Gürtelrose: Ein Experte erklärt, warum rasches Handeln wichtig ist
Zusammenfassung
- Gürtelrose ist eine Reaktivierung des Varicella-Zoster-Virus, das nach Windpocken lebenslang in Nervenknoten verbleibt und vor allem mit zunehmendem Alter oder bei geschwächtem Immunsystem wieder aktiv werden kann.
- Typisch sind einseitige, gürtelförmige Hautveränderungen mit Schmerzen oder Brennen; eine antivirale Behandlung sollte möglichst innerhalb von 48 bis 72 Stunden nach Auftreten der Hautzeichen beginnen, um Komplikationen zu verringern.
- Besonders gefürchtet sind Nervenschäden wie die Post-Zoster-Neuralgie sowie Augen- oder Ohrenbeteiligungen, weshalb die Impfung ab 60 Jahren und bei Risikogruppen schon früher empfohlen wird.
Beim Wort „Gürtelrose“ denken viele an einen unangenehmen Hautausschlag, medizinisch greift dieses Bild aber zu kurz. Warum Herpes Zoster schmerzhaft werden kann, wer besonders gefährdet ist, weshalb eine frühe Behandlung wichtig ist und welche Rolle die Impfung spielt, erzählt der Dermatologe Univ.-Prof. Dr. Rainer Kunstfeld (MedUni Wien, AKH Wien) im Interview.
Viele denken bei Gürtelrose nur an einen simplen Ausschlag, warum ist das zu wenig?
Weil Gürtelrose ein Hautausschlag mit möglichen weitreichenden Folgen ist. Es handelt sich um eine Virusinfektion, ausgelöst durch das Varicella-Zoster-Virus. Dieses Virus ist für zwei Krankheitsbilder verantwortlich: beim Erstkontakt für Feuchtblattern, später, bei einer Reaktivierung, für Herpes zoster, also Gürtelrose.
Was passiert nach Feuchtblattern denn genau im Körper?
Der erste Kontakt mit dem Virus findet meist in der Kindheit oder Jugend statt. Bei Feuchtblattern (Windpocken) ist in der Regel die gesamte Haut betroffen. Man sieht rote Flecken und Bläschen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, die Erkrankung heilt meist gut ab. Das Entscheidende ist aber: Das Virus bleibt im Körper, und zwar in rückenmarksnahen Nervenknoten, den Ganglien. Man merkt davon oft jahrzehntelang nichts, weil das Immunsystem das Virus kontrolliert.
Warum wird es später wieder aktiv?
Dafür gibt es mehrere Faktoren, ein wesentlicher ist das Alter. Ab etwa 50 oder 55 Jahren lässt die zelluläre Immunantwort gegen das Varicella-Zoster-Virus nach. Aber auch Erkrankungen oder Therapien, die das Immunsystem beeinträchtigen, können eine Rolle spielen: Krebstherapien, Chemotherapien, Infektionen, rheumatologische Erkrankungen, Diabetes, COPD, Asthma unter Cortisontherapie oder kardiovaskuläre Erkrankungen. Auch massive psychische Belastungen können eine Rolle spielen.
Worin unterscheidet sich Gürtelrose konkret von Feuchtblattern?
Bei Feuchtblattern ist der Ausschlag über den Körper verteilt. Bei Gürtelrose ist typischerweise ein Hautsegment betroffen, ein sogenanntes Dermatom. Das ist ein Areal, das von einem bestimmten Nerv versorgt wird. Das Virus wandert von den Nervenknoten entlang dieses Nervs nach außen zur Haut. Deshalb sieht man die Veränderungen meist einseitig und gürtelförmig. Häufig ist der Brust- oder Bauchbereich betroffen, aber Gürtelrose kann auch im Kopf- und Halsbereich auftreten. Arme und Beine sind seltener betroffen.
Wie kündigt sich Herpes zoster an?
Es gibt Vorläuferbeschwerden, bei denen auf der Haut noch nichts zu sehen ist: ein unklares Ziehen, Juckreiz, Kribbeln, Brennen oder ein leichter Schmerz. Beschwerden können zunächst auch als Bandscheibenproblem oder Gallenkolik interpretiert werden. Wenn dann rote Flecken und gruppierte Bläschen entstehen, ist die Diagnose meist eindeutig.
Sollte man schon bei Brennen und Kribbeln zum Arzt gehen?
Nicht jedes Brennen am Rücken oder am Gesäß ist eine Gürtelrose, aber man sollte daran denken. Wenn Hautveränderungen sichtbar werden, ist zügiges Handeln wichtig. Als Faustregel gilt: Innerhalb von 48 bis 72 Stunden nach Auftreten der Hautveränderungen sollte idealerweise eine antivirale Therapie begonnen werden.
Warum ist dieses Zeitfenster so entscheidend?
Weil sich das Virus vermehrt und dabei körpereigenes Gewebe schädigt, vor allem das Nervengewebe. Je länger man dem Virus Zeit lässt, desto größer ist das Risiko für Komplikationen. Eine rechtzeitige Diagnose und Therapie können den Verlauf günstig beeinflussen.
Wie sieht die Therapie aus?
