Potenziell tödlich: Experten warnen vor "Krebsdiäten"
Krebspatienten erhalten häufig gut gemeinte, aber fachlich nicht fundierte Ernährungstipps. Die im deutschen Leitlinienprogramm Onkologie überarbeitete S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“ rät ausdrücklich von restriktiven Diäten bei Krebserkrankungen ab. An der Leitlinie beteiligte Fachgesellschaften stellen klar, dass sogenannte Krebsdiäten oder Fastenprogramme ungeeignet sind. Wissenschaftliche Studien belegen keinen Nutzen, zeigen jedoch ein erhebliches Risiko für Mangelernährung – mit potenziell tödlichen Folgen für Krebspatienten.
Viele Betroffene verlieren infolge der Erkrankung oder der Therapie an Gewicht. Umso wichtiger ist es, einer Mangelernährung frühzeitig entgegenzuwirken, da der Ernährungszustand den Krankheitsverlauf und den Erfolg der Behandlung maßgeblich beeinflusst. „Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, drohen Komplikationen, Therapieversagen und im schlimmsten Fall der Tod durch Mangelernährung“, sagt Jutta Hübner vom Universitätsklinikum Jena, die die Aktualisierung der Leitlinie koordinierte.
Klare Abgrenzung von Krebsdiäten und Fasten
Die aktualisierte Leitlinie ordnet mit insgesamt elf Empfehlungen spezielle Ernährungsformen wie vegane, ketogene Kost oder sogenannte Krebsdiäten kritisch ein. „Für vegetarische oder vegane Ernährung fehlt noch die Evidenz, um eine Empfehlung dafür oder dagegen auszusprechen. Bis verlässliche Studien vorliegen, ist für onkologische Patienten eine sorgfältige Planung zwingend erforderlich, um Mangelernährung zu vermeiden“, so Hübner. „Was sogenannte ‚Krebsdiäten‘ angeht: In der Leitlinie wird von strikten Diätvorschriften abgeraten. Sie schränken die Ernährung ein und bergen damit das Risiko von Mangelernährung und Gewichtsverlust. Dazu zählen Fasten, ketogene Diäten sowie die Diäten nach Budwig und Breuß.“
Bisherige Studien konnten für diese Ernährungsformen keinen positiven Effekt nachweisen. Vielmehr erhöhen die teils starken Einschränkungen der Nahrungsaufnahme das Risiko für Mangelernährung.
Neues Kapitel zur Ernährung bei Tumoroperationen
Erstmals enthält die Leitlinie ein eigenes Kapitel zur Ernährungstherapie im Zusammenhang mit operativen Tumorbehandlungen. Die zwölf neuen Empfehlungen sehen vor, den Ernährungsstatus vor und nach größeren onkochirurgischen Eingriffen mehrfach zu erfassen. Patienten, die nach der Operation voraussichtlich mehrere Tage keine feste Nahrung aufnehmen können, sollen frühzeitig künstlich ernährt werden.
Für die Zeit vor der Operation empfiehlt die Leitlinie zudem, Patienten mit hohem Risiko – etwa bei starkem, raschem Gewichtsverlust – zunächst ernährungstherapeutisch zu behandeln, auch wenn sich der Operationstermin dadurch verschiebt.
Ernährung in der Palliativversorgung: Kommunikation im Fokus
In der Palliativsituation steht die Lebensqualität von Menschen mit nicht heilbaren Krebserkrankungen im Vordergrund. Eine individuell angepasste Ernährungstherapie kann dazu beitragen. Neu ist die Empfehlung, regelmäßig zu überprüfen, ob eine enterale (Zufuhr von Nahrung über den Magen-Darm-Trakt mittles Sonden) oder parenterale (Zufuhr von Nährstoffen oder Medikamenten direkt in den Blutkreislauf meist über Venenkatheter) Ernährung noch den Therapiezielen entspricht. Diese Entscheidung soll gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Betreuenden immer wieder neu bewertet werden.
„Entscheidet sich eine an Krebs erkrankte Person, die Ernährung einzustellen, kann das zu Konflikten mit den Angehörigen führen. Es ist eine schwierige Situation“, so Hübner. „Um diese psychischen und physischen Belastungen durch die unterschiedlichen Wünsche zu vermeiden, empfehlen wir in der Leitlinie, dass das zuständige Fachpersonal proaktiv, klar und empathisch mit den Beteiligten kommuniziert.“
In allen Phasen der Palliativversorgung sollen bei Ernährungsproblemen qualifizierte Ernährungsfachkräfte hinzugezogen werden, so die Empfehlung der Leitlinie.
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