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Marie Franz: „Ein ,Ja’ macht es noch nicht richtig“

Marie Franz war 17, als sie Konstantin Wecker im Hotelzimmer traf. In ihrem Buch „Auserwählt“ erzählt sie von Verehrung, Liebe und einem Machtgefälle mit dem sie, wie sich jetzt zeigt, nicht allein ist.
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Marie Franz, heute 38, war 17 Jahre alt, als sie nach einem Konzert von Konstantin Wecker (damals 58) in sein Hotelzimmer eingeladen wurde. Sie verehrte den Musiker, seine Lieder hatten sie durch ihre Jugend begleitet. 

Für sie war er Idol, Projektionsfläche und eine überlebensgroße Figur. Damals erlebte sie die sexuelle Begegnung mit dem Jahrzehnte älteren Mann als große Liebe. Heute spricht sie von einem Machtgefälle, das sie lange nicht einordnen konnte und ihr geschadet hat.

In ihrem Buch „Auserwählt“ verbindet Franz autobiografische Texte mit Gedichten aus jener Zeit. Das Gespräch fand vor dem Hintergrund aktueller Berichte statt: Die Süddeutsche Zeitung hatte zunächst über eine Frau geschrieben, die als 16-Jährige Sex mit Wecker hatte. Nun erzählte  auch Marie Franz ihre Erfahrung – und löste damit etwas aus: Seither melden sich Frauen bei ihr, die Ähnliches erlebt haben.

KURIER: Sie schreiben über eine Erfahrung, die Sie mit 17 als große Liebe erlebt haben und heute als Machtgefälle kritisieren. Wann hat sich diese Deutung für Sie verändert? 

Marie Franz: Das war ein langer und langsamer Prozess, es ist ja inzwischen über 20 Jahre her. Am Anfang war die Vorstellung: Das ist die größte Liebe meines Lebens. Heute sage ich: Mir ist etwas passiert, das mir sehr geschadet hat und aus moralischen Gründen falsch war. Ein wichtiger Moment war da die Begegnung mit Wecker sieben Jahre später. Ich war Mitte 20, immer noch fasziniert von seinem Charisma, aber damals habe ich es geschafft, nicht wieder mit ihm aufs Hotelzimmer zu gehen, obwohl er versucht hat, mich zu überreden. Heißt: Ich konnte mich davon befreien. Danach habe ich das Ganze lange verdrängt. Je älter ich wurde, desto stärker veränderte sich mein Blick auf 16-, 17- oder 18-jährige Mädchen und dadurch auch der Blick auf mein früheres Ich.

War der erste Bericht in der SZ Auslöser für Ihr Buch?

Nein. Das Buch hatte ich da schon geschrieben. Ich habe es im Sommer davor begonnen, es lag in der Schublade. Als die ersten Schlagzeilen kamen, war das ein sehr krasser Moment. Ich dachte: Ich war also nicht die Einzige. Plötzlich war das, was bis dahin meine persönliche Geschichte gewesen war, eine kollektive Geschichte.

Was hat es bei Ihnen bewirkt, dass sich nach Ihrem „Outing“ weitere Frauen mit ähnlichen Erfahrungen (mit anderen Männern) bei Ihnen gemeldet haben?

Es gab plötzlich Gleichgesinnte, inzwischen weiß ich: Es gibt sehr viele Frauen, die ähnliche Machtgefälle rückblickend kritisch bewerten. Viele wenden sich an mich, bedanken sich, dass ich damit rausgegangen bin, und erzählen mir ihre persönlichen Geschichten. Ein Grund, warum ich jetzt so aktiv damit nach außen gehe: Es ist wichtig, dass wir diese Geschichten erzählen.

Passiert das vor allem im Künstler- und Promimilieu?

Nein. Es gibt solche Geschichten auch im privaten Rahmen. Aber viele betreffen die Kunst- und Kulturbranche: der Regisseur, der Chef, der Mann in einer Machtposition, die Praktikantin, die Regieassistentin. Es geht um Situationen, in denen eine junge Frau denkt: Ich bin etwas Besonderes, weil der Mann, den ich bewundere, etwas in mir sieht. Das ist auch der Titel meines Buches: „Auserwählt“. Man versteht in dem Moment nicht, dass es dem Mann oft gar nicht um einen als Mensch geht, sondern um das Körperliche. Und dass man sehr schnell wieder entsorgt werden kann, wenn dieses Bedürfnis befriedigt ist.

Früher wurden solche Geschichten oft als Groupie-Kultur, Schwärmerei oder Künstlerleben erzählt. Heute fragen wir nach Machtgefälle und Verantwortung.

