"Erfrorenes" Herz: Experte über Transportfehler und Sicherheit
Organe werden bei einer Temperatur von circa vier Grad transportiert. Moderne Technologien kommen ganz ohne Eis aus.
Wie ich zum ersten Mal von dem furchtbaren Fehler gehört habe, dachte ich mir: Oh mein Gott, das ist ein ‚Never-Event‘, etwas, was nicht passieren darf – aber dann doch passiert“, sagt Andreas Zuckermann, Leiter des Herztransplantationsprogramms am AKH/MedUni Wien.
Ein Spenderherz aus Bozen für einen knapp zweieinhalbjährigen Buben in Neapel wurde auf dem Flug nach bisherigen Erkenntnissen mit sehr kaltem Trockeneis (minus 80 Grad) statt herkömmlichem Eis transportiert. Dadurch wurden die Herzzellen massiv geschädigt. Donnerstagnachmittag hieß es, der schlechte Gesundheitszustand lasse keine weitere Transplantation zu, es bestehe keine Chance auf Heilung.
Wie kann es zu so einem fatalen Fehler kommen?
„Ich kann nicht über die Kollegen urteilen, aber offenbar hat es Kommunikationsprobleme gegeben“, sagt Zuckermann. „Wichtig ist, dass das vollständig aufgearbeitet wird und Sicherheitsnetze eingebaut werden, damit so etwas wirklich nie wieder passiert. Auch mein Team und ich nehmen den Fall zum Anlass, alle unsere Abläufe zu prüfen und zu schärfen.“
Trotz der schweren Schäden wurde das Organ aus Bozen dem Buben am 23. 12. implantiert – das eigene Herz war bereits entnommen. Der Bub musste mit einer Maschine (ECMO), die die Funktion von Herz und übernimmt, am Leben erhalten werden.
Herztransplanteur Andreas Zuckermann: "Wir haben unsere eigenen Abläufe genau überprüft."
Bei der ECMO wird das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff versorgt und der Kreislauf aufrecht erhalten. "Aber je länger diese Behandlung andauert, umso größer ist das Risiko etwa für Infektionen, oder Schäden an verschiedenen Organen wie Lunge, Leber oder Nieren."
Wie werden Organe korrekt transportiert?
Die meisten Zentren verwenden Crushed Ice, also in Stücke gebrochenes Eis. Das ist relativ warmes Eis mit einer Temperatur nur knapp unter dem Gefrierpunkt. „Am AKH/MedUni Wien verwenden wir aber gar kein Eis mehr, sondern arbeiten mit einer neuen Technologie, einer temperaturkontrollierten kalten Präservation. Das ist ein Plastikcontainer, in den das Herz steril in eine Nähr- und Schutzflüssigkeit gelegt wird. An der Außenseite sind Kühlelemente angebracht. Unter kontinuierlicher Messung wird die Temperatur konstant auf circa 4 bis 8 Grad Celsius gehalten“, sagt Zuckermann.
Wenn im Ausland für einen Patienten in Österreich ein Organ verfügbar ist: Wer entnimmt es dort?
In Österreich wird immer ein Team aus dem Spital losgeschickt, in dem sich der Empfänger befindet. „Wenn uns ein Organ angeboten wird, schaue ich mir die Daten des Spenders an und wir organisieren alles von Wien aus. Wir sind auch permanent mit dem Entnahmeteam in Kontakt, um den Beginn der Operation so zu planen, dass das Spenderorgan so rasch wie nur möglich implantiert werden kann. Das bedeutet die Sicherheit, dass bei der Entnahme und dem Transport höchste Standards eingehalten werden.“
Wann benötigen Kinder eine Transplantation?
Etwa bei angeborener Herzmuskelschwäche oder einem angeborenen Herzfehler. Bei Letzteren sind die Kinder häufig voroperiert, aber weitere Operationen nicht mehr Erfolg versprechend. Rund 8 bis 10 Prozent der jährlichen Herztransplantationen (2024 insgesamt 59, davon 37 in Wien, 13 in Innsbruck und 9 in Graz) entfallen auf Kinder und Jugendliche.
Sind die Wartezeiten bei Kindern länger?
