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Arnold Mettnitzer: „Dem Kindsein gehört die Zukunft“

Kindsein heißt staunen können – über Kleinigkeiten, über Zufälle, über das Leben selbst. Wie das man das bewahrt, sagt Psychotherapeut Arnold Mettnitzer im Interview.
Little preschool girl with earth globe painting with colorful chalks on ground. Positive toddler child. Happy earth day concept. Creation of children for saving world, environment and ecology.

Wie gelingt ein erfülltes Leben? Der Psychotherapeut Arnold Mettnitzer findet die Antwort in einer ungewöhnlichen Quelle: im Kindsein. In seinem neuen Buch „Die Verzauberung der Welt“ plädiert er dafür, sich die Begeisterungsfähigkeit, Neugier und Leichtigkeit von Kindern zu bewahren – ein Leben lang, und sagt auch, warum Humor so wichtig ist und welche Rolle der Glaube spielt.

KURIER Leben: „Die Verzauberung der Welt“ ist eine Anleitung, wie das Leben gelingen kann. Wann ist ein Leben gelungen? Gibt es ein Raster, das wir über unser Leben legen können?

Das hätten wir ja alle so gerne: Die Zauberformel für ein gelungenes Leben. „Die Menschen wären glücklich, wenn sie wüssten, dass sie glücklich sind“ lässt Fjodor Michailowitsch Dostojewski eine seiner Figuren in seinem Roman „Böse Geister“ sagen. Und Kaiserin Sisi, die vielleicht unglücklichste Frau ihrer Zeit, notiert einmal resigniert in ihr Tagebuch: „Das kleine Glück dem größeren weicht, nie zieht ins Herz Genügen ein, und hast du je dein Glück erreicht, so hört es auf, dein Glück zu sein!“ Alles Glück im Sinne eines gelungenen Lebens hat damit zu tun, uns auch in den späteren Jahren unseres Lebens an das zu erinnern, was wir als Kinder noch „spielend“ beherrscht haben: im Hier und Jetzt zu leben, uns täglich 30- bis 50-mal restlos für eine Sache zu begeistern, dabei ungezählte Fragen zu stellen und bis zu 400-mal am Tag herzhaft zu lachen.

Arnold Mettnitzer: Sie sagen die Zukunft gehört dem Kindsein. Was ist das Kindsein? Und wie unterscheidet es sich vom Erwachsensein?

In meinem Buch unterscheide ich „Kindheit“ vom „Kindsein“. Die ersten Jahre unseres Lebens bilden den Boden für den unerschöpflichen Reichtum von Neugier und Begeisterung weit darüber hinaus. Deshalb lässt sich mit „Kindsein“ alles beschreiben, was wir für ein gelungenes Leben brauchen: im Augenblick zu leben, die Dinge beim Namen zu nennen und der Welt mit Entdeckergeist zu begegnen. Diese Haltung macht erfinderisch und motiviert, immer wieder einmal radikal aus der Reihe zu tanzen und so aus den Gewohnheiten eines langweilig gewordenen Alltags auszubrechen. Wer sich die Begeisterungsfähigkeit der Kinder bis ins hohe Alter bewahrt, wird staunen über den Zauber, den das Leben auch für ihn bereithält.

Arnold Mettnitzer

Psychotherapeut in freier Praxis in Wien, Seelsorger und Autor zahlreicher Bücher. 

Die Zukunft jenen, die bei dem, was sie tun, immer wieder von Neuem beginnen. Wie ist das gemeint?

An Kindern lässt es sich am besten beobachten, wie sie sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen, wie sie beim Hinfallen das Aufstehen üben und so Schritt für Schritt das Laufen erlernen. Im Buddhismus spricht man in diesem Zusammenhang vom „Anfängergeist“. Schon bei Marcus Tullius Cicero findet sich in seinem Brief an Atticus der schöne und ermutigende Satz: „Solange ich atme, hoffe ich.“ Wäre doch schade, solche Klugheit Kindern allein zuzuschreiben.

Was haben Kinder, was Erwachsene nicht (mehr) haben?

Kinder haben (noch) Leben in sich, sind lebendig, voll Feuer und Begeisterung; sie lachen, wie gesagt, bis zu vierhundert Mal am Tag; je älter wir werden, umso mehr scheint dieses Lachen aus unseren Gesichtern zu fallen. Und zu Weihnachten verschicken wir dann, weil wir Erwachsene aus welchen Gründen auch immer das Lachen verlernt haben – Fotos mit den strahlenden Augen unserer Kinder und Kindeskinder.

