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Schmerzen nach OP oder Unfall: Warum man sie nicht aushalten sollte

Schmerzen nach OPs, Stürzen oder Sportverletzungen gelten oft als normal. Die Österreichische Schmerzgesellschaft warnt nun: Akute Schmerzen müssen früh und gezielt behandelt werden, damit sie nicht chronisch werden.
Axial pain. Close-up photo of a hurting woman, who is sitting on a couch and holding her lower back with her left hand.

Zusammenfassung

  • Ein Positionspapier der Österreichischen Schmerzgesellschaft fordert, akute Schmerzen nach Operationen oder Verletzungen früh, regelmäßig und gezielt zu behandeln, um Leiden, Heilungsstörungen und Chronifizierung zu vermeiden.
  • Entscheidend ist die Unterscheidung der Schmerzformen, weil etwa Nervenschmerzen andere Therapien brauchen als Wund- oder Entzündungsschmerzen und Selbstmedikation gerade bei älteren oder vorerkrankten Menschen Risiken birgt.
  • Gefordert werden bessere Strukturen mit interdisziplinärer Schmerztherapie und Akutschmerzdiensten in Kliniken, weil die Schmerzversorgung in Österreich laut Schmerzgesellschaft noch lückenhaft ist.

Schmerz hat viele Gesichter, je nachdem, was passiert ist: Nach einer Knieoperation oder einem Schmerz tut es weh, ebenso wie nach einem gebrochenen Oberschenkel, einer neuen Hüfte, einem Bandscheibenvorfall oder einer Sportverletzung. Hier setzt ein neues Positionspapier der Österreichischen Schmerzgesellschaft an: Schmerzen nach Operationen oder Verletzungen sollten nicht einfach als unvermeidlicher Teil der Heilung hingenommen werden.

Der Kern der Stellungnahme lautet so: Akute Schmerzen müssen früh, regelmäßig und passend behandelt werden. Nicht nur, weil Menschen weniger leiden sollen, sondern auch, weil starke Schmerzen viele Bereiche beeinträchtigen: die Mobilisation, den Schlaf, die Atmung, die Genesung insgesamt. Außerdem kann akuter Schmerz chronisch werden.

„Im Prinzip ist nichts neu, außer dass wir diese Punkte zusammenführen, um darauf aufmerksam zu machen“, sagt Waltraud Stromer, Oberärztin für Anästhesie und Intensivmedizin am Landesklinikum Horn und Vizepräsidentin der Österreichischen Schmerzgesellschaft. 

Viele Betroffene, viele Schmerzen

Anlässe dafür gibt es viele: In Österreich kommt es jährlich zu rund 200.000 Sportunfällen. Häufig betroffen sind jüngere Menschen, oft Männer, mit Verletzungen an Kopf, Armen oder Beinen. Viele davon heilen gut ab, doch 10 bis 48 Prozent der Patientinnen und Patienten leiden danach unter bleibenden Schmerzen.

Für Stromer ist diese Zahl ein Warnsignal. Ein Grund dafür könnte eine nicht ausreichende Schmerztherapie und Betreuung in der Anfangsphase sein. Wenn Schmerz über längere Zeit bestehen bleibt, können im Nervensystem Prozesse in Gang kommen, die eine Chronifizierung begünstigen.

Auch die Traumatologie betrifft viele Menschen – also Schwerverletzte nach Unfällen, mit Verletzungen der Wirbelsäule, des Kopfs oder mit Brüchen. Bei Wirbelsäulenverletzungen können verschiedene Schmerzarten zusammenkommen:  aus den Muskeln, Bändern und Gelenken, aber durch gereizte oder geschädigte Nervenwurzeln. Bei solchen Nervenschmerzen reicht es oft nicht,  irgendein Schmerzmittel zu geben.

Dazu kommt der demografische Wandel. Ältere Menschen stürzen häufiger, Osteoporose erhöht das Risiko für Knochenbrüche, etwa am Oberschenkelhals oder an den Wirbelkörpern. Bei diesen PatientInnen ist eine Schmerztherapie besonders anspruchsvoll, weil oft mehrere Erkrankungen und Medikamente zusammenkommen. Stromer betont, dass man hier Organfunktionen, Wechselwirkungen und Nebenwirkungen besonders sorgfältig berücksichtigen müsse.

Schmerz ist nicht gleich Schmerz

Ein zentrales Anliegen ist für sie die Unterscheidung verschiedener Schmerzformen: „Es macht einen Unterschied, ob Gewebe verletzt ist, eine Entzündung vorliegt oder Nerven beteiligt sind. Praktisch bedeutet das: Nicht jedes Schmerzmittel hilft bei jedem Schmerz“, so Stromer.

