Bei Bipa erhältlich: Was kann der Bluttest fürs Wohnzimmer?
Die Tests sind ab 16.4. bei Bipa erhältlich.
Nur jeder Fünfte in Österreich nutzt die regelmäßige Vorsorgeuntersuchung und lässt dabei seine Blutwerte präventiv untersuchen. Häufige Gründe, die genannt werden: viele handeln erst im Krankheitsfall (31%), empfinden präventive Maßnahmen als unangenehm (28%) oder haben keine Zeit (14%). Das geht aus einer aktuellen repräsentativen Gallup-Umfrage für Österreich mit 1.000 Teilnehmenden hervor.
In diese Kerbe schlägt ein neues Angebot der Drogeriekette Bipa gemeinsam mit dem Gesundheitsunternehmen MavieMe, die ab 16. April drei neue Bluttests für zuhause anbieten. Sie werden in allen Bipa-Filialen sowie im Onlineshop erhältlich sein. Doch was wird gemessen und wie?
3 verschiedene Tests je 149 Euro
Insgesamt umfasst das Sortiment drei Gesundheitstests für alle ab 18 Jahren. Sie decken unterschiedliche Schwerpunkte ab und kosten je 149 Euro. Enthalten ist das jeweilige Testkit, die Auswertung sowie eine ärztliche Online-Beratung. Erhältlich sind ein „Frauengesundheits-Check“ zur Analyse ausgewählter Hormon-, Eisen- und Vitaminwerte, die besonders für Frauen relevant sind. Weiters ein „Longevity-Check“ mit Werten zu Fettstoffwechsel, hormoneller Balance und Entzündungsstatus, die häufig in Bezug auf Herz-Kreislauf-System, Stoffwechsel und Entzündungsprozesse betrachtet werden.
Und drittens ein „Nährstoff-Check“, bei dem einzelne Mikronährstoffe, wie die Vitamine B12 und D, Magnesium sowie Ferritin ausgewertet werden. Letzteres gibt Aufschluss über die Eisenspeicher im Körper.
Die Proben werden mit einem beiliegenden Rücksendekuvert verschickt und in einem Labor außerhalb Österreichs ausgewertet. Ein anschließendes Online-Beratungsgespräch mit einem in Österreich zugelassenen Arzt oder einer Ärztin ist optional und kann online gebucht werden. „Viele Kundinnen und Kunden möchten aktiv ihre Gesundheit unterstützten, wissen aber oft nicht, wo sie anfangen sollen. Die Selbsttests bieten wissenschaftlich fundierte Orientierung, damit unsere Kundinnen und Kunden im nächsten Schritt jene Produkte wählen können, die sie wirklich brauchen“, sagte Eva Paschinger, Teil der Geschäftsführung bei Bipa, bei der Testpräsentation am Dienstag.
Stich in die Fingerkuppe
Das Blut wird über einen Fingerstich entnommen. Das ist eine einfache Methode, bei der mit einer kleinen Nadel (Lanzette) die Fingerkuppe angestochen wird, um ein paar Tropfen sogenanntes Kapillarblut zu gewinnen. Diese kommen in ein Röhrchen. Mithilfe von Erklärvideos und Anleitungen sollen Kundinnen und Kunden so Blutproben sammeln. „Man sieht die Nadel dabei nicht und benötigt etwa vier große Tropfen Blut, um ein Röhrchen zu füllen. Sollte zu wenig Blut im Röhrchen sein oder es beim ersten Mal nicht gelingen, erhält man einen Gutscheincode für ein zweites Mal, das kommt aber selten vor“, erklärte Fanni Schmidt, Geschäftsführerin von MavieMe.
Je nach Test ist eine Auswahl an Werten enthalten. Der „Longevity-Check“ umfasst etwa unterschiedliche Lipidwerte wie Cholesterin, LDL, HDL, Triglyceride oder das Lipoprotein(a), kurz Lp(a), ein Wert, der Aufschluss über einen erblich bestimmten Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt und den jeder einmal im Leben bestimmen lassen sollte. Erhöhte Lp(a)-Werte erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall.