In der Regel handelt es sich um antivirale Tabletten, in seltenen Fällen braucht es eine Infusionsbehandlung im Krankenhaus, besonders bei Gürtelrose im Kopf- und Halsbereich, weil dort Sinnesorgane wie Augen oder Ohren betroffen sein können. Die antivirale Therapie wirkt gut, Resistenzen gegen übliche Herpes-Medikamente sind selten.
Viele Betroffene beschreiben Gürtelrose als extrem belastend. Woran liegt das?
Sie kann sehr lebensbeeinträchtigend sein. Die Hautveränderungen heilen zwar ab, aber eine gefürchtete Komplikation ist die Post-Zoster-Neuralgie: anhaltende Schmerzen nach der Infektion. Eine Sonderform ist die Allodynie. Dann sind die Nerven so geschädigt, dass kleinste Berührungen als Schmerz empfunden werden. Ich erinnere mich an einen Patienten, der danach kein Hemd und kein T-Shirt mehr tragen konnte, weil nur der Stoff auf der Haut wie tausend Nadeln schmerzte. Solche Verläufe können Menschen in die Isolation treiben.
Wie könnte man so etwas verhindern?
Durch Prävention und frühe Behandlung. Also einerseits die Impfung, andererseits eine rasche Diagnose und antivirale Therapie, wenn Gürtelrose auftritt. Die Behandlung einer Post-Zoster-Neuralgie ist schwierig. Deshalb ist es so wichtig, es möglichst nicht so weit kommen zu lassen.
Wer sollte besonders an die Impfung denken?
Laut Impfplan wird die Impfung gegen Herpes zoster ab 60 Jahren empfohlen; bei erhöhtem Risiko ist sie schon ab 18 Jahren vorgesehen. Erhöhtes Risiko betrifft, wie erwähnt, etwa Menschen mit Immunsuppression, nach Organtransplantation oder mit bestimmten chronischen Erkrankungen. Für diese Gruppen gibt es Meta-Analysen, die ein erhöhtes Risiko zeigen.
Warum braucht es zwei Dosen?
Das beruht auf klinischen Daten, es gibt eine große Studie und Langzeitdaten über rund zehn Jahre, die einen deutlichen Nutzen zeigen. Nach der ersten Dosis besteht bereits ein gewisser Schutz, für einen hohen und anhaltenden Schutz braucht es aber zwei Dosen.
Sie sagten, Gürtelrose kann auch die Augen oder Ohren betreffen?
Ja. Im Kopf- und Halsbereich kann Gürtelrose gefährlich werden. Wenn das Auge betroffen ist, können die Hornhaut oder andere Strukturen geschädigt werden, bis hin zu einer Beeinträchtigung des Sehvermögens. Auch das Ohr kann betroffen sein, mit Folgen für das Gehör oder Gleichgewicht. Das sind seltenere Komplikationen, aber sie kommen vor, vor allem bei älteren Menschen. Generell gilt: Je älter die Patientin oder der Patient ist, desto höher ist die Komplikationsrate. Und je später behandelt wird, desto mehr Gewebe kann geschädigt werden.
Kann man Herpes zoster mehrmals bekommen?
Ja. Nach einer durchgemachten Gürtelrose ist das Immunsystem zwar vorübergehend stärker an das Virus „erinnert“, sodass eine rasche neuerliche Erkrankung eher unwahrscheinlich ist, trotzdem sind Rezidive möglich. Die Impfung wird auch nach durchgemachter Gürtelrose empfohlen, üblicherweise mit einem Abstand von mehreren Monaten.
Wann ist eine Auffrischung nötig?
Die verfügbaren Daten reichen derzeit über etwa zehn Jahre. Daraus ergibt sich eine gute Langzeitperspektive, aber weitere Daten werden zeigen, ob und wann eine Auffrischung notwendig wird.
Es gibt Studien, die ein geringeres Demenzrisiko nach einer Zoster-Impfung zeigen. Was lässt sich daraus ableiten?
Ja, es gibt Hinweise, dass die Impfung auch hier einen positiven, möglicherweise präventiven Effekt haben könnte. Der genaue Mechanismus ist aber noch nicht geklärt; dafür braucht es weitere Studien.
Was ist der häufigste Irrtum über Gürtelrose?
Dass jemand mit Gürtelrose eine andere Person damit ansteckt. So funktioniert es nicht. Der Erstkontakt mit dem Varicella-Zoster-Virus führt zu Feuchtblattern. Wenn also ein Kind, das noch keinen Kontakt mit dem Virus hatte, engen Kontakt mit einer Person mit Gürtelrose hat, kann es Feuchtblattern bekommen, nicht Gürtelrose.
Was würden Sie einer gesunden 62-jährigen Person sagen, die meint: Ich bin eh sehr fit, ich brauche diese Impfung nicht?
Ich würde diesem Menschen sagen: Die Impfung ist durchaus in Betracht zu ziehen. Fitness schützt nicht zuverlässig davor, dass die zelluläre Immunantwort gegen das Virus mit dem Alter nachlässt. Es geht hier nicht um Panikmache, sondern um eine schlichte Risikoabwägung. Und entscheidend bleibt: Die Impfung schützt vor der Erkrankung und ihren Komplikationen.
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