Baby-led Weaning: Warum eine Expertin zur Vorsicht rät
Zusammenfassung
- Eine Studie mit 150 Babys fand zwischen Baby-led Weaning und klassischer Beikost keine Unterschiede bei Kalorienaufnahme, Nährstoffen und Wachstum im ersten Lebensjahr.
- Die Ernährungswissenschafterin Veronika Ottenschläger warnt dennoch davor, BLW als allgemeinen Standard zu sehen, da Entwicklung, Gewichtszunahme und Essverhalten individuell beurteilt werden müssten.
- Sie empfiehlt einen behutsamen, kombinierten Beikoststart mit sehr weichen Lebensmitteln und besonderem Augenmerk auf Verschluckungsrisiken sowie die Versorgung mit Eisen und Vitamin B12.
Statt Brei vom Löffel gleich weiche Stücke in die Hand: Baby-led Weaning (BLW) gilt vielen Eltern als natürlicher, moderner Beikoststart. Die Idee: Babys sollen selbst greifen, probieren, kauen und so Hunger und Sättigung lernen. Der Ansatz kommt aus Großbritannien und wurde ab den 2000er-Jahren bekannt. In den sozialen Medien erlebt er seit Jahren einen Aufschwung.
Eine neue Studie der Colorado State University klingt beruhigend: 150 Babys wurden vom sechsten Lebensmonat bis zum ersten Geburtstag begleitet. Verglichen wurden Kinder, die überwiegend nach dem BLW-Prinzip ernährt wurden, mit Babys, die klassisch mit Brei und Löffel an feste Nahrung herangeführt wurden. Das Ergebnis: Beide Gruppen nahmen ähnlich viele Kalorien und Nährstoffe auf und wuchsen im gleichen Tempo.
Kein Freibrief
Für die Ernährungswissenschafterin Veronika Ottenschläger ist das aber kein Freibrief. In ihrer Praxis in Wien sehe sie vor allem jene Fälle, in denen Eltern aus Verzweiflung auf BLW umstellen, weil ein Kind den Brei verweigert. „Dann wird dem Kind alles Mögliche angeboten – und die Gewichtszunahme wird immer mangelhafter. Manche Kinder fallen unter die zehnte, dritte oder sogar erste Perzentile.“
Aus ihrer Sicht sollte nicht der Trend entscheidend sein, sondern das einzelne Kind. „Wenn ein Säugling mit fünf oder sechs Monaten gut gedeiht, offen fürs Essen ist und vielleicht schon die ersten Zähnchen hat, kann man anders an das Thema herangehen“, sagt sie. „Wenn es aber schlecht zunimmt, keine Zähne hat oder bereits Probleme beim Essen zeigt, würde ich klar davon abraten.“
Ein zentraler Punkt ist für sie die Verdauung. „Diese beginnt im Mund. Wenn Kinder noch keine Zähne haben, fällt ein wichtiger erster Schritt im Verdauungsprozess weg.“ Ist ein Lebensmittel nicht weich genug gekocht oder wird Rohkost angeboten, müsse der unreife Magen-Darm-Trakt mehr übernehmen. Mögliche Folgen seien starke Blähungen, unverdaute Nahrungsreste, Reflux, Übelkeit, Bauchkrämpfe, Verstopfung oder Durchfall.
Verschlucken: Gefahr?
Auch beim Thema Verschlucken bleibt Ottenschläger vorsichtig. Zwar kommen neuere Übersichtsarbeiten zu dem Schluss, dass BLW nicht zwingend mit einem höheren Aspirationsrisiko verbunden ist, in der Praxis komme es jedoch sehr darauf an, was angeboten wird und wie weit das Kind entwickelt ist.
„Alles, was klein, rund oder hart ist, kann problematisch werden – etwa Heidelbeeren, Erbsen oder harte Stücke.“ Auch weich gekochte Karotten sieht sie kritisch, solange Kinder noch nicht gut mit der Nahrung umgehen können. „Eltern sollten einmal versuchen, eine gekochte Karotte nur mit der Zunge am Gaumen zu zerdrücken und zu schlucken.“
Sie rät, nicht ideologisch zu werden. „Ich frage mich schon, warum man gleich mit stückiger Kost starten muss, das essen die Kinder ohnehin ihr ganzes Leben.“ Aus ihrer Sicht kann ein behutsamer Beginn mit Brei sinnvoll sein, damit sich das Baby zuerst an neue Geschmäcker und Konsistenzen gewöhnt und der Magen-Darm-Trakt lernt, mit Beikost umzugehen.
Fingerfood muss deshalb nicht tabu sein, Ottenschläger empfiehlt aber einen moderaten Zugang: „Eine Kombination kann da sinnvoll sein. Wenn die ersten Zähnchen kommen und das Kind gut entwickelt ist, kann man mit sehr weich gekochten Stücken beginnen.“ Geeignet seien beispielsweise gekochte Kartoffeln, Süßkartoffeln, Kürbis oder Brokkoli – also Lebensmittel, die leicht zerdrückbar sind. Erst wenn das Kind damit gut zurechtkommt, könne man zur nächsten Stufe übergehen.
Nährstoffe im Fokus
Besonders im Blick bleiben sollten die Versorgung mit Eisen und Vitamin B12. Eisen ist im ersten Lebensjahr wichtig, weil Blutvolumen, Wachstum und motorische Entwicklung stark zunehmen. Fleisch liefere gut verfügbares Eisen, müsse aber sehr weich zubereitet sein. „Bei Rindfleisch ist das schwierig, weil es faserig sein kann“, sagt die Expertin. Alternativen wie Huhn oder Laibchen aus roten oder gelben Linsen könnten je nach Kind eine Option sein; pflanzliches Eisen werde aber schlechter aufgenommen als tierisches.
Auch wenn die neue Studie Eltern die Sorge nimmt, dass BLW zu schlechterem Wachstum führt, schränkt Ottenschläger trotzdem ein: „Ich sträube mich dagegen, das über eine ganze Babygeneration zu ziehen. Man muss sich jedes Kind individuell anschauen.“
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