„Das Lipidprofil zu erfassen, macht absolut Sinn, um eine kardiovaskuläre Risikovorhersage tätigen zu können. Es ist aber nur ein kleiner Baustein, um das individuelle Risiko einzuschätzen – nicht erfasst wird etwa, ob die Person unter Bluthochdruck leidet, ob sie raucht, ob es bereits Vorereignisse gab oder in der Familie Herz-Kreislauf-Ereignisse eingetreten sind etc. – das muss gemeinsam berücksichtigt werden, um eine klinische Gesamtentscheidung zu treffen“, sagt Gregor Hörmann von der Österreichischen Gesellschaft für Labormedizin und Klinische Chemie (ÖGLMKC). Das Lipidprofil sei nur ein Baustein und müsse mit anderen Risikofaktoren zu einer klinischen Gesamtentscheidung zusammengeführt werden. Der Name „Longevity-Test“ sei vielversprechend, Langlebigkeit habe aber nicht nur etwas mit dem kardivaskulären Risikoprofil zu tun.
Ärztliche Einschätzung vor Blutabnahme fehlt
Hörman sieht die neuen Tests kritisch. „Für mich ist das fehlende ärztliche Gespräch vor der Blutentnahme ein großer Kritikpunkt. Es sollte ein Arzt feststellen, welche Vorerkrankungen beim Patienten und in seiner Familie vorliegen und aufgrund aktueller Untersuchungen entscheiden, welche Blutwerte Sinn machen. In den vorliegenden Testkits sind einzelne interessante Werte enthalten, aber viele andere fehlen, etwa eine Blutzuckermessung, die für die Einschätzung des kardiovaskulären Risikos relevant ist“, betont der Labormediziner.
Die ausgewählten Werte würden nur ein „Spotlight“ bieten und könnten dafür sorgen, dass man entweder „unnötig beunruhigt ist oder sich in falscher Sicherheit wiegt, wenn nur ein Teil der empfohlenen Risikofaktoren abgeklärt wird“, so Hörmann. Um eine Eisenmangelanämie feststellen zu können, reiche es laut Hörmann beispielsweise nicht aus, Ferritin zu bestimmen, es brauche ein umfassenderes Blutbild mit zusätzlichen Werten sowie eine klinische Untersuchung.
Kostenlose Vorsorgeuntersuchung
Dass Blut aus der Fingerkuppe verwendet wird, sei für die genannten Blutwerte „kein grundlegendes Knockout-Kriterium“, biete aber für den Anwender keinen Vorteil, da es ebenfalls unangenehm sein könne, außer, dass es zuhause erfolgen könne. Weitere Kritik betrifft den Preis: Viele der genannten Werte seien in der Vorsorgeuntersuchung enthalten, die alle Versicherten ab 18 Jahren einmal jährlich kostenlos in Anspruch nehmen können. Für einzelne Werte sei zwar ein Aufpreis zu bezahlen, dieser liege jedoch auch bei mehreren Werten unter dem Preis der Testkits.
Laut Bipa und MavieMe liegt der Vorteil der Tests gegenüber klassischen Bluttests in der niederschwelligen und einfachen Anwendung. Es brauche keine Wartezeit in einem Labor oder bei einem Arzt oder einer Ärztin, der Test könne bequem im Wohnzimmer gemacht werden. Betont wird, dass die Tests erste Orientierung geben können, aber keine Diagnose oder Therapieempfehlung sind und kein Ersatz für eine ärztliche Untersuchung. Beim telemedizinischen Gespräch im Anschluss könnten Fragen gestellt und gegebenenfalls auch Rezepte für Medikamente und Überweisungen ausgestellt werden.
Kommentare