4 von 5 Tiktok-Videos zu psychischen Erkrankungen enthalten Falschinfos
Die Mehrheit der TikTok-Videos zu psychischen Erkrankungen ist fachlich falsch.
TikTok-Videos zu psychischen Erkrankungen erreichen Millionen, doch ein Großteil der Inhalte ist fachlich falsch. Das zeigt eine neue Studie unter Beteiligung der deutschen Universität Witten/Herdecke, die erstmals deutschsprachige TikTok-Videos zu psychischen Störungsbildern systematisch ausgewertet hat.
Analysiert wurden 177 Videos zu ADHS, Depression, Autismus, Narzissmus und posttraumatischer Belastungsstörung, die zusammen mehr als 94 Millionen Aufrufe erzielten. Das Ergebnis: Nur rund 20 Prozent der Inhalte waren fachlich korrekt. Die Mehrheit enthielt falsche oder stark vereinfachte Aussagen, weitere Videos schilderten ausschließlich persönliche Erfahrungen ohne medizinische Einordnung.
Pauschale Aussagen problematisch
Besonders problematisch seien pauschale Aussagen wie „ADHS ist eine Superkraft“ oder „Narzissten lieben nicht“, sagt Aaron Mroß vom Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie II der Universität Witten/Herdecke. Konzentrationsprobleme würden etwa häufig vorschnell mit ADHS gleichgesetzt, obwohl sie viele unterschiedliche Ursachen haben können. „Dass wir problematische Inhalte finden würden, hatten wir erwartet. Das Ausmaß der Falschinformationen hat uns aber überrascht“, so Mroß.
Am schlechtesten schnitten Videos zum Thema Narzissmus ab: Kein einziges der untersuchten Videos wurde als fachlich korrekt bewertet. Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung würden darin oft als kalt, manipulativ oder beziehungsunfähig dargestellt. „Das wird den Betroffenen nicht gerecht“, betont Mroß. Viele von ihnen hätten selbst belastende oder traumatische Erfahrungen gemacht. Vergleichsweise verlässlicher waren Inhalte zur posttraumatischen Belastungsstörung, bei denen häufiger Expertinnen und Experten zu Wort kamen.
Mehrheit der Videos stammen von Laien
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Nur etwa 18 Prozent der Videos stammten von Fachleuten wie Psychologinnen und Psychologen oder Ärztinnen und Ärzten. Die große Mehrheit wurde von Laien oder Betroffenen selbst veröffentlicht. Das berge die Gefahr, dass vor allem junge Nutzerinnen und Nutzer Fehlinformationen auf eigene Symptome übertragen und falsche Selbstdiagnosen stellen.
Gleichzeitig sehen die Forschenden auch positive Aspekte: Der Austausch auf Social Media könne helfen, psychische Erkrankungen sichtbarer zu machen und Stigmata abzubauen – solange persönliche Erfahrungen nicht als medizinische Fakten präsentiert würden. Der Rat der Studienautoren lautet daher, Inhalte kritisch zu hinterfragen und genau darauf zu achten, wer sie erstellt hat. Wer den Verdacht hat, selbst betroffen zu sein, sollte sich an Fachpersonen wie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten oder Psychiater und Psychiaterinnen wenden.
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