„Sie sind viel unberechenbarer als bei Erwachsenen“, sagt Zuckermann: „Wir haben Kinder, die bereits seit zwei bis drei Jahren warten, bei anderen geht es sehr schnell, einmal waren es sogar nur wenige Tage. Aber immer steht ein tragischer Fall dahinter, weil ja ein Kind stirbt: Häufig sind es Unfälle, manchmal spontane Hirnblutungen oder seltene Grunderkrankungen.“
Muss immer die Blutgruppe übereinstimmen?
„Wir haben vor zwei Jahren einem knapp einjährigen Patienten erstmals erfolgreich ein Spenderherz transplantiert, das nicht seiner Blutgruppe entsprach. Kleine Kinder haben noch wenige Antikörper gegen andere Blutgruppen gebildet. Diese müssen herausgefiltert werden. Vorab muss anhand von Blutwerten abgeklärt werden, wie aggressiv das Immunsystem auf die andere Blutgruppe reagiert. “
Wie hoch ist die Lebenserwartung mit einem transplantierten Herzen?
"Nach zehn Jahren leben von unseren Patientinnen und Patienten 75 Prozent - das ist deutlich besser als der internationale Schnitt. Aber das ist nur ein Durchschnittswert. Am Wiener AKH wurde 1985 ein achtjähriges Kind mit einem neuen Herzen versorgt. Der Patient lebt heute noch, er wurde nur vor knapp fünfzehn Jahren rretransplantiert, erhielt also ein neues Organ."
Wie lange „hält“ ein transplantiertes Herz?
Die mittlere „Haltedauer“ eines Organs liegt in Wien bei zirka 15 bis 17 Jahren. Es gibt aber auch Erwachsene, die als Kinder transplantiert worden sind, und die zum Teil bereits seit 30, 35 Jahren mit ihrem neuen Herzen leben. Zuckermann. „Unser Rekordhalter lebt bald 41 Jahre mit dem neuen Herzen. Und wir gehen davon aus, dass heute transplantierte Organe aber aufgrund neuer OP-Methoden, besserer Diagnostik und Therapien auch noch deutlich länger halten werden.“
Transplantationen in Österreich
637 Transplantationen wurden 2024 in Österreich laut Transplant-Jahresbericht durchgeführt:
- Niere: 319
- Leber: 140
- Lunge: 106
- Herz: 59
- Bauchspeicheldrüse (kombiniert mit Niere): 13
Eurotransplant
Österreich ist Teil der Service-Organisation Eurotransplant, die in acht europäischen Ländern für die Zuteilung von Spenderorganen zuständig ist. Mitglieder sind zudem Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, die Niederlande, Slowenien und Ungarn.
Organvergabe
Die Zuteilung erfolgt nach definierten Kriterien, etwa dem erwarteten Erfolg und die durch Experten festgelegte Dringlichkeit. Gesucht wird ein "Perfect Match" von Spender und Empfänger.
Hätte dem Kind ein „Kunstherz“ geholfen?
Für Säuglinge und Kleinkinder ist ein System zugelassen, das „Berlin Heart“. Dieses mechanische Herzunterstützungssystem wird als Brücke – bis zu zwei Jahre – zu einer Transplantation eingesetzt. Weil das Kinderherz so klein ist, befindet sich die mechanische Pumpe außerhalb des Körpers, das Kind muss im Spital bleiben.
„Wir haben in Wien ein innovatives Kinder-Kunstherzprogramm, das federführend von Daniel Zimpfer – Leiter der Uni-Klinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie – aufgebaut wurde. Deshalb wird in Wien das Berlin Heart routinemäßig eingesetzt. Man muss damit Erfahrung haben – und der Gesamtzustand des Kindes muss dafür geeignet sein. Ob das bei dem Buben in Neapel der Fall war, weiß ich nicht.“
Noch am Mittwoch hieß es, die Chancen einer neuerlichen Transplantation liegen bei 10 Prozent . Und es gebe ein neues Spenderherz.
„Jedes Spenderorgan ist ein sehr rares Gut“, betont Zuckermann: „Deshalb erfolgt die Vergabe nach strengen medizinischen Kriterien: Die medizinische Dringlichkeit, aber auch die Erfolgsaussichten: Gibt es ein anderes Kind, das mit diesem Organ eine höhere Überlebenschance hat? Das wird alles berücksichtigt. In den acht Mitgliedsländern von Eurotransplant – neben Österreich u. a. auch Belgien, Deutschland, die Niederlande oder Ungarn – sorgen transparente Verfahren für eine faire Vergabe. “
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