Mein Partner will, dass ich abnehme. Was ist das für ein Zeichen?

Drei farbige Silhouetten von Menschen gehen mit Nordic-Walking-Stöcken nebeneinander.
Wenn ein Partner zum Abnehmen ermutigen will, kann das schnell falsch verstanden werden. Psychotherapeut Christian Beer gibt Rat.

Leserin Elisa B. (29) fragt: 

Ich bin gerade sehr verunsichert und weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Mein Partner (45) hat mir in letzter Zeit mehrfach gesagt, ich solle abnehmen und mehr Sport machen. Früher war das nie ein Thema zwischen uns – wir sind seit fünf Jahren zusammen –, und jetzt habe ich das Gefühl, als würde er plötzlich eine andere Version von mir erwarten. Einerseits verstehe ich, dass man sich gemeinsam gesund halten möchte. Andererseits verletzt es mich, dass er das so klar einfordert. Ich frage mich, ob ich ihm so, wie ich bin, nicht mehr genüge. Das macht mir Angst und setzt mich unter Druck, und ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ist das ein Warnsignal für unsere Beziehung?  

Antwort:

Ihre Verunsicherung und Kränkung sind sehr verständlich. Wenn ein Partner nach fünf Jahren Beziehung plötzlich Abnehmen und mehr Sport „einfordert“, berührt das selten nur das Thema Gesundheit. Es trifft meist einen empfindlichen Kern: das Gefühl, angenommen zu sein, attraktiv zu bleiben und in der Beziehung noch als die richtige Person zu gelten.
Aus evolutionspsychologischer Sicht ist es gut belegt, dass Männer körperliche Attraktivität im Durchschnitt stärker als Kriterium für Begehren und Partnerwahl gewichten als Frauen. Das erklärt, warum manche Männer in Phasen von Stress, Unzufriedenheit oder schwindender Lust schnell am Körper der Partnerin „herumschrauben“ wollen. Erklärend ist das, entschuldigend nicht. Die Verantwortung, Wünsche respektvoll zu formulieren, bleibt bei ihm.
In langen Beziehungen entsteht zudem ein typischer Spannungsbogen: Nähe schafft Sicherheit, aber Begehren lebt auch von Eigenständigkeit, Lebendigkeit und dem Gefühl, dass der andere nicht nur vertraut, sondern auch ein Stück „neu“ bleibt. Wenn Begehren sinkt, versuchen manche Partner das ungeschickt über äußere Veränderung zu reparieren, weil sie Attraktivität zu stark auf Körper reduzieren. Häufig steckt dahinter ein diffuser Wunsch nach mehr Vitalität, mehr gemeinsamer Aktivität oder mehr erotischer Spannung – nur eben schlecht übersetzt in eine Forderung.

Ihr Verdacht, dass hier auch Projektion im Spiel sein könnte, ist plausibel. Manche Menschen regulieren eigenes Unbehagen, indem sie es beim anderen platzieren: Wenn er selbst mit Alter, Fitness, Sexualität oder Selbstwert ringt, kann der Druck nach außen wandern. Dann wird aus seinem inneren Thema eine Aufgabe für Sie. Das wirkt kindlich und ungerecht, vor allem wenn er dabei nicht bemerkt, wie verletzend der Ton ist.
Trotzdem kann ein echter Wunsch nach Veränderung dahinterstehen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Form: Ein gemeinsamer Gesundheits- oder Aktivitätswunsch wäre partnerschaftlich, einseitige Forderungen sind abwertend. Wer liebt, kann Dinge wünschen – aber er muss sie so ausdrücken, dass Beziehung und Würde intakt bleiben.
Ein weiterer Faktor ist die heutige Reizüberflutung. Viele Männer sind permanent mit hochstilisierten Körperbildern konfrontiert – durch Social Media, Filterästhetik und Pornostandards. Das verschiebt unmerklich das, was als „normal attraktiv“ erlebt wird, und erhöht Erwartungen an den eigenen Alltagspartner. Das erklärt, warum manche plötzlich „Upgrades“ verlangen, ohne den Realitätsverlust dahinter zu sehen.

Ob das ein Warnsignal ist, hängt daher weniger am Wunsch selbst, sondern an seinem Umgang damit. Alarmierend ist, wenn er fordernd bleibt, Ihre Verletzung kleinredet, Sie beschämt oder keinerlei Selbstreflexion zeigt. Reif wäre, wenn er bereit ist, die Hintergründe auf seiner Seite mitzudenken, Verantwortung für den Ton zu übernehmen und das Thema als gemeinsames Beziehungsthema zu behandeln – nicht als Ihr Körperprojekt.
Sinnvoll wäre daher ein ruhiges Gespräch über die eigentliche Botschaft hinter seinen Worten: Was genau fehlt ihm – Nähe, Lust, gemeinsame Aktivität, Bewunderung, Sicherheit? Und welche Veränderungen wären beidseitig möglich, ohne Druck und Entwertung zu erzeugen? So wird aus einem verletzenden Forderungsthema entweder ein Entwicklungsprozess – oder es zeigt sich klar, ob hier ein Muster von Kontrolle und Abwertung entsteht. Ziel ist nicht, dass jemand „gewinnt“, sondern dass beide sich wieder respektiert und gewollt fühlen.

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