Familiär bedingter Brustkrebs: Immer mehr Jüngere betroffen

Frau hält ein pinkes Band in die Kamera.
Genetische Veränderungen wie BRCA-Mutationen erhöhen das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs deutlich. Christian Singer von der MedUni Wien erklärt, wie gezielte Früherkennung und präventive Eingriffe Leben retten können.

Brustkrebs ist weltweit die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In Österreich erhalten jährlich rund 5.500 Frauen und etwa 70 Männer die Diagnose. Das Risiko steigt mit dem Alter, doch immer öfter sind auch jüngere Patientinnen betroffen und die Ursachen sind vielfältig: Neben hormonellen Einflüssen spielen Umweltfaktoren, genetische Veranlagung, aber auch ein veränderter Lebensstil eine Rolle. Dieser beeinflusst auch das Erkrankungsalter. Frauen bekommen heute später und generell weniger Kinder, auch mangelnde Bewegung durch weniger körperliche Arbeit schlägt sich in der Statistik nieder.

Eine österreichische Studie zeigt weiters: Frauen mit einer BRCA-1 oder BRCA-2-Mutation, die nach 1965 geboren wurden, erkrankten im Schnitt acht Jahre früher als jene vor 1965 – allein aufgrund veränderter Lebensumstände. 

Familiäre Belastung

„Etwa drei Viertel aller Brustkrebsfälle treten sporadisch auf – ohne erkennbare genetische oder familiäre Ursache“, erklärt Christian Singer, Professor für klinisch-translationelle gynäkologische Onkologie an der MedUni Wien. Eine familiäre Disposition liegt bei 10 bis 15 Prozent der Fälle vor, das heißt: Der Krebs tritt gehäuft innerhalb einer Familie auf. „Wenn mehrere enge Verwandte wie Mutter, Schwester oder Tante erkrankt sind oder zusätzlich Fälle von Eierstockkrebs vorkommen, besteht ein deutlich erhöhtes Risiko, dass eine zugrunde liegende Genmutation verantwortlich ist“, so Singer.

Von Natur aus gut

Und hier kommen die Gene BRCA1 und BRCA2 ins Spiel – zentrale Faktoren beim familiär bedingten Brustkrebs. Eigentlich sind sie „gute Gene“: Nämlich Gene, die für Reparaturmechanismen verantwortlich sind, die jeder Mensch besitzt und die DNA-Schäden, insbesondere Doppelstrangbrüche, beheben. Funktionieren sie fehlerfrei, schützen sie die Zellen vor unkontrolliertem Wachstum. Liegt jedoch eine Mutation vor, verliert das Gen diese Fähigkeit. Weniger präzise Reparaturmechanismen übernehmen, machen mehr Fehler – und das Krebsrisiko steigt deutlich. Singer vergleicht: „Das BRCA-Gen ist wie ein guter Hausmeister – solange es seinen Job macht, bleibt alles in Ordnung. Fällt es aus, häufen sich die Schäden, und das Risiko steigt deutlich.“

In der allgemeinen Bevölkerung trägt etwa jede 300. bis 400. Person eine Mutation von BRCA1 oder BRCA2. Für betroffene Frauen bedeutet das ein stark erhöhtes Risiko für Brustkrebs – bei BRCA1 oft verbunden mit dem besonders aggressiven, sogenannten triple-negativen Brustkrebs. Das Eierstockkrebs-Risiko liegt bei einer BRCA1-Mutation bei etwa 50 Prozent. BRCA2-Mutationen führen meist zu weniger aggressiven Tumoren. Und auch auch Männer können Träger sein – bei ihnen steigt nicht nur das Brustkrebsrisiko, sondern auch die Wahrscheinlichkeit für Prostatakrebs. Beide Geschlechter mit familiärer Belastung haben zudem ein erhöhtes Risiko für Darm-, Magen-, Haut- und Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Erhöhtes Risiko für Eierstockkrebs 

Bei Frauen mit BRCA-Mutation steigt das Risiko für Eierstockkrebs deutlich – meist erst ab etwa 40 Jahren. Da es keine wirksame Früherkennung gibt, besteht die Möglichkeit einer vorbeugenden Operation nach abgeschlossener Familienplanung. „Das Risiko nimmt erst ab 40 deutlich zu, was uns ermöglicht, den Eingriff so zu planen, dass die Familienplanung nicht beeinträchtigt wird“, sagt Singer. Meist fällt die Entscheidung zwischen dem 40. und 45. Lebensjahr. Die Maßnahme gilt als eine der wirksamsten Interventionen in der Medizin: Sie verhindert eine Erkrankung mit hoher Sterblichkeit und bringt den größten Zugewinn an Lebensjahren.

