Warum viele fürs Impfen sind – und es trotzdem nicht tun

Die Mehrheit ist impffreundlich, die Durchimpfungsrate bleibt niedrig. Eine aktuelle Befragung zeigt Wissenslücken und neue Ideen, um mehr Menschen zu erreichen.
Coronavirus - Neuer Omikron-Impfstoff in Berlin

Zusammenfassung

  • 79 % der Österreicher:innen stehen Impfungen positiv gegenüber, aber die tatsächlichen Durchimpfungsraten bleiben niedrig.
  • Wissenslücken über kostenlose Impfangebote und zeitweise Impfstoff-Engpässe behindern höhere Impfquoten, besonders bei Erwachsenen.
  • HausärztInnen sind die wichtigste Anlaufstelle für Impfungen, doch der Verband fordert mehr niederschwellige Angebote wie Apotheken und Betriebe.

Österreich ist offenbar impffreundlicher, als die öffentliche Debatte mitunter vermuten lässt. Laut einer repräsentativen Online-Befragung des Instituts Integral im Auftrag des Österreichischen Verbandes der Impfstoffhersteller (ÖVIH) stehen 79 Prozent der Bevölkerung Impfungen positiv oder eher positiv gegenüber. Befragt wurden im Februar und März 2026 insgesamt 2.000 Personen ab 16 Jahren.

Das klingt zunächst nach einer guten Ausgangslage, trotzdem zeigt sich hier ein Widerspruch: Eine positive Einstellung führt nicht automatisch zu einer hohen Durchimpfungsrate. „Wir sehen eine sehr hohe positive Einstellung gegenüber Impfungen, in der Realität sehen wir aber sehr niedrige Durchimpfungsraten“, sagte ÖVIH-Präsidentin Sigrid Haslinger bei einem Pressegespräch.

Besonders deutlich wird das bei der Influenza-Impfung. 23 Prozent der Befragten gaben an, sich in den vergangenen sechs Monaten gegen Grippe impfen lassen zu haben. Diese Zahl liegt laut ÖVIH allerdings höher als andere verfügbare Daten nahelegen. 

Man müsse davon ausgehen, dass manche Befragte ihre Impfung überschätzt oder nicht richtig eingeordnet hätten. Tatsächlich bewegen sich die Influenza-Durchimpfungsraten in Österreich laut Verband seit Jahren nur um etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Für ältere Erwachsene nennt die WHO hingegen einen Zielwert von 75 Prozent.

Wissenslücken zu kostenlosen Angeboten

Auch beim Wissen über kostenlose Impfangebote zeigen sich deutliche Lücken. Zwar wussten 70 Prozent, dass die COVID-19-Impfung kostenlos erhältlich ist. Bei Influenza waren es nur 56 Prozent. Bei Masern, Gürtelrose und Pneumokokken wussten jeweils nur rund 35 Prozent, dass diese Impfungen im Rahmen des öffentlichen Impfprogramms kostenlos erhältlich sind – je nach Impfung und Zielgruppe.

Dabei wurden gerade für Erwachsene zuletzt neue Angebote geschaffen. Seit rund einem halben Jahr sind Pneumokokken- und Gürtelrose-Impfungen für Menschen ab 60 Jahren im öffentlichen Impfprogramm kostenlos erhältlich. 

Doch auch in dieser Zielgruppe ist das noch nicht überall angekommen: Nur 44 Prozent der 60- bis 69-Jährigen und 51 Prozent der über 70-Jährigen wussten laut Befragung, dass die Pneumokokken-Impfung nicht mehr selbst bezahlt werden muss. Beim kostenlosen Gürtelrose-Angebot waren es rund sechs von zehn.

Impfstoff-Engpass

Allerdings ist mangelndes Wissen nicht die ganze Erklärung. Gerade beim Gürtelrose-Impfstoff gab es einen Engpass, viele Impfwillige hätten wegen fehlenden Impfstoffs zunächst keinen Termin bekommen. 

