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Krebs und Ernährung: Warum diese Mythen gefährlich sind

Ein neues Weißbuch fordert mehr Ernährungstherapie bei Krebs. Denn Essen soll Betroffene stärken und nicht durch falsche Versprechen zusätzlich belasten.
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Zusammenfassung

  • Die Krebshilfe warnt vor sogenannten Krebsdiäten, da Verbote, Fasten und pauschale Ernährungsvorgaben keine belegte Wirkung haben und Betroffene zusätzlich belasten können.
  • Ein neues Weißbuch fordert, Ernährung in Diagnose, Therapie und Nachsorge von Krebspatientinnen und -patienten systematisch zu verankern, um Mangelernährung und Therapieabbrüche zu vermeiden.
  • Wichtig sind frühe diätologische Unterstützung, regelmäßige Kontrollen und ein sensibler Umgang durch Angehörige, die eher nach Bedürfnissen fragen als Ratschläge auszuüben.

Wenn ein Mensch die Diagnose Krebs erhält, geht es um Befunde, Operationen, Chemo-, Immun- oder Strahlentherapie. Ein Bereich, der auch entscheidend sein kann, wie gut Patientinnen und Patienten durch diese schwierige Phase kommen, wird im Alltag oft unterschätzt: die Ernährung

Mangelernährung kann Therapien schlechter verträglich machen, Komplikationen begünstigen, die Lebensqualität mindern und dazu führen, dass Behandlungen unterbrochen oder reduziert werden müssen.

Ein neues Weißbuch (kostenlos zum Download) rückt nun das Thema in den Fokus. Vorgestellt wurde es im Rahmen des Austrian Health Forums im Parlament. Die Forderung: Ernährung soll in der Onkologie strukturiert in Diagnose, Therapie und Nachsorge eingebunden werden. Erarbeitet wurde das Papier in einem mehrstufigen ExpertInnenprozess; Auftraggeber war Fresenius Kabi.

Mythos „Krebsdiät“

Doris Kiefhaber, Geschäftsführerin der österreichischen Krebshilfe, begrüßt das. Wichtig sind ihr aber auch die vielen Mythen rund um sogenannte Krebsdiäten. „Das ist für uns eines der wichtigsten Anliegen: Patientinnen, Patienten und Angehörige aufzuklären, weil hier so viele Vorstellungen kursieren, die nicht nur falsch, sondern auch schädlich sein können.“

Der Wunsch sei nachvollziehbar: Wer eine Krebsdiagnose bekommt, will selbst etwas tun können. Den Krankheitsverlauf beeinflussen, etwas beitragen, nicht nur „passiv“ behandelt werden. In diese Lücke drängen oft fragwürdige Ernährungsempfehlungen. 

Kiefhaber formuliert es sehr deutlich: „Die eine Krebsdiät gibt es nicht. Pauschale Vorgaben wie kein Zucker, keine Kohlenhydrate oder Fasten vor der Chemo sind gefährliche Botschaften. Dafür gibt es keine Belege.“

Besonders belastend sei, dass sich schwerkranke Menschen dadurch zusätzlich unter Druck setzen. „Viele leiden ohnehin schon unter Übelkeit, Geschmacksveränderungen oder Nebenwirkungen der Therapie. Dann zwingen sie sich auch noch, Dinge zu essen, die ihnen nicht schmecken, nur weil sie glauben, das müsse sein.“

Kiefhaber erzählt von einer Patientin mit fortgeschrittenem Eierstockkrebs, die sich einen Urlaub in Italien gönnte. „Sie sagte mir, dass sie gerade Fisch isst, obwohl sie Fisch hasse und lieber Nudeln essen würde. Da habe ich gesagt: Geben Sie den Fisch Ihrem Mann und bestellen Sie sich einfach Nudeln.“ 

Darum gehe es: nicht um Nachlässigkeit, sondern um die Entlastung. „Es ist schwer genug, während einer Krebstherapie überhaupt etwas zu finden, das schmeckt und gut vertragen wird.“

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Doris Kiefhaber, Österreichische Krebshilfe

Die eine Krebsdiät gibt es nicht. Pauschale Vorgaben wie kein Zucker, keine Kohlenhydrate oder Fasten vor der Chemo sind gefährliche Botschaften. Dafür gibt es keine Belege.“

von Doris Kiefhaber, Geschäftsführerin der österreichischen Krebshilfe

Großer Handlungsbedarf

Das Weißbuch zeigt, wie groß der medizinische Handlungsbedarf ist. Je nach Tumorart ist das Risiko für Mangelernährung besonders hoch, etwa bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, Magen- und Speiseröhrenkrebs, Kopf-Hals-Tumoren oder Lungenkrebs

Zudem können Therapien den Appetit und Geschmackssinn, die Verdauung und Schluckfähigkeit beeinträchtigen. Gefordert werden ein flächendeckendes Ernährungsscreening, regelmäßige Kontrollen, klare Zuständigkeiten, multiprofessionelle Ernährungsteams und bessere Übergänge zwischen dem Spital und einer ambulanten Betreuung.

Kiefhaber sieht diese Lücke ebenfalls. „Diätologie ist leider noch nicht so fixer Bestandteil in der Therapie, wie wir uns das wünschen würden.“ In Spitälern stehe logischerweise die Akutbehandlung im Vordergrund. Bei bestimmten Erkrankungen oder Situationen gebe es zwar diätologische Beratung, etwa nach Darmoperationen oder bei einem künstlichen Darmausgang, „aber im Großen und Ganzen ist Ernährung noch nicht selbstverständlicher Teil der Aufklärung.“

Ratschläge meiden

Dabei wäre eine frühe Unterstützung wichtig: Unbeabsichtigter Gewichtsverlust sollte immer angesprochen, Übelkeit müsse nicht hingenommen werden, betont Kiefhaber. Es gebe Medikamente dagegen, ebenso Hilfe bei Nebenwirkungen wie Durchfall, Schleimhautentzündungen oder metallischem Geschmack im Mund aufgrund einer Chemotherapie.

Auch Angehörige spielen eine große Rolle. Oft erleben sie hilflos, dass ein geliebter Mensch immer weniger isst oder schwächer wird. Da ist die Versuchung groß, mit gut gemeinten Ratschlägen zu drängen, was aber zusätzlichen Stress und Druck auf die Betroffenen erzeugen kann. Kiefhabers Rat: fragen statt fordern. „Hast du auf etwas Bestimmtes Lust? Sollen wir das probieren?“ Was Angehörige nicht tun sollten: mit Ernährungstipps aus dem Internet kommen.

Fix ist: Ernährungsmedizin sollte in der Onkologie ernster genommen werden, gleichzeitig darf daraus kein moralischer Druck entstehen. Kiefhaber: „Unser Wunsch wäre, dass sich Patientinnen und Patienten nicht kasteien, sie sollen essen, um Mangelernährung zu vermeiden und dabei gleichzeitig herausfinden dürfen, was ihnen schmeckt und sie gut vertragen. Aber sie sollen sich nicht von abenteuerlichen Mythen verunsichern lassen.“

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