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Alternativmedizin: Warum Edzard Ernst sie so scharf kritisiert

Er war der weltweit erste Professor für Komplementärmedizin. Heute zählt Ernst zu ihren schärfsten Kritikern. Ein Gespräch darüber, was gute Medizin ausmacht.
Edzard Ernst

Zusammenfassung

  • Edzard Ernst, einst Professor für Komplementärmedizin, wurde durch wissenschaftliche Forschung zum Kritiker alternativer Heilmethoden, insbesondere der Homöopathie.
  • Er betont, dass gute Medizin sowohl wissenschaftliche Evidenz als auch ärztliche Kunst wie Empathie und Zuwendung vereinen muss.
  • Nur wenige alternative Verfahren, vor allem aus der Pflanzenheilkunde, sind evidenzbasiert wirksam; der Großteil sei wissenschaftlich nicht belegt.

Edzard Ernst wirkt nicht wie ein Mann, der provozieren will, sondern eher wie einer, der genau hinschaut. Er wirkt „very British“ und höflich. Doch sobald es um Homöopathie, Heilsversprechen und die Sehnsucht nach „natürlicher“ Medizin geht, wird deutlich, warum Ernst für die alternativmedizinische Szene zur Reizfigur wurde.

Nach Wien kam er, um in der "Gesellschaft der Ärzte" über die Nutzen und Risiken von Alternativmedizin zu sprechen, speziell am Beispiel der Homöopathie. Bekannt wurde Ernst nicht nur in Fachkreisen. Er war der weltweit erste Professor für Komplementärmedizin, forschte in Exeter wissenschaftlich zu alternativen Heilverfahren – und kam zu Ergebnissen, die vielen nicht gefielen. Besonders heftig wurde seine Auseinandersetzung mit dem damaligen Prinzen Charles, einem prominenten Befürworter alternativer Methoden.

KURIER: Sie waren selbst in der Komplementärmedizin tätig. Wann begannen Ihre Zweifel?

Edzard Ernst: Meine Geschichte mit der Komplementärmedizin reicht bis in die frühe Kindheit zurück. Unser Hausarzt in Bayern war ein prominenter Homöopath. Ich bin also mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Homöopathie ein legitimer Teil der Medizin ist. Später begann ich als junger Arzt im Krankenhaus für Naturheilweisen in München, dort lernte ich Homöopathie und andere Verfahren direkt am Krankenbett.

Sie waren zunächst beeindruckt?

Ja. Aber erstens ist jeder junge Arzt von seinen ersten Patientinnen und Patienten beeindruckt. Zweitens ging es vielen tatsächlich besser. Die entscheidende Frage ist aber: Warum? Lag es an der Homöopathie? Daran, dass wir empathische Ärzte waren? Oder daran, dass wir manche konventionellen Medikamente absetzten, die vielleicht gar nicht indiziert waren oder Wechselwirkungen verursachten?

Wie wurden Sie dann zum Forscher der Alternativmedizin?

Ich wurde zunächst normaler Mediziner und Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation, war Professor in Hannover und später in Wien. Dann kam der Ruf nach Exeter. Dort baute ich den ersten Lehrstuhl für Komplementärmedizin auf. Anfangs gab es viel Begeisterung, auch aus der Komplementärmedizin. Aber als wir begannen, Daten vorzulegen, wurde sie kleiner. Denn die Ergebnisse waren mehrheitlich negativ. Wir konnten nicht bestätigen, dass viele dieser Therapien so ungefährlich oder so wirksam waren, wie behauptet wurde.

Wie erklären Sie, dass Menschen nach homöopathischer/ alternativer Behandlung von einer Besserung berichten?

Zunächst mit dem Wesen einer Erkrankung: Ein Schnupfen wird nach etwa zehn Tagen besser; wenn man ihn behandelt, dauert es anderthalb Wochen. Dann der Placebo-Effekt. Sowie gute Pflege, Zeit, Empathie. Ich glaube, dass wir damals in diesem Krankenhaus besonders empathische Ärzte waren, in dieser Hinsicht kann die konventionelle Medizin von der Alternativmedizin lernen.

Nein. Nicht alles ist Unsinn, einiges wirkt. Aber sehr wenig. Prozentual gesprochen wahrscheinlich unter fünf Prozent. Der Rest ist, sagen wir, Käse.

von Edzard Ernst

Viele Menschen suchen eine Ergänzung zur Schulmedizin. Sie lehnen konventionelle Medizin nicht ab, wollen aber zusätzlich etwas tun. Warum?

