Angeborene Herzfehler: Wie Innovationen Herzen retten

Vom ersten Herzschlag an besonders – angeborene Herzfehler verlangen ein Leben lang individuelle Betreuung.
Ein Junge mit Elektroden auf der Brust hält Tabletten in der Hand und blickt nachdenklich darauf.

Von Nicola Afchar-Negad

Die Ausgangslage ist klar: Herzkreislauferkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache – und oft dauert es viel zu lange, bis sie erkannt werden. Gleichzeitig rücken angeborene Herzfehler in den Fokus. Sie zählen zu den häufigsten anatomischen Fehlbildungen bei Neugeborenen: Im Schnitt kommen ein bis zwei von hundert Babys damit zur Welt. Dank enormer medizinischer Fortschritte erreichen heute rund 95 Prozent dieser Kinder das Erwachsenenalter. Das ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte, hat aber eine logische Konsequenz: Mit ihnen wächst auch die Gruppe erwachsener Patienten stetig an, für die es maßgeschneiderte Therapieansätze braucht. Denn: kein Herzfehler gleicht exakt dem anderen, ein „der Neffe meiner Nachbarin hat das auch“ bringt keinem was. Und doch lassen sich – bei aller Komplexität – grundsätzlich vier Stufen unterscheiden, unabhängig davon, ob die Herzfehler angeboren oder erworben sind.

  1. Medikamente:  Sie bilden oft die Grundlage, entlasten das Herz, stabilisieren den Kreislauf und regulieren Rhythmus und Blutdruck. Neue Präparate und Forschungen lassen immer wieder aufhorchen, in jüngster Vergangenheit etwa zur Bekämpfung von Herzinsuffizienz bei Kindern. Wichtig: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung, Dauer-Medikationen belasten den gesamten Organismus, insbesondere auf die Nieren muss man gut aufpassen.
     
  2. Katheterinterventionen: In der Behandlung von immer mehr Patienten etablieren sich Katheterverfahren als schonende Alternative zur Operation am offenen Herzen. Über feine Zugänge in den Blutgefäßen lassen sich Defekte direkt im Herzen behandeln, etwa durch das Verschließen von Öffnungen oder das Erweitern verengter Bereiche. Die Belastung für den Körper ist deutlich geringer als beim Öffnen des Brustkorbs – das wirkt sich auf die Erholungszeit aus. Wie schnell sich dieses Feld entwickelt, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Wien: Erstmals in Österreich wurde eine Mitralklappe über die Leiste ersetzt. Für die Patienten eine enorme Entlastung! Man darf davon ausgehen, dass sich hier noch viel tut.
     
  3. Chirurgische Eingriffe: Bei komplexen Befunden bleiben nur das Skalpell und die Herz-Lungen-Maschine. Die Bypass-OP ist dabei einer der weltweit häufigsten herzchirurgischen Eingriffe zur Behandlung einer koronaren Herzkrankheit und gilt – auch wenn Betroffene und ihre Familien bei dieser Formulierung oft schlucken – als Standard-Eingriff. Auch in der Chirurgie lassen Fortschritte, zum Beispiel robotergestützte Verfahren, immer mehr aufhorchen. 4. Herztransplantation (HTX) Sind alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft, kann eine Herztransplantation notwendig werden – in Wien seit 1984 möglich, Eurotransplant vermittelt die Organe. Meistens sind es Kardiomyopathien, also Herzinsuffizienzen, die dazu führen, dass Betroffene ein neues Herz benötigen, aber auch die koronare Herzkrankheit. Seltener verursachen infunktionale Herzklappen, angeborene Herzfehler oder Speichererkrankungen eine Transplantation. Die nüchterne Statistik sagt, dass 75 Prozent der Transplantierten nach 10 Jahren noch leben. Um die Zahl richtig einzuordnen, sollte man wissen: Der durchschnittliche Empfänger ist circa 50 Jahre alt, das beeinflusst die Statistik signifikant. Auch hier: Die immunsupprimierenden Medikamente, die ein Leben lang Pflicht sind, um eine Abstoßungsreaktion zu unterdrücken, werden immer besser. Einer Abstoßungsrate von circa 50 Prozent in den 1980er-Jahren stehen heute (Stand 2024) 10-12 Prozent gegenüber.

Künstliche Intelligenz

Gleich, wie der Behandlungsplan auch aussieht, eines ist sicher: ohne Nachsorge geht gar nichts. Selbst erfolgreich operierte Kleinkinder bleiben ein Leben lang Patienten, und längst wird das Herz auch nicht mehr nur isoliert betrachtet – hoch spezialisierte, interdisziplinäre Zentren sind gefragt. Und: Wie in vielen anderen medizinischen Disziplinen setzt man auch in der Kardiologie zunehmend auf künstliche Intelligenz. Dazu ein Beispiel aus Graz: Das Start-up arterioscope bedient sich der KI, um Herz-Kreislauf-Risiken früh zu erkennen. Dafür wertet es Signale wie das EKG aus – ganz ohne Blutabnahmen oder dergleichen. Wie immer bei Vorsorgeuntersuchungen gilt: Die Frage ist, ob die Menschen ihre persönlichen Risiken auch wirklich wissen wollen. Zu hoffen wäre es.

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