Anders ist es beim familiär bedingten Brustkrebs: Hier steigt das Risiko bereits ab dem 25. Lebensjahr. Ab diesem Zeitpunkt ist eine intensivierte Früherkennung sinnvoll – international gilt der Standard, jährlich ein MRT durchzuführen. Ab 35 kommt zusätzlich die jährliche Mammographie hinzu, da das Brustdrüsengewebe dann weniger dicht ist und Tumoren besser erkannt werden. Somit gibt es alle halben Jahre eine diagnostische Maßnahme. Auch eine vorbeugende, risikoreduzierende Operation ist möglich – und „keine entstellende Maßnahme“, betont Singer. Die Brust kann in einem Schritt rekonstruiert werden, das Risiko sinkt deutlich. Schönheit sei in diesem Fall zweitrangig – entscheidend sei der Schutz des Lebens.

Genetische Beratung als erster Schritt

Bei auffälliger Familiengeschichte rät Singer stets zu einer genetischen Beratung. Dort wird die Familienstruktur genau analysiert und geprüft, ob ein Gentest sinnvoll ist. In Österreich gelten klare Kriterien – etwa drei oder mehr Brustkrebsfälle in einer Familienlinie oder eine Erkrankung vor dem 35. Lebensjahr.

Fällt der Gentest positiv aus, stehen mehrere Optionen offen: intensivierte Früherkennung oder risikoreduzierende Operationen, sowohl bei Brust- als auch bei Eierstockkrebs. „Der Umgang mit dem Wissen um eine Mutation ist eine sehr persönliche Entscheidung. Wir können beraten, Risiken erklären und Möglichkeiten aufzeigen – doch die Wahl liegt immer bei der betroffenen Frau“, so Singer.

Medikamentöse Prävention in Sicht

Eine besonders spannende Entwicklung in der Prävention betrifft den Antikörper Denosumab – und sie hat österreichische Wurzeln. Der österreichische Molekularbiologe Josef Penninger gilt als Pionier in der Erforschung des RANK/RANKL‑Signalwegs – einem zentralen Mechanismus im Knochenstoffwechsel. RANKL („Receptor Activator of NF‑κB Ligand“) steuert den Abbau von Knochen durch Osteoklasten, spielt aber auch eine Rolle bei der Entstehung und Ausbreitung von Brustkrebs. Wird RANKL blockiert, kann dieser Prozess möglicherweise gestoppt oder verlangsamt werden.

Aus dieser Erkenntnis entstand Denosumab – ein vollhumaner Antikörper gegen RANKL. Ursprünglich zur Behandlung von Osteoporose und zur Vorbeugung von Knochenmetastasen entwickelt, wurde der Wirkstoff in der groß angelegten von der international erfolgreichen Österreichischen Studiengruppe ABCSG ausgehenden ABCSG‑18‑Studie getestet. Über 3.400 postmenopausale Frauen mit frühem, hormonrezeptor‑positivem Brustkrebs erhielten Denosumab zusätzlich zu Aromatasehemmern. Ergebnis: Das Risiko für klinische Knochenbrüche halbierte sich, zugleich gab es Hinweise auf eine längere krankheitsfreie Zeit.

Der nächste Schritt ist eine internationale Phase‑3‑Studie, die Denosumab erstmals zur Prävention bei BRCA1‑Mutationsträgerinnen prüft. Geplant sind zwei Injektionen pro Jahr über fünf Jahre – quasi eine „passive Impfung“ mit Antikörpern, die das Krebsrisiko deutlich senken könnte. „Vielleicht können wir Frauen vor Brustkrebs schützen, ohne dass sie sich vorsorglich die Brust entfernen lassen müssen“, sagt Christian Singer. Die Ergebnisse stehen noch aus – die Fachwelt wartet gespannt.

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