Wie kann man mit Leichtigkeit durchs Leben gehen, wobei man doch „schon so viel weiß und gesehen hat“?

Einfach im Wissen, dass wir nie genug wissen können, dass Fantasie unser einziges Feld grenzenlosen Wachstums bleibt, weshalb die Theologin und Dichterin Dorothee Sölle die Fantasie als „die Mutter aller Tugenden von morgen“ bezeichnet. Im Blick zurück ist mir dabei gelebte Dankbarkeit wichtig im Sinne der biblischen Frage : „Was hast du denn, was du nicht geschenkt bekommen hättest? Wenn du es aber geschenkt bekommen hast, warum tust du dann so, als hättest du es nicht geschenkt bekommen?“ Und im Blick voraus ist mir eine Offenheit wichtig, die mich über alles hoffen lässt und mich mit einer Zuversicht beschenkt, in der das Wort „vielleicht“ eine besondere Rolle spielt: „Vielleicht ist zu guter Letzt alles viel leichter, als wir uns das auszudenken vermögen.“

Cover Die Verzauberung der Welt Arnold Mettnitzer

Arnold Mettznitzers „Verzauberung der Welt“ ist eine Liebeserklärung ans Kindsein. Das Buch erscheint im Kneipp Verlag, 112 Seiten. Ab 22. Juni im Handel

Der Glaube ist ein zentraler Begriff in Ihrem Buch. Gehen Menschen, die in ihrem Glauben gefestigt sind, leichter durch das Leben?

Ja, vielleicht! Aber vielleicht auch wieder nicht. Hängt ganz davon ab, wie dieser Glaube strukturiert ist. Ein Automatengott, der meine Wünsche zufriedenstellt ist etwas anderes als ein Gott, der alle meine Gedanken und Vorstellungen übersteigt, nicht „begriffen“, nur geglaubt (und erhofft) werden kann. Deshalb hat es ein gläubiger Mensch im Leben nicht unbedingt leichter. Ernst Block weist schon in seinem Werk „Prinzip Hoffnung“ darauf hin, dass ein gläubiger Mensch es im Unterschied zum Atheisten im Grunde schwerer hat. Aber im Unterschied zum Atheisten will der Gläubige ja nicht von Gott los, viel mehr will er wissen, was mit Gott los ist, hält an Gott fest, ohne ihn begreifen zu können. Daraus aber schöpft er eine Kraft, die sich erleben, aber niemals begründen lässt. Etwas von dieser Kraft meine ich in all den Jahrzehnten meines bisher gelebten Lebens zu spüren.

Ein Kapitel ist dem Humor als Überlebenskunst gewidmet. Warum ist Humor so wichtig? Wie drückt sich Humor bei Kindern aus? Kann man Humor erlernen?

HUMOR, richtig eingesetzt, ist eine „Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung“, hat Viktor Frankl einmal gesagt und ist so wie kaum etwas sonst im menschlichen Dasein geeignet, Distanz zu schaffen und sich über die Situation zu stellen, wenn auch nur für Sekunden. Gute Witze enthüllen, was Ideologien verbergen. Sie entwerten oder relativieren, was idealisiert wird. Sie werten auf, was im herrschenden Bewusstsein abgewertet wird. Humor, so betrachtet, ist die „Kleinkunst besonderer Art“, die Überlebensstrategie, die uns dabei hilft, gegen die „hergestellte Dummheit“, wie der deutsche Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich sagte, zu Felde zu ziehen und diese zu entlarven.

Was kann man Kindern mitgeben, damit sie von Anfang an leicht durchs Leben gehen? Damit ihr Leben gelingt?

Viel wichtiger als die Frage, was wir Kindern mitgeben können, ist für mich die Frage, und das durchaus auch im urbiblischen Sinne, was wir von Kindern lernen können. Die verlässlichsten Elementarpädagogen des Menschen sind und bleiben die Kinder.

Was kann man 14-jährigen Pubertierenden sagen, die es nicht erwarten können, erwachsen zu sein?

Reif ist der Mensch erst dann, wenn er den Ernst wiederentdecken konnte, den er als Kind beim Spielen hatte. Und vielleicht noch das: Die Pubertät im Leben eines jungen Menschen ist die Zeit, in der die Eltern so schwierig werden.

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