation. Daten allein erklären keine Geschichte. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, Zusammenhänge zu erkennen, einzuordnen und verständlich zu machen. Und auch der Begriff „Eurasien“ wird kritisch hinterfragt. Er ist keineswegs neutral, sondern politisch aufgeladen. In Ländern wie Russland oder der Türkei wird er genutzt, um historische Ansprüche zu untermauern. Umso wichtiger ist es, diese Bedeutungen offenzulegen. So entsteht ein differenziertes Bild eines Kontinents, der nicht trennt, sondern verbindet – damals wie heute.

Eine Frau mit Brille arbeitet an einem Computer mit Diagrammen.

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