"Schockierend": Höheres Chikungunya-Risiko auch in Österreich

Neue Untersuchung zeigt: Die Tropenkrankheit könnte sich durch die Erderwärmung in 29 europäischen Ländern ausbreiten – auch in Österreich.
Das Bild zeigt einen Mann in einem Ganzkörperschutzanzug mit Atemmaske, der im vergangenen Sommer in einem Park in Nizza Gift gegen die asiatische Tigermücke versprüht.

Das von asiatischen Tigermücken weitergegebene Chikungunya-Virus ist bereits bei niedrigeren Temperaturen übertragbar als bisher angenommen: Das bedeutet, dass auch in Österreich eine Übertragung zwischen Mai und September möglich ist, mit dem höchsten Risiko im Juli und August, heißt es in einer jetzt veröffentlichten Studie. 

Österreich fällt u. a. mit Deutschland und der Schweiz in die mittlere Risikogruppe. Die Risiken für die öffentliche Gesundheit sind damit größer als bisher angenommen.

Zu den Ländern mit dem höchsten Risiko in Europa zählen Albanien, Griechenland, Italien, Malta, Spanien und Portugal. Dort sind laut der neuen Studie Ansteckungen für mehr als sechs Monate im Jahr möglich.

Mosquito Day Through the Lens

Die asiatische Tigermücke überträgt Tropenkrankheiten wie Chikungunya oder Dengue. In Österreich ist bisher noch kein lokaler Infektionsfall dokumentiert.

Übertragung des Virus bereits ab zirka 14 Grad möglich

Hintergrund dieser neuen Risikoeinschätzung: Laut der neuen Studie ist eine Übertragung des Virus auf Menschen bereits im Temperaturbereich ab zirka 14 Grad möglich. 

Diese 14 Grad Celsius sind um zwei bis zweieinhalb Grad weniger als bisher angenommen. "Das ist ein ziemlich schockierender Unterschied", werden die Forschenden in der britischen Zeitung The Guardian zitiert. Die Obergrenze für eine Virusübertragung liegt bei zirka 32 Grad, die optimale Temperatur beträgt 26 Grad.

Sandeep Tegar vom britischen Zentrum für Ökologie und Hydrologie ist der Hauptautor der Studie, die im Fachblatt Journal of Royal Society Interface erschienen ist. Zu den Ergebnissen der Studie sagt er: "Die Rate der globalen Erwärmung in Europa ist ungefähr doppelt so hoch wie die globale Erwärmungsrate. Die niedrigere Temperaturgrenze für die Virusausbreitung ist von großer Bedeutung, sodass unsere neuen Schätzungen ziemlich schockierend sind. Die nordwärts gerichtete Ausbreitung der Krankheit ist nur eine Frage der Zeit."

Auswertung von 49 früheren Studien

Auf die niedrigere Temperaturgrenze kamen die Forschenden durch die Auswertung der Daten von 49 früheren Studien zu Chikungunya. Erstmals wurden dabei die Zusammenhänge zwischen der Inkubationszeit und der lokalen Temperatur analysiert. 

In den vergangenen Jahren gab es bereits größere Ausbrüche in Südeuropa (Italien, Südfrankreich und Spanien). Bei einem Ausbruch 2007 in der Nähe von Ravenna wurden mehr als 200 Fälle bestätigt. In Südfrankreich waren es im Vorjahr bereits 800 Fälle darunter allerdings viele importierte aus französischen Überseegebieten wie Réunion, die dann aber auch zu lokalen Infektionen führten. 

Im vergangenen Jahr wurde der erste lokale Chikungunya-Fall in Mitteleuropa bestätigt: Im Elsass, Frankreich, hat sich ein Mensch mit dem Chikungunya-Virus angesteckt – es handelte sich dabei um keinen Rückkehrer aus den Tropen oder Subtropen, sondern um eine Person, die sich nur rund um Straßburg aufgehalten hat.

"Jetzt hat sich alles geändert"

"Vor zwanzig Jahren hätte jeder gesagt, dass man verrückt ist, wenn man behauptet hätte, wir würden Chikungunya und Dengue in Europa haben: Das sind tropische Krankheiten", erklärt Co-Autor Steven White im Guardian: "Jetzt hat sich alles geändert. Das liegt an dieser invasiven Mücke und dem Klimawandel – es ist wirklich so einfach."

Asiatische Tigermücken (Aedes albopictus) sind mögliche Überträger von über 20 verschiedenen Krankheitserregern. Viele davon, wie Dengue, Zika oder Chikungunya, können von den heimischen Stechmückenarten nicht übertragen werden.

In den Großräumen Graz, Linz und Wien gibt es mittlerweile ganzjährig etablierte Populationen – zumindest Eier können in geschützten Bereichen den Winter überdauern. Viren zirkulieren in diesen Populationen bisher keine. Erst ein importierter Fall könnte eine lokale Infektionskette in Gang setzen.

Auch das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) geht davon aus, dass die Ansteckung mit Erregern wie West-Nil- oder Chikungunya-Virus in Europa zur neuen Realität wird. Im vergangenen Jahr wurden bis August 27 Chikungunya-Ausbrüche in Europa gemeldet, wie die Behörde mitteilte. 

Als Gründe für die zunehmende Verbreitung der Krankheiten in Europa nennt das ECDC klimatische Bedingungen, die die Stechmücken gedeihen lassen: steigende Temperaturen, längere Sommerperioden, mildere Winter und Veränderungen in den Niederschlagsmustern.

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