Menschen suchen oft etwas, das zwischen Himmel und Erde liegt, etwas, das die Wissenschaft angeblich nicht erklären kann. Dazu kommen starke Lobbygruppen, politische Unterstützung, gute Vermarktung und das Versprechen, eine Therapie sei natürlich, mild und frei von Nebenwirkungen. Und freilich spielt Enttäuschung über die konventionelle Medizin eine große Rolle. Die ist häufig miserabel.

Das sagen Sie als Kritiker der Alternativmedizin?

Ja. Gute Medizin besteht aus ärztlicher Kunst und ärztlicher Wissenschaft. Die ärztliche Kunst – Zeit, Zuwendung, Empathie – beherrschen Alternativmediziner oft sehr gut. Konventionelle Mediziner sind meist besser in der Wissenschaft, aber unterernährt, was die ärztliche Kunst betrifft. Es braucht beides.

Sind Sie grundsätzlich dagegen, dass Komplementärmedizin einen Platz in der Heilkunde hat?

Nein. Nicht alles ist Unsinn, einiges wirkt. Aber sehr wenig. Prozentual gesprochen wahrscheinlich unter fünf Prozent. Der Rest ist, sagen wir, Käse.

Was wirkt aus Ihrer Sicht?

Die besten Beispiele finden sich in der Pflanzenheilkunde. Johanniskraut etwa kann bei leichten bis mittelschweren Depressionen wirksam sein. Bei richtigem Einsatz hat es weniger Nebenwirkungen als manche konventionelle Therapie. Aber „richtig“ ist entscheidend: Johanniskraut kann Wechselwirkungen haben, die gefährlich werden. Wenn etwas wirkt, sollten wir es nicht Alternativmedizin nennen, sondern evidenzbasierte Medizin. Wenn etwas nicht wirkt, ist es keine Alternative, sondern gehört es nicht in die Medizin.

Viele Menschen empfinden Alternativen als Form von Selbsthilfe.

Wenn jemand bei einem harmlosen Husten etwas nimmt, ist das eine andere Situation als bei einer schweren Erkrankung. Aber auch bei frei verkäuflichen Produkten sollte man fragen: Gibt es Evidenz? Risiken? Interessenkonflikte? Es existiert in diesem Bereich eine Vielzahl an Literatur, Büchern, Ratgebern. Mein Tipp: Schauen Sie sich die Autoren an. Wer verdient daran?

Was halten Sie von Nahrungsergänzungsmitteln?

Das ist ein Überbegriff für eine riesige Menge an Substanzen. Eine pauschale Antwort wäre so sinnvoll wie die Frage: Was halten Sie von oralen Medikamenten? Darunter fällt alles vom Krebsmittel bis zum Aspirin. Manche Supplemente sind sinnvoll, manche sogar lebenswichtig. Vitamine heißen nicht zufällig Vitamine. Aber wer sich ausgewogen ernährt, hat meist keinen zusätzlichen Bedarf. Anders ist es bei Menschen mit Mangelernährung oder bestimmten Erkrankungen. Da kann ein Vitaminpräparat lebensrettend sein. Bei anderen Substanzen, etwa Chondroitin, Glucosamin oder Omega-3-Fettsäuren, gibt es teils widersprüchliche Daten. Es kommt immer auf die Substanz, die Dosis und die Indikation an.

Was müssten Ärztinnen und Ärzte besser machen, wenn die Alternativmedizin morgen verschwinden würde?

Das System müsste sich ändern. Ich kenne kaum einen konventionellen Mediziner, der nicht unter den Bedingungen leidet, unter denen er arbeiten muss. Fast alle hätten gern mehr Zeit. Wenn ein Arzt in wenigen Minuten einen Patienten abfertigen muss, bleibt wenig Raum für Verständnis, Zuwendung, Menschlichkeit. Wenn es eine vollkommen optimale Medizin gäbe, gäbe es keine Alternative dazu.

Was tun Sie denn für Ihre Gesundheit?

Ich versuche, geistig, aber auch körperlich aktiv zu bleiben. Das gelingt mir vermutlich, wenn ich zwei Bücher pro Jahr schreibe. Meine Frau hilft mir dabei. Wir ernähren uns gesund, ich bin der Koch in der Familie. Wir trinken womöglich etwas zu viel Rotwein. Und ich versuche, wirksame Medizin zu nutzen. Ich habe mehrere chronische Erkrankungen – Psoriasis, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte. Die behandle ich möglichst effizient, mit konventionellen Medikamenten.

Also gar keine Alternativmedizin?

Sehr wenig. Omega-3-Fettsäuren nehme ich regelmäßig. Dazu habe ich selbst geforscht. Die Evidenz ist gemischt, aber ich nehme sie.

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