Abnehmen: Warum der Jo-Jo-Effekt weniger schadet als gedacht
Zusammenfassung
- Neue Analyse zeigt: Der Jo-Jo-Effekt ist weniger schädlich als lange angenommen.
- Gesundheitliche Risiken durch Gewichtsschwankungen sind meist unbegründet, solange Vorerkrankungen und andere Faktoren berücksichtigt werden.
- Die Angst vor dem Jo-Jo-Effekt sollte nicht davon abhalten, abzunehmen – gesundheitliche Vorteile überwiegen.
Viele Menschen kennen das: Die Kilos gehen runter, irgendwann kommen sie wieder zurück. Man nennt das den Jo-Jo-Effekt – und sein Ruf ist miserabel. Seit Jahren hält sich die Warnung, wiederholtes Abnehmen und Zunehmen könne den Stoffwechsel dauerhaft schädigen, Muskeln abbauen, die Fettzunahme verstärken und das Risiko für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
Eine neue Analyse stellt diese Annahme nun infrage. Die Ernährungs- und Stoffwechselforscher Faidon Magkos von der Universität Kopenhagen und Norbert Stefan vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung, dem Universitätsklinikum Tübingen und Helmholtz Munich haben jahrzehntelange Forschung zu Gewichtsschwankungen ausgewertet.
Ihr Beitrag ist nun in The Lancet Diabetes & Endocrinology erschienen. Ihr Schluss: Es gibt keine überzeugenden Belege dafür, dass der Jo-Jo-Effekt an sich bei Menschen mit Adipositas langfristig schädlich ist.
Das ist eine wichtige Botschaft, weil die Angst vor dem Jo-Jo-Effekt viele Menschen davon abhält, überhaupt eine Gewichtsabnahme zu versuchen. „Viele Menschen, die mit ihrem Gewicht zu kämpfen haben, schrecken davor zurück, abzunehmen, weil sie befürchten, dass der Jo-Jo-Effekt zu Muskelabbau führen und ihren Stoffwechsel beeinträchtigen könnte“, sagt Studienautor Faidon Magkos.
Die Untersuchung zeige, dass diese Befürchtungen weitgehend unbegründet seien. In den meisten Fällen würden die Vorteile einer Gewichtsabnahme die theoretischen Risiken überwiegen.
Was stimmt am schlechten Ruf des Jo-Jo-Effekts?
Der Jo-Jo-Effekt wurde lange mit einer ganzen Reihe negativer Folgen verbunden: mehr Körperfett, weniger Muskelmasse, ein dauerhaft gedrosselter Energieverbrauch, schlechtere Blutzuckerwerte und ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Daraus entstand die verbreitete Botschaft: Lieber gar nicht erst abnehmen, wenn man das Gewicht am Ende doch nicht halten kann.
Magkos und Stefan sehen dafür aber keine solide Grundlage. Sie haben Beobachtungsstudien, klinische Studien und Tierversuche ausgewertet. Entscheidend ist dabei ein methodischer Punkt: Viele frühere Studien konnten nicht sauber trennen, ob gesundheitliche Risiken tatsächlich durch Gewichtsschwankungen entstehen – oder eher durch Faktoren wie bestehende Erkrankungen, Alter, langfristig höheres Körpergewicht und eine grundsätzliche Neigung zu Übergewicht.
„Bei angemessener Berücksichtigung von Vorerkrankungen, Alter und einer allgemeinen Neigung zu Übergewicht verschwinden die vermeintlichen schädlichen Auswirkungen des Jo-Jo-Effekts weitgehend“, sagt Norbert Stefan.
„Viele Menschen, die mit ihrem Gewicht zu kämpfen haben, schrecken davor zurück, abzunehmen, weil sie befürchten, dass der Jo-Jo-Effekt zu Muskelabbau führen und ihren Stoffwechsel beeinträchtigen könnte.“
Wieder zunehmen ist nicht dasselbe wie Schaden nehmen
Der zentrale Unterschied lautet: Wer nach einer Gewichtsabnahme wieder zunimmt, verliert viele der zuvor erreichten Vorteile. Das betrifft etwa Blutzucker, Blutdruck oder Blutfette. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass der Körper danach schlechter dasteht als vor der Abnahme.
Magkos formuliert es so: „Eine erneute Gewichtszunahme bringt die Menschen wieder auf das Ausgangsrisiko zurück – nicht darüber hinaus.“ Es sei ein Unterschied, ob gesundheitliche Vorteile verloren gehen oder ob zusätzlicher Schaden entsteht.
Auch für die Körperzusammensetzung fanden die Autoren keine durchgängigen Belege für die oft geäußerte Sorge, der Jo-Jo-Effekt führe zu übermäßigem Muskelverlust oder einem dauerhaft beschädigten Stoffwechsel. Häufig kehren Menschen nach erneuter Gewichtszunahme ungefähr zu einer ähnlichen Körperzusammensetzung zurück wie vor der Gewichtsabnahme – nicht zu einer eindeutig schlechteren.
Was bedeutet das für Abnehmspritzen?
Besonders aktuell ist die Analyse wegen der neuen Medikamente gegen Adipositas, etwa GLP-1-Rezeptoragonisten und duale Inkretin-Agonisten. Sie können zu deutlicher Gewichtsabnahme führen. Wird die Behandlung beendet, nehmen viele Menschen wieder zu. Auch das ähnelt einem Jo-Jo-Muster.
Nach Ansicht der Autoren sollte diese erneute Gewichtszunahme aber nicht automatisch als Beleg für Schädlichkeit gewertet werden. Auch eine zeitlich begrenzte Gewichtsabnahme kann eine Phase bringen, in der sich Stoffwechselwerte, Beweglichkeit, Lebensqualität oder Beschwerden verbessern.
Die Analyse soll keine Verharmlosung von Übergewicht und auch kein Versprechen sein, dass Gewichtsschwankungen völlig egal sind. Sie korrigiert aber eine wichtige Botschaft: Der Versuch abzunehmen ist nicht deshalb falsch, weil es später wieder zu einer Gewichtszunahme kommen könnte.
Die praktische Botschaft
Für Menschen mit Übergewicht oder Adipositas heißt das: Die Angst vor dem Jo-Jo-Effekt sollte kein Grund sein, gar nichts zu tun. Wer Gewicht verliert, kann gesundheitlich profitieren – auch dann, wenn es später schwierig wird, das neue Gewicht dauerhaft zu halten.
Oder wie Magkos und Stefan es zusammenfassen: Die Vorstellung, der Jo-Jo-Effekt ruiniere den Stoffwechsel, werde durch gute Belege nicht gestützt. Nicht jeder gescheiterte Abnehmversuch ist ein gesundheitlicher Schaden. Aufgeben hingegen kann riskanter sein.
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