Ständiger Streit der Kinder erschwert das Familienleben
Leserin Ursula M. (48) fragt:
Früher haben wir als Familie sehr viel zusammen unternommen. Doch seit einiger Zeit verstehen sich unsere beiden Kinder, Bub ist 12 und Mädchen 14, überhaupt nicht mehr. Ständig gibt es Streit wegen Eifersüchteleien, und das macht das Familienleben sehr schwierig. Es macht keinen Spaß mehr, gemeinsam etwas zu unternehmen, und wir Eltern haben mittlerweile dazu keine Lust mehr, weil wir Angst haben, dass es wieder eskaliert. Was können wir tun, damit die beiden besser miteinander auskommen und wir wieder schöne Familienmomente erleben können?
Antwort:
Ehrlich gesprochen: gar nicht viel. Eltern müssen sich vielleicht mit der Tatsache anfreunden, dass sie nicht die Persönlichkeit der Kinder formen, sondern nur begleiten. Dementsprechend können Sie den Kindern zwar mitteilen, dass Sie keine Lust mehr haben, etwas gemeinsam zu machen, wenn es immer eskaliert, allerdings können Sie dadurch die Streitigkeiten nicht verhindern. Kinder können sich ab 12–13 Jahren eine Außenperspektive auf ihr eigenes Verhalten bewusst machen und beginnen dadurch ihr Verhalten zu regulieren. Diese Außenperspektive können Sie unterstützen, indem Sie beobachtend und neutral beschreiben, was Sie wahrnehmen, wie es auf Sie wirkt und welche Folgen das Verhalten Ihrer Kinder auf gemeinsame Planungen hat. Wenn Ihre Kinder trotzdem weitermachen, setzen Sie gemeinsame Aktivitäten aus und einigen sich vielleicht mit Ihrem Partner, dass Sie zumindest für eine gewisse Zeit etwas getrennt mit den Kindern unternehmen. Dabei wird wahrscheinlich der Sohn eher etwas typisch „Männliches“ mit dem Vater machen wollen, wo es eher um Wettkampf, Sport (Veranstaltungen) geht, und die Tochter will – wenn überhaupt – mit 14 eher etwas mit Ihnen unternehmen. Denken Sie auch daran, dass statistisch ab 12 Jahren Kinder und Eltern ca. 75 Prozent der gemeinsamen Zeit bereits erlebt haben, ab 19 Jahren sogar etwa 95 Prozent. Ihre Kinder nervt vielleicht in dieser Phase Ihrer Entwicklung generell das Familienleben, denn gerade in diesem Alter spielen Geschlechtsunterschiede oft eine große Rolle, und die Interessen unterscheiden sich zunehmend.
Das gilt beispielsweise für den Umgang mit digitalen Medien: Jungs tendieren eher zum „Zocken“, Mädchen eher zu Social-Media-Plattformen wie Instagram oder TikTok. Ihr Wunsch, mehr „schöne Familienmomente zu erleben“, wird daher in der Zukunft – abgesehen von Feiertagen und Geburtstagen – vielleicht seltener verwirklicht. Letztlich ist das aber auch eine gesunde Entwicklung: Kinder wollen in diesem Alter ihre neu entdeckte Autonomie spüren und erleben und sich nicht an den Wünschen der Eltern orientieren. „Schöne Momente“ bedeuten in diesem Alter oft etwas ganz anderes.
Chance für die PartnerschaftVielleicht ist das auch eine Chance für Ihre Partnerschaft, sich wieder mehr auf die Beziehung zu konzentrieren und schöne gemeinsame Momente zu erleben. Das ist für Ihre Kinder auch ein wichtiges Modell – vor allem, wenn sich Eltern nicht nur über ihre Elternrolle definieren, sondern auch als Paar leben. Gemeinsame Urlaube – vielleicht auch mit Freunden der Kinder – sowie Feiertage runden die Rollenvielfalt in der Familie vielleicht dann wieder ab. Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass starke Streitigkeiten auch andere Ursachen haben können: Wie gehen Sie als Eltern vor den Kindern miteinander um? Reden Sie respektvoll miteinander oder eskalieren auch Konflikte zwischen Ihnen? Dann wäre das folgerichtig Teil einer Familiendynamik bzw. -kultur.
In seltenen Fällen kann es auch sein, dass bei Kindern eine Persönlichkeitsstörung vorliegt und das Zusammenleben dadurch dauerhaft belastet ist, weil bestimmte Verhaltensweisen nicht nur eine Phase, sondern Ausdruck von stabilen Persönlichkeitseigenschaften sind (wie z. B. bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung). Wenn Tendenzen bereits ab 4–5 Jahren erkennbar waren, kann eine Abklärung durch einen Kinder- und Jugendpsychiater sowie eine klinisch-psychologische Testung sinnvoll sein, um frühzeitig eine geeignete Therapie einzuleiten. In diesem seltenen Fall müssen Sie sich keine Vorwürfe machen: Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist zu etwa 75 Prozent genetisch bedingt und nur sehr selten Folge von Traumata oder „schlechter“ Erziehung.
Kommentare