Kokain und Alkohol: Warum der Mix für Kreative so riskant ist

Drogenkonsum: Zwei Suchtexperten erklären, wer gefährdet ist – und wie aus dem Kick rasch Enthemmung und Kontrollverlust wird.
Guitarist playing a guitar on stage

Zusammenfassung

  • Der Mythos, Drogen würden kreativer machen, hält sich hartnäckig, ist aber wissenschaftlich widerlegt.
  • Kurzfristig können Substanzen wie Kokain Antrieb und Kreativität vortäuschen, langfristig führen sie jedoch zu Abhängigkeit und Kreativitätsverlust.
  • Besonders in kreativen Berufen ist das Risiko für Suchtmittelmissbrauch hoch, doch die vermeintliche Hilfe wird schnell zur gefährlichen Falle.

Kurz vor dem Auftritt. Unmittelbar danach. Oder wenn der Applaus verschwindet und die Leere kommt. In Künstlerkreisen und der Kreativbranche gehören Alkohol und Drogen seit Langem zum Inventar der Erzählungen.

Der Mythos dahinter ist hartnäckig: Kokain mache wacher, mutiger, origineller. Alkohol helfe beim Runterkommen. Andere Substanzen würden das Bewusstsein erweitern und damit auch die Kunst. So verführerisch diese Geschichten auch klingen mögen, so wenig halten sie der Wirklichkeit stand.

Ein Irrglaube

„Substanzen machen nicht kreativer“, betont Gabriele Fischer, Psychiaterin und Suchtexpertin, MedUni Wien. Dass sich der Mythos so verfestigt hat, hat für sie auch mit Wahrnehmung zu tun. Natürlich werde bei bekannten Künstlern, Sängern oder Schauspielern viel genauer hingeschaut. 

„Die Aufmerksamkeit ist eine andere“, sagt sie. Dadurch entstehe leicht der Eindruck, exzessiver Konsum sei vor allem ein Problem von Promis und Kreativen. Aber: „Es gibt viele Künstler, die keine Drogen konsumieren.“ Entscheidend sei, wie sehr jemand geerdet ist, also wie jemand mit Erfolg, Absturz und belastenden Situationen umgehen kann.

Schlagfertig durch Droge

Längst findet sich Substanzmissbrauch auch in anderen Berufsgruppen. Fischer nennt ein Beispiel, das viel darüber erzählt, wie etwa Kokain funktioniert: einen Immobilienverkäufer, der länger viel davon konsumierte. Seine Begründung: Er verkaufe eben „nicht immer nur die 120-Quadratmeter-Terrassenwohnungen“, sondern manchmal auch „40-Quadratmeter-Wohnungen ohne Aussicht“. 

In solchen Momenten, so die Hoffnung, soll Kokain helfen – beim Auftreten, beim Überzeugen, beim Funktionieren. Fischer beschreibt, warum das verführerisch wirkt: „Im unmittelbaren Konsum sind Menschen oft antriebsgesteigert, überassoziativ aufgelockert und logorrhoischer, also gesprächiger und schlagfertiger.“

Darin liegt die Tücke. Besonders Kokain passt perfekt in eine Gegenwart, in der Tempo und Dauerleistung hoch gehandelt werden. Kurzfristig mag der Kick als Lösung erscheinen, längerfristig kippt das System. 

Fischer unterscheidet deshalb klar zwischen gelegentlichem Konsum und echter Abhängigkeit. Denn wenn daraus ein Muster wird, ist der Preis hoch: „Wenn Sie eine Abhängigkeit haben, führt das zu einer massiven Schädigung und auch zu einem Verlust jeder Kreativität.“

Grenzgängertum

Der Psychiater und Suchtexperte Michael Musalek sieht eine Verbindung zwischen Kick und Kreativität: „Da ist ein Zusammenhang, aber nicht die Prominenz ist der Kern, sondern die Kreativität selbst, durch die man schließlich prominent wird.“

Und: „Kreative Arbeit hat oft mit Grenzgängertum zu tun. Wer Kunst schafft, erlebt häufig intensiver und extremer.“ Er verweist auf den Zusammenhang mit Zuständen aus dem bipolaren Spektrum, also mit Phasen von Übersteigerung und Hochgefühl, aber auch mit depressiven Einbrüchen.

