Braucht es Barbies mit Autismus, Vitiligo und Diabetes?

Unterschiedliche Barbiepuppen stehen nebeneinander.
Kürzlich brachte Mattel die erste Barbie mit Autismus auf den Markt. Warum das ein guter Schritt ist und es mehr Vielfalt im Kinderzimmer braucht.

Vor kurzem präsentierte Spielzeugkonzern Mattel die erste Barbie mit Autismus. Die Puppe wurde zusammen mit einer Selbsthilfeorganisation in den USA entwickelt: Ihre Augen blicken leicht zur Seite – sie vermeidet wie manche Menschen mit Autismus direkten Blickkontakt. Sie trägt geräuschreduzierende Kopfhörer und hat ein Tablet mit Symbolen – ein Hinweis auf alternative Kommunikationsmöglichkeiten.

Es ist nicht die erste Barbie, die Diversität abbildet. Schon in den vergangenen Jahren hat Mattel den Spielzeugklassiker vielfältiger gestaltet: Barbies mit unterschiedlichen Hautfarben, mit Prothesen, im Rollstuhl, mit Down-Syndrom, mit der Hauterkrankung Vitiligo, mit Diabetes oder eben mit Autismus kamen dazu. „Insbesondere, als die ersten Barbies mit verschiedenen Hautfarben oder die Barbie mit Rollstuhl herausgekommen sind, war das extrem wichtig“, sagt Psychologin Elisabeth Ponocny-Seliger, die zu Gender und Diversity forscht. Die Puppen würden die Fantasie anregen sowie dazu, Geschichten und Erlebnisse nachzuspielen und sie sollten Vielfalt abbilden.

Generell spiele Spielzeug eine zentrale Rolle in der Identitätsentwicklung. Zwar sind es oft die Eltern, die Produkte auswählen und kaufen, aber Kinder wollen sich darin wiederfinden. „Kinder sollten über Spielzeug in ihren Erlebnisrealitäten abgeholt werden. In Bezug auf Barbies heißt das: Es braucht eine gewisse Sichtbarkeit, damit das Gefühl entsteht, ein bestimmtes Merkmal gehört zu einer bunten, verschiedenartigen Gesellschaft dazu. Je bunter, je diversifizierter Spielzeug ist, desto besser“, betont Ponocny-Seliger.

Vereinfachte Stereotype

Neben dem Kinderzimmer sollte das auch für Kindergärten und Schulen gelten, sodass Eltern und Pädagogen mit Kindern darüber ins Gespräch kommen können. Gerade bei Autismus sei die Darstellung allerdings komplex. „Autismus ,sieht’ man Menschen in der Regel nicht an. Bei der Barbie wurden vereinfachte, stereotype Zuschreibungen verwendet – allerdings erfolgte die Auswahl der Merkmale gemeinsam mit Betroffenen und muss bis zu einem gewissen Grad überzeichnen.“

Nicht jede Lebensrealität lasse sich in einer Puppe abbilden, unsichtbare Beeinträchtigungen seien herausfordernd. „Eine Barbie mit Autismus normalisiert aber das viel diskutierte Thema Neurodiviersität und Barbie übernimmt so etwas wie eine Botschafterin-Rolle“, sagt Ponocny-Seliger. Gerade Mädchen mit Autismus würden häufig übersehen, viel häufiger werde die Interaktionsstörung Jungen zugeschrieben.

"Allerweltsbarbie" fehlt

Puppen mit besonderen Merkmalen, etwa mit einer Diabetespumpe, helfen Kindern auch, einzuordnen, wenn Personen im Umfeld, Diabetes haben. „Etwas, das vorher vielleicht komisch war, bekommt im Spiel dann eine Repräsentanz“, so die Psychologin. Dass Mattel diverse Barbies möglicherweise nur aus Marketing-Gründen produziere, sieht Ponocny-Seliger nicht kritisch: „Man kriegt nicht das eine ohne das andere“, so die Psychologin.

Trotz zahlreicher Variationen vermisst sie aber nach wie vor „Allerweltsbarbies“: Es gäbe kaum welche, die ,normal’ aussehen. „Es sind überdurchschnittlich schöne, schlanke Frauen mit perfektem Lächeln – das prägt Kinder in ihrem Körperbild. Die Puppen entsprechen der Idee der ,schönen Prinzessin’ aus alten Märchengeschichten. Hier ist am Spielzeugmarkt noch sehr viel Luft nach oben.“

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