Abnehmspritzen-Test: Nur zwei Wirkstoffe überzeugen wirklich

Abnehmspritzen gelten als großer Durchbruch in der Adipositastherapie. Ein aktueller Test der Stiftung Warentest zeigt: Nicht alle Mittel halten, was der Hype verspricht.
Woman using semaglutide injection pen.

Die Stiftung Warentest hat alle in Deutschland zugelassenen Medikamente zur Gewichtsabnahme unter die Lupe genommen — insgesamt 17 Präparate in allen verfügbaren Dosierungen. Das Fazit ist differenziert: Bewertet wurden vier Wirkstoffe, zwei davon schneiden positiv ab, von zwei anderen wird eher abgeraten. Günstig ist keines dieser Mittel, bezahlt werden müssen sie von den Betroffenen selbst.

Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland gelten als stark übergewichtig. Hierzulande sind bereits rund die Hälfte der Erwachsenen und etwa 30 Prozent der Kinder übergewichtig. Neue Medikamente zur Gewichtsreduktion werden deshalb oft als großer Fortschritt gefeiert. Tatsächlich können manche dieser Mittel viel bewirken — aber eben nicht alle. „Zwei Wirkstoffe überzeugen in Kombination mit Lebensstilveränderungen, das ist das Ergebnis unseres Tests“, sagt Dr. Claudia Michael, Gesundheitsexpertin der Stiftung Warentest.

Für die Untersuchung wurden sämtliche in Deutschland zugelassenen Arzneimittel zur Gewichtsreduktion bewertet, darunter drei verschreibungspflichtige Abnehmspritzen sowie Orlistat-Kapseln in rezeptpflichtiger und rezeptfreier Variante. Grundlage waren hochwertige Metaanalysen, evidenzbasierte Leitlinien und Studien. Beurteilt wurden Wirksamkeit, Risiken, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

Am stärksten wirkt laut Stiftung Warentest Tirzepatid, das als wöchentliche Injektion unter dem Namen Mounjaro angeboten wird. In Kombination mit kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung sei nach einem Jahr eine Gewichtsabnahme von 13 bis 19 Prozent möglich. Dieser Effekt bleibe auch nach drei Jahren weitgehend erhalten.

Ebenfalls als geeignet bewertet wurde Semaglutid, erhältlich als wöchentliche Spritze unter dem Namen Wegovy. Hier liegt der erwartbare Gewichtsverlust nach einem Jahr bei 9 bis 12 Prozent, nach zwei Jahren bleibt er laut Auswertung großteils stabil.

Beide Wirkstoffe greifen in den Stoffwechsel ein, indem sie körpereigene Hormone nachahmen. Sie fördern das Sättigungsgefühl, verlangsamen die Magenentleerung und senken den Blutzucker. Es handelt sich also nicht um einfache „Fett-weg-Spritzen“, sondern um Medikamente mit deutlicher Wirkung auf zentrale Stoffwechselprozesse.

Schwere Nebenwirkungen

Weniger überzeugend fiel die Bewertung bei Liraglutid aus, das unter dem Namen Saxenda als tägliche Spritze verabreicht wird. Der Gewichtsverlust liegt hier nach einem Jahr nur bei 4 bis 5 Prozent. Gleichzeitig treten schwere Nebenwirkungen und Therapieabbrüche häufiger auf als unter Placebo. Die Stiftung Warentest bewertet das Nutzen-Risiko-Verhältnis deshalb als ungünstig.

Auch Orlistat schneidet schlecht ab — sowohl in der rezeptpflichtigen 120-Milligramm-Variante als auch in der frei verkäuflichen 60-Milligramm-Version. Der Fettblocker führt laut Auswertung selbst nach zwei Jahren lediglich zu einer Gewichtsabnahme von 2 bis 4 Prozent.

Die geeigneten Mittel sind aber keine Selbstläufer. „Ich rate ausdrücklich davon ab, sich allein auf die medikamentöse Therapie zu verlassen. Die begleitenden Lebensstiländerungen – mehr Bewegung und eine reduzierte Kalorienzufuhr – sind entscheidend, um langfristig erfolgreich zu sein“, sagt Michael. Zudem bauen die Medikamente nicht nur Fett, sondern auch Muskeln ab. Krafttraining und eiweißreiche Ernährung helfen, dem entgegenzuwirken.

Hinzu kommt: Beide als geeignet bewerteten Wirkstoffe sind erst seit wenigen Jahren auf dem Markt. Langzeitwirkungen über mehr als zwei bis drei Jahre sind noch weitgehend unbekannt. Und: Nach dem Absetzen steigt das Gewicht häufig wieder an.

Gefahren aus dem Internet

Und dann wäre da noch der Preis. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten in Deutschland nicht, weil die Mittel als Lifestyle-Präparate gelten. Je nach Wirkstoff und Dosierung liegen die Ausgaben bei 43 bis 122 Euro pro Woche, also bei bis zu rund 500 Euro im Monat. 

In Österreich belaufen sich die Kosten für Privatzahler je nach eingesetztem Präparat auf etwa 200 bis 580 Euro pro Monat. Nur wenn Übergewicht bzw. Adipositas mit Diabetes-Typ-2 einhergehen, übernimmt die Krankenkasse in bestimmten Fällen die Therapiekosten. Günstigere Generika von Mounjaro und Wegovy werden in der EU voraussichtlich frühestens ab 2030 verfügbar sein.

Alle Spritzen sind verschreibungspflichtig und sollten nur unter ärztlicher Begleitung eingesetzt werden. 

Zusätzlich verweist die Stiftung Warentest auf eine aktuelle Stichprobe der Verbraucherzentrale NRW: Beim Online-Kauf von Abnehmspritzen werde es Interessierten teils erschreckend leicht gemacht. Von zehn untersuchten deutschsprachigen telemedizinischen Plattformen verlangten vier keinerlei Nachweise zur Identität oder zum Körpergewicht. 

Bei fünf war eine Bestellung durch eine einfache Anpassung der Angaben im Fragebogen möglich – damit unter Umständen auch für Normalgewichtige.

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