„Diese Menschen sind in der Regel sehr kreativ“, sagt er. Nicht jede Person mit einer solchen „Störung“ werde Künstler, aber unter Künstlern finde sich dieses Muster „überproportional“. Wer intensiver erlebt, erlebt oft auch den Absturz intensiver.

Hier kommen die Suchtmittel ins Spiel. „Mit der Depression ist man leicht überfordert von allem, dennoch muss man großartige Leistungen bringen. Das führt zu Spannungs- und Unruhezuständen und auch zu Einschlafstörungen, die bekämpft werden müssen.“

Manische Zustände

Für manche ist Alkohol das Mittel der Wahl, andere setzen Kokain als Wachmacher ein. Letzteres mache kurzfristig „antriebsgesteigerte, übermanische Zustände“, sagt Musalek, mit dem Gefühl „höherer Kreativität“. Auch er bremst diese Erzählung ein: „Wenn man dann süchtig ist, schlägt es um und wird desaströs.“

Fischer beschreibt, wie schnell aus der vermeintlichen „Hilfe“ ein Teufelskreis wird: „Wer regelmäßig Kokain nimmt, ist antriebsgesteigert, schläft schlecht, kommt nicht mehr herunter. Dann wird weiter konsumiert – oder gegengesteuert.“ Die Betroffenen müssen entweder Alkohol konsumieren oder nehmen Beruhigungsmittel. „Da kommt man nicht mehr heraus.“

Besonders riskant ist, wenn Kokain gemeinsam mit Alkohol konsumiert wird. „Das potenziert die Wirkung.“ Die Folgen sind nicht nur individuell. Sie warnt ausdrücklich vor dem Verlust von Distanz und Kontrolle. 

Unter dem Einfluss von Suchtmittel könne es zu Selbstüberschätzung kommen, zu Autofahrten in berauschtem Zustand, zu Grenzüberschreitungen und Gewalt. Häusliche Gewalt oder Gewalt in der Partnerschaft sind reale Gefahren. Ihr Punkt ist klar: „Das Bild vom genialen Exzess verklärt etwas, das in der Realität hochriskant ist – für die Konsumierenden und andere.“

Gefährliche Dynamik

Dabei ist ihr wichtig, nicht alles in einen Topf zu werfen. Nicht jeder, der Kokain konsumiert, wird abhängig. Die These, einmal konsumiert und sofort süchtig, stimme so nicht. Alarmierend werde es, wenn Frequenz und Intensität steigen. 

Dann beginne die gefährliche Dynamik: Die Substanz suggeriere, „dass man sich besser fühlt, dass man scheinbar kreativer, größer, freier schneller ist, aber das Gegenteil der Fall.“

Und was sagt die Forschung zur Mär, Drogen würden kreativer machen? Eine große Auswertung aus 2023 kam zu einem klaren Ergebnis: Kreativität lässt sich durchaus fördern – etwa durch Training, Meditation und kulturelle Anregung. Drogen schnitten dagegen am schlechtesten ab und erwiesen sich nicht als wirksam.

Die bittere Wahrheit

Am Ende gilt: Nicht die Droge schafft die Kunst, sie kann höchstens kurzfristig das Gefühl erzeugen, man sei ihr näher. Langfristig aber nagt sie an dem, wovon Kreativität lebt: Wahrnehmung, Konzentration, Lust am Leben. Doch wenn aus dem Konsum Abhängigkeit wird, bleibt von der großen Verheißung oft nur eines übrig: großer Schaden.

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