Neue Studie zeigt: Kinder lügen früher als gedacht

Eine neue Studie aus Bristol zeigt, dass schon Kinder unter einem Jahr täuschen können. Warum das kein Alarmzeichen ist und was Eltern daraus lernen können.
Ein Mädchen kichert und greift sich zum Mund.

Von Eileen Wagner

Kinder gelten lange als ehrlich – jedenfalls solange ihnen noch das sprachliche und gedankliche Rüstzeug zum Lügen fehlt. Eine neue Studie stellt diese Vorstellung nun infrage. Ein Forschungsteam um Elena Hoicka von der University of Bristol (Großbritannien) kommt zu dem Schluss, dass die Fähigkeit zur Täuschung deutlich früher beginnt als lange angenommen.

Bislang sei Täuschung in der Forschung oft als besonders anspruchsvolle Leistung verstanden worden, sagt Hoicka. Dahinter steht die Annahme, dass Kinder dafür nicht nur Sprache brauchen, sondern auch eine sogenannte „Theory of Mind“ – also die Fähigkeit zu verstehen, dass andere Menschen eigene Gedanken, Gefühle und Wissensstände haben. Nach Ansicht der Forschenden greift diese Erklärung jedoch zu kurz.

Sprache nicht nötig

Denn Täuschung lässt sich nicht nur bei Menschen beobachten. Auch Tiere führen einander in die Irre, obwohl sie keine Sprache wie wir benutzen. Schimpansen verstecken sich etwa, um Nahrung außerhalb des Blickfelds dominanter Tiere zu fressen. Das ist ein wichtiger Hinweis, dass Täuschung womöglich weder Sprache noch eine voll entwickelte „Theory of Mind“ braucht.

Das Team entwickelte einen Fragenkatalog mit 16 einfachen Formen der Täuschung, die sich auch bei sehr jungen Kindern beobachten lassen. In der Studie erfasst wurden außerdem Verhaltensweisen wie absichtliches Überhören, das Verbergen von Gegenständen oder das Leugnen eigener Schuld.

Für die Untersuchung befragten die Forschenden Eltern von mehr als 750 Kindern unter vier Jahren. Das Ergebnis: Rund ein Viertel der Kinder habe bereits mit zehn Monaten begonnen, erste Formen von Täuschung zu verstehen und anzuwenden. Zu den frühesten Strategien gehört offenbar, ein Spielzeug zu verstecken, um es nicht teilen zu müssen. Mit etwa elf Monaten tun manche Kinder Verbotenes heimlich. 

Rund um den ersten Geburtstag zeigt sich dann schon eine besonders alltägliche Form der Unwahrheit: das entschiedene Kopfschütteln auf die Frage, ob man von der Schokolade genascht habe. Mit etwa zwei Jahren bleibt Täuschung meist noch eng an das unmittelbare Handeln gebunden. Kinder tun dann zum Beispiel so, als hätten sie eine Aufforderung nicht gehört. Sie verstecken Dinge vor anderen oder streiten etwas ab, das kurz zuvor passiert ist.

Ab etwa drei Jahren erweitert sich das Repertoire deutlich. Dann beginnen Kinder, zu übertreiben, zu untertreiben oder etwas komplett zu erfinden. Hoicka nennt in der Studie ein typisches Beispiel: „Ein Geist hat die Schokolade gegessen.“ Kinder fangen außerdem an, Informationen gezielt wegzulassen. Auch Ablenkungsmanöver kommen nun häufiger vor. Die Forschenden werten das als Hinweis darauf, dass Kinder in diesem Alter mehr Formen der Täuschung verstehen und gezielt einsetzen. Dafür brauche es oft mehr sprachliche Fähigkeiten und ein feineres Gespür dafür, was andere Menschen wissen oder vermuten.

Rolle der Eltern

Hoicka betont allerdings, Täuschung beginne nicht plötzlich mit drei oder vier Jahren. Die frühen Formen seien noch nicht unbedingt ausgereifte Lügen. Oft gehe es eher darum, mit etwas davonzukommen oder eine zusätzliche Belohnung zu bekommen. Besonders schnell entwickelten sich diese Fähigkeiten laut Studie, wenn Eltern ihre Kinder selbst regelmäßig hereinlegten oder kleine Schwindeleien förderten. Die Forschenden werten das dennoch nicht vorschnell als schlechtes Zeichen.

Täuschung sei auch eine Form sozialer Kommunikation, mit der Kinder umgehen lernen müssten, um nicht selbst ständig in die Irre geführt zu werden. Zudem könne sie für weniger durchsetzungsfähige Kinder eine Möglichkeit sein, Machtunterschiede auszugleichen – gegenüber Erwachsenen ebenso wie gegenüber anderen Kindern.

Für Eltern und pädagogische Fachkräfte lässt sich aus der Studie vor allem eines mitnehmen: Kleine Schwindeleien sind im frühen Kindesalter kein Alarmzeichen, sondern Teil der normalen Entwicklung.

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