Ich habe mich in den letzten Monaten viel damit beschäftigt, auch historisch. Früher gab es viele Dinge, die aus heutiger Sicht unfassbar sind, auch in Bezug auf die Sexualisierung sehr junger Mädchen. Natürlich war manches damals auch schon umstritten, aber es gab eben auch viele, die das normal fanden. Wenn es diesen Diskurs schon gegeben hätte, als ich 17 war, hätte ich das in dem Moment wahrscheinlich kritischer betrachten können. Oder ich hätte es früher aufarbeiten können. MeToo und die Debatte über Konsens, Macht und Verantwortung hätten mir sehr geholfen.

Es ist seine Verantwortung, und der kann man sich nicht ein Leben lang entziehen. Gerade weil er für Moral, Solidarität, Gerechtigkeit, Haltung und das Gute im Menschen stand, ist das so schmerzhaft. Er hat mich in meiner Jugend sehr geprägt. Dass ich heute Haltung zeige, habe ich auch ihm zu verdanken. Und genau das tue ich jetzt.

von Marie Franz

Konstantin Wecker

Konstantin Wecker, 79, steht wegen früherer Begegnungen mit  jungen Fans in der Kritik. 

Sie sagen, dass Sie bis heute an den Folgen leiden. Zugleich beschreiben Sie im Buch, wie stark Ihre Liebe damals war. Macht das die Einordnung schwieriger?

Ich war obsessiv verliebt. Er war für mich Gott. Natürlich kann man fragen, woher diese Obsession kam, da gibt es sicher psychologische Erklärungsmuster. Aber ich habe sehr lange gebraucht, um mich überhaupt als Opfer sehen zu können. Wenn man kein klassisches Vergewaltigungsopfer ist, bei dem für alle klar scheint, wer Täter und wer Opfer ist, wird es komplizierter. Wobei selbst bei Vergewaltigungen der Frau noch oft Schuld zugeschoben wird. Bei mir war es so: Ich habe damals gedacht, von ihm auserwählt worden zu sein, sei das größte Glück, das mir passieren kann. Genau deshalb habe ich mich lange mitschuldig gefühlt.

Weil Sie der Einladung gefolgt sind?

Genau. Das ist auch die Kritik, die jetzt manchmal kommt: Du bist hingegangen. Du hast nicht Nein gesagt. Du warst alt genug. Wenn mich heute jemand fragt, ob ich damals Ja gesagt hätte, wenn er mich gefragt hätte, ob ich das will, dann ist meine Antwort: Natürlich hätte ich Ja gesagt. Aber das macht es noch nicht richtig und moralisch vertretbar. Ja heißt nur dann ja, wenn die Frage legitim ist. Wenn die Frage schon moralisch nicht legitim ist, dann ist die Antwort egal.

Weil ein berühmter 58-jähriger Mann eine 17-Jährige keinesfalls fragen sollte, ob sie Sex mit ihm will?

Das sollte nicht denkbar sein. Ihm hätte dieses Machtgefälle bewusst sein müssen – dass ich ihn anhimmle und alles tun würde. Ich habe ihn idealisiert und vergöttert. Die Körperlichkeit ging nicht von mir aus. Ich habe mitgemacht, aber ich habe sie nicht initiiert.

Wecker hat seine frühere Sucht öffentlich gemacht. Spielt das für Sie eine Rolle?

Damals war meine Wahrnehmung, dass sein Drogenproblem in der Vergangenheit lag. Von einem Alkoholproblem wusste ich nichts. Erst als eine andere Frau Ende vergangenen Jahres mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit ging, hat er sich dazu geäußert, es zugegeben, gesagt, dass es ihm leidtut – und im gleichen Atemzug gemeint, dass er sich wegen seines Alkoholproblems an vieles nicht erinnern könne. Ich finde es seltsam, dass er sich jetzt, ein paar Monate später, bei ähnlichen Vorwürfen plötzlich an gar nichts mehr erinnern kann. Dass er sich nicht äußert. Für die andere Frau gab es zumindest ein Schuldeingeständnis und eine Entschuldigung. Wir anderen Frauen sind diesbezüglich enttäuscht worden. Er stellt unsere Glaubwürdigkeit in Frage und erschwert außerdem die Aufarbeitung. Für mich wäre ein klares Statement wichtig gewesen

Man weiß, Konstantin Wecker ist sehr krank. Manche werden sagen: Muss man das jetzt öffentlich machen, wo er sich möglicherweise kaum noch verteidigen kann?

