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Vorsorge statt Pflegefall: Was Angehörige wissen sollten

Ein Spitalsaufenthalt, viele Medikamente, ein Sturz: Im Alter kann Selbstständigkeit rasch verloren gehen. Die Diakonie fordert deshalb „Vorsorge statt Versorgung“.
Senior Long Term Care

Zusammenfassung

  • Pflegebedürftigkeit im Alter kann oft durch Delir, falsche Medikation oder Stürze ausgelöst werden und ist häufig vermeidbar.
  • Die Diakonie fordert mehr Prävention wie Delir-Erkennung, Medikationschecks und Sturzprophylaxe, um Selbstständigkeit zu erhalten.
  • Angehörige sollten auf plötzliche Verwirrtheit, Medikamentenwechsel und Sturzgefahren achten und rechtzeitig professionelle Hilfe einbeziehen.

Pflegebedürftigkeit beginnt nicht immer mit einer komplexen Diagnose. Manchmal entsteht sie durch einen Teppich, über den jemand stolpert. Einen Krankenhausaufenthalt, nach dem ein älterer Mensch nicht mehr in sein Leben zurückfindet, oder durch eine plötzliche Verwirrtheit, die für Demenz gehalten wird, obwohl sie etwas anderes ist: ein Delir.

Nach Berechnungen der Diakonie könnten allein durch bessere Delir-Prävention im Krankenhaus jährlich rund 90 Millionen Euro an Folgekosten in der Pflege eingespart werden. Denn Krankenhäuser sind nicht nur die teuersten Orte, um hochbetagte Menschen zu versorgen, sondern für diese auch die ungünstigsten.

Doch im Kern geht es nicht nur um Geld. Es geht um die Frage, ob alte Menschen nach einer Krise wieder nach Hause zurückkehren können oder ob sie dauerhaft mehr (und teure) Pflege brauchen.

Der Wunsch, zu Hause betreut zu werden

Eine Frage mit politischer Brisanz: Denn Pflege ist für viele Menschen längst nicht nur ein Gesundheits-, sondern auch ein Sicherheits- und Leistbarkeitsthema. Laut einer Market-Umfrage im Auftrag des Hilfswerks wünschen sich 81 Prozent der Bevölkerung, im Fall von Pflegebedürftigkeit zu Hause betreut zu werden, nur 19 Prozent wollen in ein Pflegeheim.

Hier setzt die Diakonie nun mit ihrer Forderung nach „Vorsorge statt Versorgung“ an. Damit ist nicht der klassische Rat gemeint, möglichst gesund zu leben. Vielmehr geht es darum, jene Risiken rechtzeitig zu erkennen, die hochbetagten Menschen ihre Selbstständigkeit kosten können.

„Bei hochbetagten Menschen wirkt diese Form von Vorsorge schnell und unmittelbar“, sagt Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser. Prävention bedeute hier vor allem: „Erhalt von Selbstständigkeit und Verhindern von Pflegebedarf.“

Pflegeexpertin Petra Rösler sieht genau darin einen blinden Fleck: „Geriatrische Prävention hat man ganz selten im Blick.“ Oft brauche es dafür keine großen Programme, sondern Aufmerksamkeit im richtigen Moment.

Ein Delir wird oft mit Demenz verwechselt

Ein zentrales Risiko ist das Delir. Es ist keine Demenz, sondern eine akute Krise des Gehirns. Auslöser können Infekte, Operationen, Narkosen, Schmerzen, Flüssigkeitsmangel, Schlafmangel oder ein Ortswechsel sein. Besonders häufig tritt es im Krankenhaus auf – also ausgerechnet dort, wo alte Menschen medizinisch versorgt werden, aber zugleich aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen sind.

Die Expertinnen verweisen auf Zahlen aus Deutschland: Etwa 30 bis 40 Prozent der über 65-jährigen Patientinnen und Patienten im Krankenhaus entwickeln demnach ein Delir. Besonders gefährdet sind Menschen mit bereits bestehenden demenziellen Erkrankungen.