Der ÖVIH räumte ein, dass die Nachfrage zu Beginn sehr groß gewesen sei und die Logistik nicht reibungslos funktioniert habe. Haslinger dazu: „Es ist einerseits schön, dass das Impfprogramm gut angenommen wird, aber es muss natürlich auch von der Logistik her gut passen.“ Vizepräsident Olivier Jankowitsch ergänzte, man sei „vielleicht auch nicht wirklich so darauf eingestellt“ gewesen, dass die Akzeptanz dieser Impfung so hoch sein würde.

Laut ÖVIH sollte sich die Verfügbarkeit inzwischen wieder stabilisieren. Gleichzeitig verwies der Verband auf die komplexe Herstellung: Impfstoffe seien keine Produkte, die kurzfristig in beliebiger Menge beschafft werden könnten. Die Produktion könne „über ein Jahr und länger“ dauern, sagte Jankowitsch. Deshalb müsse die öffentliche Beschaffung enger mit den Herstellern geplant werden, um eine kontinuierliche Verfügbarkeit sicherzustellen.

Mehr niederschwellige Angebote

Ein weiterer Befund: ÄrztInnen bleiben die wichtigste Informationsquelle. 76 Prozent der Befragten nennen sie als bevorzugte Anlaufstelle für Impfinformationen. 

Auch impfen lassen möchten sich die meisten weiterhin in der Ordination: 79 Prozent nennen HausärztInnen als bevorzugte Impfstelle. „Ärztinnen und Ärzte sind die erste Anlaufstelle“, sagte Haslinger. 

Gleichzeitig brauche es bessere Information, Schulung und zielgruppengerechte Aufklärung. Jüngere Menschen informierten sich heute anders als ältere – etwa über Gesundheitsportale, Familie, Freunde oder Social Media.

Deshalb fordert der Verband mehr niederschwellige Angebote. Impfen solle nicht nur in Ordinationen stattfinden, sondern auch dort, wo Menschen ohnehin sind: in Betrieben, Schulen, Spitälern, öffentlichen Impfstellen und Apotheken. „Je einfacher man zu einer Impfung kommt, desto schneller oder besser werden sich die Impfraten entwickeln“, sagte Haslinger.

Interessant ist dabei ein Detail der Umfrage: 24 Prozent der Befragten würden sich laut Erhebung in einer Apotheke impfen lassen – obwohl Impfungen in Apotheken in Österreich derzeit nicht als reguläre Möglichkeit vorgesehen sind. 

Aus Sicht des Verbands wäre das ein zusätzlicher Weg, vor allem ältere Menschen zu erreichen, die Apotheken regelmäßig aufsuchen. Auch Betriebe könnten eine größere Rolle spielen: BetriebsärzInnen könnten Impfungen unkompliziert am Arbeitsplatz anbieten. In Schulen wiederum ließen sich Kinder und Jugendliche leichter erreichen. Gerade dieser Bereich sei seit der Pandemie aber nur eingeschränkt funktionsfähig, kritisierte Haslinger.

Auch Spitäler könnten stärker eingebunden werden. Genannt wurde etwa ein Impfpasscheck bei der Aufnahme. Wer ohnehin im Krankenhaus ist, könnte dort auf fehlende Impfungen aufmerksam gemacht werden. Solche Angebote wären weniger von der Eigeninitiative abhängig und könnten jene erreichen, die zwar nicht impfgegnerisch sind, aber Impfungen im Alltag schlicht nicht aktiv verfolgen.

Erweiterung des Erwachsenen-Impfprogramms

Ein weiteres Thema ist die Datenlage. Der E-Impfpass soll künftig helfen, realistische Impfquoten besser abzubilden. Dafür müssten Impfungen aber lückenlos eingetragen werden. „Nur so kann man wirklich gute Daten analysieren und auswerten“, sagte Haslinger. Derzeit bleibe schwer zu beurteilen, wo Programme funktionieren, wo Lücken bestehen und welche Maßnahmen tatsächlich wirken.

Als mögliche nächste Erweiterungen des Erwachsenen-Impfprogramms wurden RSV und Pertussis genannt. RSV ist in der Bevölkerung bisher wenig bekannt: Nur 42 Prozent der Befragten gaben an, von der Erkrankung gehört zu haben. Bei Personen mit Kindern unter einem Jahr im Haushalt waren es hingegen 91 Prozent – offenbar auch, weil RSV im Kinderimpfprogramm stärker sichtbar ist.

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