„Die Zahl der Allergiefälle steigt seit 100 Jahren an“
Wenn Hasel, Erle und später die Gräser blühen, beginnt für Menschen, die darauf allergisch sind, eine Leidenszeit. DDr. Katharina Gangl ist Leiterin der Allergieambulanz für respiratorische Allergien der HNO-Klinik an der MedUni Wien. Sie kennt die Ursachen, aber auch moderne Therapien.
Der Frühling ist da, und mit ihm die Allergiesaison. Warum startet diese immer früher?
In diesem Winter gab es zuletzt eine kalte Periode, daher begannen Hasel und Erle sogar etwas später als gewohnt zu blühen. Generell aber zeigt sich die Entwicklung, dass Winter kürzer und wärmer werden. Das führt dazu, dass auch die Blühperioden der Pollen früher beginnen und länger bleiben.
Die Durchschnittstemperatur weltweit steigt. Kommen dadurch neue Blüher, die wir jetzt noch nicht im Land haben?
Es kommt zu einer Einwanderung von Arten. Das bekannteste Beispiel ist Ragweed, das sich seit vielen Jahren in Österreich festgesetzt hat und aus dem Osten langsam ausbreitet. Aber es gibt auch andere neue Allergenquellen, zum Beispiel den Götterbaum.
Ragweed wird von Ökologen als Gewinner des Klimawandels bezeichnet. Wie wirkt er sich auf den Menschen aus?
Es ist ein sehr aggressives Allergen und blüht im Spätsommer. Generell sind aber die Gräserpollen jene, die in Österreich den meisten Menschen Beschwerden bereiten. Bei 57 Prozent aller Patienten, die an Allergieambulatorien Hilfe suchen, sind diese der Auslöser. Ihre Hochsaison ist im Mai und Juni.
Wie äußert sich das?
Etwa mit einem heftigen Schnupfen, Juckreiz, Rinnen der Nase oder durch eine allergische Bindehautentzündung. Das Problematische ist, dass die Symptome sich verlagern können. Das heißt, es kann am Anfang nur ein allergischer Schnupfen sein, aber wenn das jahrelang unbehandelt bleibt, kann es auch dazu kommen, dass es in die Lunge hinunterwandert und zu einem allergischen Asthma führt.
Wie können sich Betroffene schützen?
In Innenräumen aufhalten, Pollenschutzgitter an den Fenstern anbringen, rausgehen vorzugsweise in den Abendstunden, eine Sonnenbrille tragen oder, wenn es sehr schlimm ist, vielleicht sogar eine Maske. Das ist die Allergenvermeidung. Spülungen der Nase oder der Augen kann helfen, Beschwerden zu lindern. Dampfinhalationen können hilfreich und angenehm sein.
Und wenn das nicht mehr hilft?
Dann braucht es ein Antihistaminikum, das man entweder lokal in die Nase sprüht, in die Augen tropft oder als Tablette nimmt. Oder niedrig dosierte Kortisonpräparate, die man in die Nase sprühen kann. Es gibt inzwischen lokale Kombinationspräparate, die den Vorteil eines Antihistaminikums mit dem Vorteil eines Steroids verbinden. Alle diese sind nebenwirkungsarm und helfen vielen Patienten gut. Der Nachteil ist, dass sie die Symptome dämpfen oder beseitigen, aber nicht die Wurzel des Übels. Die kann man nur mit der allergenen Immuntherapie behandeln.
Wie läuft diese ab?
Dabei wird versucht, das Immunsystem umzutrainieren. Das funktioniert insofern, als man das Allergen in aufsteigenden Dosen dem Körper zuführt, entweder man spritzt es unter die Haut als subkutane Spritze oder man nimmt es als Tablette oder in Form von Tropfen in den Mund, wo es direkt über die Schleimhaut aufgenommen wird. Das sollte mindestens über drei Jahre hinweg fortgeführt werden und hat dann bis zu zehn Jahre lang Wirkung. Wobei bei Pollenallergien darauf zu achten ist, dass man vor der Saison beginnen sollte. Wenn jetzt Menschen mit akuten Symptomen zu mir kommen, muss ich ihnen also sagen: Für dieses Jahr ist es leider zu spät für diese Form der Behandlung.
Was halten Sie an dieser Stelle von Screeningprogrammen zur Vorsorge?
Bei einer Allergietestung wird durch ein Gespräch, einen Hauttest und eine Blutabnahme eruiert, ob jemand spezifisches IgE im Blut hat, und auf genau dieses Allergen reagiert, das man im Verdacht hat. Es gibt aber immer wieder Patienten, die gar keine Symptome haben und im Bluttest auf ein bestimmtes Allergen reagieren. Das nennt man im Gegensatz zu einer manifesten Allergie eine Sensibilisierung, und hier besteht kein weiterer Handlungsbedarf. Ein generelles Allergiescreening kann zu Überdiagnosen führen, die nicht notwendig gewesen wären. Eine Art Allergiescreening für den einzelnen Patienten ist schon heute möglich mit dem Allergiechip: Dabei wird mittels eines kleinen Tropfens Blut herausgefunden, ob man auf rund 120 Allergene spezifischen IgE Antikörper hat.