Rösler beschreibt eine typische Situation: Eine hochaltrige Person lebt zu Hause mit etwas Unterstützung noch gut, kommt ins Spital, ist dort mit fremden Menschen, Lärm, Unruhe und wenig Orientierung konfrontiert. Plötzlich wird sie verwirrt, aufgeregt oder aggressiv. „Dann sagt man, die hat jetzt einen Demenzschub. Aber tatsächlich ist es ein Delir.“

Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn ein Delir kann man verhindern, erkennen und behandeln. Entscheidend sind vertraute Personen, wiederholte Erklärungen, ausreichend Flüssigkeit, Essen, Schmerzbehandlung, Schlaf, Brille, Hörgerät und Orientierung. Wird es nicht erkannt, wird oft mit Beruhigungsmitteln reagiert. Bei Hochaltrigen können solche Mittel die Verwirrtheit verstärken oder die Sturzgefahr erhöhen. Aus einer akuten Krise wird dann mitunter eine Kette: Delir, Medikamente, Sturz, neuer Krankenhausaufenthalt, mehr Pflegebedarf.

10 „Pulverl“ täglich

Der zweite große Risikobereich ist die Medikation. Viele ältere Menschen nehmen mehrere Arzneien täglich ein – oft an die 10 „Pulverl“. „Ein zentrales Problem ist der fehlende Gesamtblick. Der Facharzt verschreibt das eine, das Krankenhaus ergänzt das andere, der Hausarzt zögert, Spitalsverordnungen infrage zu stellen. Keiner schaut, ob die eine Tablette, die vorher genommen wurde, jetzt überhaupt noch notwendig ist“, sagt Rösler. Und: „Bei einem hochbetagten Menschen kann diese Polypharmazie dazu führen, dass er total lethargisch wird, der Blutdruck sinkt, und damit die Selbstständigkeit nicht mehr gewährleistet ist“.

Häufig fehlt eine Ärztin oder ein Arzt, der die Gesamtverantwortung für die Medikation übernimmt. Das kann zum Drehtüreffekt führen: Krankenhaus – nach Hause – Sturz – wieder Krankenhaus.

Aus Sicht der Diakonie wären regelmäßige Medikationschecks nötig – nicht nur vor einer Krankenhausentlassung, sondern auch danach. Vorbild könnte Deutschland sein: zweimal jährlich ein Check bei Menschen, die mehr als fünf Medikamente einnehmen.

Sturzprävention ist ganz einfach

Der dritte Punkt ist die Sturzprävention. Sie beginnt oft banal, aber wirksam: Teppiche entfernen, Haltegriffe montieren, gutes Licht, passende Schuhe, Stolperfallen beseitigen, Hilfsmittel anpassen. „Stürze sind der Nummer-1-Grund, warum Menschen ins Pflegeheim müssen“, sagt Moser. Deshalb reiche es nicht, Informationsblätter auszugeben. Jemand müsse zu den Menschen nach Hause kommen und sehen, wo es konkret gefährlich wird.

Community Nurses wären dafür ein naheliegender Ansatz. Sie könnten prüfen, ob die Wohnung sicher ist, ob Essen und Trinken funktionieren, ob Medikamente richtig eingenommen werden und ob Angehörige Unterstützung brauchen. Die Diakonie verweist darauf, dass von 30 Community Nurses aus einem Pilotprojekt aktuell nur noch eine tätig sei. Für Moser ist das ein Beispiel dafür, wie aufgebautes Wissen wieder verloren geht.

Besonders kritisch bleibt die Zeit nach einer Spitalsentlassung. Fehlen Akutpflege, Übergangspflege oder klare Organisation, landen Menschen rasch wieder im Krankenhaus oder müssen früher ins Pflegeheim. Dazu kommt, dass ein Delir im Entlassungsbrief oft nicht dokumentiert wird. Angehörige wissen dann nicht, worauf sie achten sollen.

Angehörige sind keine Ersatzpflegekräfte

Gleichzeitig dürfen Angehörige nicht zu Ersatzpflegekräften werden. Nicht jede Familie kann rund um die Uhr beobachten, organisieren und im Notfall richtig entscheiden. Prävention braucht daher klare Ansprechpersonen, gute Entlassungsinformationen, mobile Pflege, Übergangspflege und einen kritischen Blick auf Medikamente.

Am Ende geht es um Lebensqualität und mehr Chancen, nach einer Krise wieder in den eigenen Alltag zurückzufinden. Moser sieht darin auch eine kulturelle Frage. Viele alte Menschen wehren Hilfe ab, weil Hilfebedarf als Verlust erlebt wird.

„Wir definieren den Wert von Menschen stark über die Leistung“, sagt sie. Wenn jemand nicht mehr alles allein könne, sei das für viele „eine ganz schwierige Situation“. Sie wünsche sich eine Gesellschaft, „in der Hilfebedarf als mutig gilt“.

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