Nach Lungentransplantation: Österreicher erklimmen höchsten Gipfel Amerikas
Das Österreich-Team der Expedition auf den Aconcagua.
"Vor einigen Jahren war ich noch bettlägerig und jetzt habe ich es auf den Aconcagua geschafft", sagt Stefanie Eigner. Eine Bergtour auf den höchsten Gipfel Amerikas mutet immer als etwas Besonderes an. Bei der 31-Jährigen aus Wien aber einmal mehr.
2017 wurde bei Eigner eine Lungentransplantation durchgeführt. Neun Jahre später ist sie mit einer Expedition bestehend aus acht Lungentransplantierten aus fünf Nationen gemeinsam mit einem Ärzteteam der MedUni Wien auf den höchsten Gipfel Amerikas aufgestiegen. "Mit meiner Teilnahme wollte ich nicht nur mir selbst beweisen, was ich alles schaffen kann, sondern auch andere inspirieren, ein aktives Leben zu führen und keine Angst vor einer Lungentransplantation zu haben", sagt Eigner.
"Gerade Lungentransplantierte werden in der öffentlichen Wahrnehmung als dauerhaft eingeschränkt gesehen", weiß Lungenfacharzt Peter Jaksch von der Wiener Universitätsklinik für Thoraxchirurgie. Die Expedition zeigt ein anderes Bild: "Mit Bedacht ausgewählte Patientinnen und Patienten sind körperlich belastbar, anpassungsfähig und in der Lage, auch unter Extrembedingungen Leistung zu erbringen – wissenschaftlich begleitet und medizinisch abgesichert."
Mit 100 bis 110 Lungentransplantationen jährlich zählt die Universitätsklinik für Thoraxchirurgie von MedUni Wien und AKH Wien zu den zehn führenden Zentren auf diesem Gebiet weltweit.
Der Eingriff stellt für Patientinnen und Patienten mit schweren Lungenerkrankungen oft die letzte lebensrettende Therapieoption dar.
Trotz großer medizinischer Fortschritte bleibt die langfristige Nachsorge entscheidend, insbesondere hinsichtlich Immunsuppression, Infektionsprophylaxe und möglicher Abstoßungsreaktionen.
"Hoffnung und Zuversicht geben"
Nach dem Kilimandscharo 2017 und dem Jebel Toubkal 2019 (beide in Afrika) war der Aconcagua die dritte Hochgebirgsexpedition für Lungentransplantationspatientinnen und -patienten, die von Jaksch initiiert, organisiert und begleitet wurde.
Von den acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Österreich, der Schweiz, den USA, Kroatien und Dänemark sowie einer lebertransplantierten Frau aus der Schweiz erreichte die Mehrheit gemeinsam mit ihrem Begleitteam Höhen von über 5.500 Metern – ohne Zuhilfenahme von zusätzlichem Sauerstoff.
Als einziger Patient schaffte es Helmut Steigersdorfer – begleitet von acht Teammitgliedern – ganz hinauf auf den Gipfel des Aconcagua. Dem Oberösterreicher war im Jahr 2002 im AKH Wien eine Spenderlunge eingesetzt worden: "Ich wollte zeigen, was unter kontrollierten Bedingungen mit einer vor 24 Jahren transplantierten Lunge machbar ist, und damit Hoffnung und Zuversicht geben", sagt der 50-Jährige über seine Motivation zur Teilnahme.
Der Gipfelsieg war für ihn eine "außergewöhnliche Erfahrung – körperlich, mental, aber auch menschlich". Angst vor medizinischen Komplikationen hatte Steigersdorfer nicht: "Bei so einer Dichte an kompetenten Ärzten am Berg – da brauchte ich keine Zusatzversicherung."
Sportliche Herausforderung und wissenschaftliches Feldlabor
Die medizinische Überwachung und wissenschaftliche Begleitung der Expedition erfolgte durch ein Ärzteteam der MedUni Wien. "Die Expedition war nicht nur eine außergewöhnliche sportliche Herausforderung, sondern vor allem ein wissenschaftliches Feldlabor unter realen Bedingungen", sagt Jakob Mühlbacher von der Universitätsklinik für Allgemeinchirurgie, der die Expedition organisatorisch und medizinisch unterstützte.
Bei den vielfältigen Untersuchungen wurde nicht nur der Gesundheitszustand der Bergsteiger engmaschig kontrolliert, es wurden auch wertvolle Daten für die Forschung gewonnen.
Durch regelmäßige Blutgasanalysen wurde etwa gemessen, wie gut der Körper und insbesondere die transplantierte Lunge unter Sauerstoffmangel in großer Höhe arbeiten. Neben weiteren Werten wurden auch Stuhl- und Speichelproben vor und nach der Expedition sowie immunologische Marker erhoben.
Ergänzend kamen KI-gestützte Auswertungsmodelle zur Analyse von Lungenfunktion und Belastungsanpassung zum Einsatz. Die tägliche digitale Dokumentation erfolgte über ein strukturiertes System, mit dem Vitalparameter, Herzratenvariabilität, Sauerstoffsättigung sowie standardisierte Werte als mögliche Hinweise auf eine akute Höhenkrankheit erfasst wurden.
Potenzial moderner Transplantationsmedizin
Zu medizinischen Notfällen kam es bei der Aconcagua-Expedition nicht. "Während des Aufstiegs traten bei mehreren – transplantiert wie nicht transplantiert – erwartbare Symptome der akuten Höhenkrankheit auf, darunter Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Übelkeit", berichtet Clemens Aigner, Leiter der Universitätsklinik für Thoraxchirurgie, der ebenfalls auf den Gipfel stieg.
Die Symptome führten zu keinen lebensbedrohlichen Situationen. Aigner: "Die erfolgreiche Expedition steht symbolisch für das Potenzial moderner Transplantationsmedizin. Solche Projekte machen sichtbar, welche Leistungen und Lebensqualität nach einer erfolgreichen Lungentransplantation möglich sind – und welche Rolle das Zusammenspiel von chirurgischer Expertise und langfristiger Nachsorge dabei spielen."
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