Natürlich tut es mir leid, wenn es jemandem schlecht geht. Aber für mich sind das zwei verschiedene Dinge. Es kann ihm schlecht gehen, und er kann trotzdem Verantwortung übernehmen. Ich glaube auch nicht, dass es eine große, kraftzehrende Verteidigung bräuchte. Er könnte sagen: Was ich getan habe, tut mir leid, aber ich kann dazu jetzt nicht viel sagen.

Besteht die Gefahr, dass eine öffentliche Aufarbeitung in Bestrafung kippt? Dass man auf jemanden eintritt, der schon am Boden liegt?

Ich finde: Don’t shoot the messenger. Wenn sein Lebenswerk darunter leidet, dass wir Frauen sprechen, dann liegt der Grund nicht darin, dass wir sprechen. Der Grund liegt darin, dass er sich damals falsch verhalten hat. Es ist seine Verantwortung, und der kann man sich nicht ein Leben lang entziehen. Gerade weil er für Moral, Solidarität, Gerechtigkeit, Haltung und das Gute im Menschen stand, ist das so schmerzhaft. Er hat mich in meiner Jugend sehr geprägt. Dass ich heute Haltung zeige, habe ich auch ihm zu verdanken. Und genau das tue ich jetzt.

Können Sie das Werk noch vom Menschen trennen?

Das ist für mich ein innerer Kampf. Es stellt sich die Frage: Was davon war echt? Kann man Künstler und Werk trennen? Ich habe darauf keine einfache Antwort, finde aber, dass es gut und wichtig ist, dass diese Dinge noch zu Lebzeiten ans Licht kommen. So hätte er die Möglichkeit, selbst Frieden damit zu schließen, für Frieden bei den Betroffenen zu sorgen und an der Aufarbeitung teilzuhaben. Er könnte ein Vorbild für andere Männer sein, die ähnliche Fehler gemacht haben. Er könnte zeigen, wie man für Fehler geradesteht.

Sie müssen damit rechnen, dass manche sagen: Warum erzählt sie das jetzt – 20 Jahre später – in einem Buch, mit dem auch Geld verdient wird?

Wenn man unter Klarnamen mit so etwas nach außen geht, muss man mit Anfeindungen, Schuldzuweisungen, Kritik rechnen. Ich habe mich bewusst entschieden, das auf mich zu nehmen. Aber was überwiegt, ist Zuspruch. Mindestens 80 Prozent der Rückmeldungen bestärken mich. Viele bedanken sich, dass ich mich getraut habe, und erzählen ihre eigenen Geschichten.

Im Buch schreiben Sie, was Sie Ihrem 17-jährigen Ich heute sagen würden. Sie haben selbst Kinder. Was möchten Sie ihnen mitgeben?

Ich spreche mit meinen Kindern offen, natürlich kindgerecht. Meine Geschichte ist, wie sie ist, und deshalb ist es mir besonders wichtig, mit ihnen über Grenzen, Körper und mögliche Übergriffe zu reden. Ich hätte das damals selbst gebraucht. Hätte man mit mir in diesem Alter offen über solche Dinge gesprochen, glaube ich, dass ich nicht so blind hineingetappt wäre. Damals wurde über Sexualität, den eigenen Körper und Grenzüberschreitungen kaum geredet. Es war schambesetzt, ein Tabuthema. Ich finde, wir müssen Kindern früh Worte und Kontext geben. Bekommen sie ihn nicht rechtzeitig, kann es zu spät sein.

Was wünschen Sie Konstantin Wecker, der Ihr Leben so geprägt hat?

Ich wünsche ihm, dass er doch noch Verantwortung übernimmt. Auch, damit ich weiter an die Werte glauben kann, die mich durch ihn so geprägt haben. Es fällt mir schwer, an das Gute zu glauben, wenn mein früherer Mentor für das Gute seiner Verantwortung nicht nachkommt. Persönlich wünsche ich ihm natürlich, dass er wieder auf die Beine kommt und gute Ärzte an seiner Seite hat. Er ist ein fantastischer Musiker, dass er nicht mehr Klavier spielen kann, ist tragisch. Da ist ihm eines der wichtigsten Dinge seines Lebens genommen worden, das tut mir leid. Gleichzeitig finde ich, dass das kein Grund sein darf, frühere Fehler unter den Teppich zu kehren. Ich wünsche ihm, dass er es schafft, Haltung zu zeigen. Dafür ist es noch nicht zu spät.

Buchtipp. Marie Franz: „Auserwählt“, Verlag Goldblatt. 100 Seiten.22 Euro.

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Buch von Marie Franz

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