DDr. Gangl im Gespräch mit Marlene Auer
Dass eine Überdiagnostik belastend sein kann, möchte ich am Beispiel der Allergie auf Insektengift erläutern. Es gibt Schätzungen, die belegen, dass hier bis zu 30 Prozent der Bevölkerung nur sensibilisiert ist, aber nicht allergisch reagieren würden. Wenn man nun einen Patienten, der noch nie einen Wespenstich hatte, mit dem Allergiechip testet und ein positives Resultat auf spezifische Wespengift-Antikörper erhält, weiß man eigentlich nicht, was dieses Resultat bedeutet. Was macht man dann mit so einer Information? Würde der Patient auf einen Wespenstich mit einem allergischen Schock reagieren? Muss man nun eine Immuntherapie einleiten und den Patienten mit Notfallmedikation (bis hin zu einem Adrenalin-Autoinjektor) versorgen? Ganz abgesehen von der psychischen Belastung. Es braucht hier also Augenmaß.
Immer öfter kommt es bei Betroffenen zu heftigeren Reaktionen auf die Pollen. Wieso?
Dadurch, dass die Pollen durch Umweltverschmutzung und Feinstaubbelastung in der Lage sind, das Immunsystem stärker zu aktivieren. Folgender Prozess kommt dadurch verstärkt in Gang: Das Immunsystem wird aktiviert, die IgE-Antikörper werden gebildet und die reaktiven Zellen reagieren.
Welche Rolle spielen dabei die Gene?
Eine sehr starke Rolle spielt die Vorbelastung, die genetische Disposition. Es gibt zwar nicht ein Gen, aber es ist bekannt, dass Kinder von Eltern, die Allergien haben, häufiger auch selbst allergisch werden. Die Zahl der Allergiefälle steigt seit 100 Jahren an, damals hatte ein Prozent der Bevölkerung respiratorische Allergien, heute sind es in Mitteleuropa rund 25 bis 30 Prozent.
Woran liegt das?
Es gibt viele Theorien dazu. Eine ist, dass sich die mikrobielle Vielfalt der Umgebung, in der wir leben, verändert hat. Weil wir sozusagen einen urbanen Lebensstil pflegen. Dies wurde zuerst durch Untersuchungen an großen Familien mit vielen Kindern vermutet, Kinder mit vielen Geschwistern hatten viel weniger Allergien als Einzelkinder. In vielen Folgestudien konnte man dann vor allem einen so genannten Bauernhof-Effekt erkennen. Kinder, die dort ihre ersten Lebensjahre verbrachten, hatten weniger allergische Erkrankungen als Kinder, die nicht in so einer Umgebung aufwuchsen. Offenbar gibt es einen Mix aus vielen Mikroben und pflanzlichen Produkten und Toxinen, die das Immunsystem auf eine günstige Weise stimulieren. Lebt man in der Stadt, fällt das weg, beziehungsweise kann das Immunsystem nicht im selben Ausmaß trainiert werden.
Würde Urlaub am Bauernhof einmal im Jahr bereits etwas bringen?
Dazu gibt es keine belastbaren Daten aber Urlaub am Bauernhof ist aus vielen Gründen erfreulich. Doch es gibt ein paar Maßnahmen, die Kinder vor Allergien schützen: Passiv rauchen ist schlecht, Stillen gut im Sinne dessen, dass sich Allergien weniger stark entwickeln. Eine abwechslungsreiche Beikost ist förderlich. Beim Zusammenleben mit einem Haustier sind die Daten widersprüchlich, am ehesten kann man sagen, dass das Zusammenleben mit einem Hund positive Effekte im Hinblick auf die Vermeidung von Allergien hat. In Summe sind es also die Faktoren Genetik, Lebensstil und persönliche Entscheidungen, die Allergien auslösen oder vielleicht verhindern oder zumindest mildern können.
Wie kommt es, dass Betroffene von unterschiedlichen Ausprägungen einer Allergie berichten – in einem Jahr stärker, im nächsten schwächer?
Das hängt damit zusammen, wie stark die Pollenjahre sind. Das unterliegt einer Schwankung, speziell bei Frühblühern. Man nennt sie Mastjahre. Die Daumenregel ist, dass sich die Jahre abwechseln: in einem Jahr schwächer, im nächsten stärker. Dieses Jahr wird eine starke Saison erwartet.
Wie steht es bei der Entwicklung von Medikamenten um die Biologika?
Das ist ein sehr heißes Thema in dem Sinn, dass es jetzt in aller Munde ist, aufgrund der großen Erfolge in der Asthma-Therapie und in der Therapie der Nasenpolypen. Biologika sind aber in Österreich nicht zugelassen zur Therapie der allergischen Rhinitis, und das erwarte ich mir auch nicht für die nächsten Jahre. Außerdem muss man bedenken, dass Biologika, so wie wir sie jetzt kennen, immer in die Entzündungskaskade eingreifen. Und stoppt man die Zufuhr, kommen die Polypen zurück. Das wäre dann auch bei der Allergie zu erwarten. Insofern ist die allergene Immuntherapie derzeit die verlässlichste Methode.
Wie wird denn Ihrer Einschätzung nach die Pollensaison oder die Allergielandschaft Österreichs generell in den nächsten zehn Jahren aussehen?
Es ist zu erwarten, dass die Pollen-Saisonen immer länger werden. Und dass sich die Arten, die neu dazugekommen sind, weiter ausbreiten.
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