Ein klassischer Wund- oder Entzündungsschmerz fühlt sich anders an als ein Nervenschmerz. „Hinweise auf Nervenbeteiligung können Brennen, Kribbeln, elektrisierende oder einschießende Schmerzen sein, manchmal auch ein Gefühl wie Ameisenlaufen. In so einem Fall brauche es rasch eine passende Abklärung und Behandlung“, betont Stromer.

Hier ortet sie ein Problem. In einer Umfrage unter AllgemeinmedizinerInnen hätten 54,5 Prozent angegeben, neuropathische Schmerzen mit nichtsteroidalen Antirheumatika zu behandeln. Also mit Medikamenten, die viele als klassische Entzündungshemmer kennen. 

Stromer formuliert es drastisch: „Der Patient kann baden in NSAR, das hilft ihm nicht.“ Nervenschmerzen brauchen oft andere Wirkprinzipien. „Das heißt nicht, dass entzündungshemmende Schmerzmittel grundsätzlich falsch sind. Aber sie müssen zum Schmerz, zur Person und zu den Begleiterkrankungen passen.“ Das ist mit besserem Schmerzmanagement gemeint: nicht mehr Schmerzmittel um jeden Preis, sondern eine gezieltere Behandlung.

Jahrhundert-Chance für bessere Schmerzversorgung in Österreich

Oberärztin für Anästhesie und Intensivmedizin am Landesklinikum Horn und Vizepräsidentin der Österreichischen Schmerzgesellschaft. 

Das heißt nicht, dass entzündungshemmende Schmerzmittel grundsätzlich falsch sind. Aber sie müssen zum Schmerz, zur Person und zu den Begleiterkrankungen passen.„ 

von Waltraud Stromer

Selbstmedikation ist nicht harmlos

Für viele beginnt eine Schmerztherapie daheim mit einer Tablette aus der Hausapotheke. Hier warnt Stromer vor Sorglosigkeit: “Vor einer Selbstmedikation sollte man sich hüten„, besonders bei älteren Menschen oder Menschen mit Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenproblemen, Magen-Darm-Erkrankungen oder mehreren Medikamenten könne die Einnahme gängiger Schmerzmittel riskant werden.

Nichtsteroidale Antirheumatika wie Diclofenac, Ibuprofen oder Naproxen sind weit verbreitet. Sie können wirksam sein, haben aber mögliche Nebenwirkungen, etwa auf den Magen-Darm-Trakt, die Niere, Blutgerinnung oder das Herz-Kreislauf-System. Auch Paracetamol ist nicht immer harmlos, vor allem bei Leberproblemen oder in hoher Dosierung.

Trotzdem heißt das nicht, dass man bei jedem Schmerz sofort ins Krankenhaus müsse. Stromer unterscheidet klar: “Wer sich anschlägt und der Schmerz rasch wieder vergeht, muss nicht sofort zum Arzt. Hält ein Schmerz aber länger an, wird er sehr stark oder treten brennende, einschießende, elektrisierende Beschwerden auf, sollte man ihn abklären lassen.„

Schmerztherapie ist mehr als nur ein paar Tabletten

Das Positionspapier fordert nicht nur andere Medikamente, sondern auch ein anderes Denken. Stromer spricht von “Mehr-Player-Medizin„. Gemeint ist eine interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie. Dabei arbeiten verschiedene Fachrichtungen zusammen: Schmerzmedizin, Orthopädie, Traumatologie, Physiotherapie, physikalische Medizin, Rehabilitation, bei Bedarf auch die Psychotherapie oder Neurochirurgie.

Gerade bei chronischen Schmerzen reicht eine einzelne Maßnahme selten aus, weil es auch darum geht, die Beweglichkeit, den Schlaf, den Alltag, die Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität zu verbessern. Deshalb sei eine Rehabilitation und Aktivierung so wichtig, weil es nach Verletzungen oder Operationen entscheidend ist, dass Menschen wieder in Bewegung kommen.

Österreich braucht bessere Strukturen

Einer der zentralsten Punkte ist ein struktureller: Gute Schmerztherapie darf nicht davon abhängen, ob die Betroffenen besonders hartnäckig nachfragen oder zufällig an die richtige Stelle geraten. In jeder Klinik mit OP-Einheit sollte es einen Akutschmerzdienst oder eine vergleichbare Struktur geben. 

Stromer sagt deutlich: “In Österreich ist die Schmerzversorgung noch nicht gut.„ Zwar habe sich im Vergleich zu früher vieles verbessert, die Haltung “Schmerzen muss man halt aushalten„ sei nicht mehr ungebrochen. Aber die Versorgung sei weiterhin verbesserungswürdig. Die Österreichische Schmerzgesellschaft setze sich deshalb dafür ein, Schmerzversorgung stärker in die Gesundheitsplanung zu bringen, auch in regionale Strukturpläne der Bundesländer.

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