Abnehmspritze und Sex: Was GLP-1 mit der Lust macht
Zusammenfassung
- GLP-1-Medikamente können die Sexualität indirekt beeinflussen, vor allem über Gewichtsverlust, bessere Stoffwechsellage und hormonelle Veränderungen.
- Adipositas selbst erhöht das Risiko für Sexualfunktionsstörungen deutlich, weshalb die Behandlung auch für Gesundheit und Lebensqualität relevant ist.
- Ob GLP-1-Medikamente das sexuelle Verlangen steigern oder dämpfen, ist laut Expertin bislang nicht eindeutig belegt und die Datenlage bleibt begrenzt.
Sie regulieren den Blutzucker, mindern den Appetit, lassen Kilos purzeln und verändern damit oft weit mehr als nur eine Zahl auf der Waage. GLP-1-Medikamente wie Semaglutid oder Liraglutid sind aus der modernen Behandlung von Adipositas und Typ-2-Diabetes nicht mehr wegzudenken.
Wenn sich das Gewicht, der Stoffwechsel, der Hormonhaushalt, aber auch das Aussehen und Essverhalten so stark verändern, bleibt auch die Sexualität davon nicht unberührt.
Dabei stellen sich zwei Fragen: Wird die Lust größer, weil Menschen sich wohler fühlen, beweglicher werden, mehr Selbstvertrauen haben? Oder kann wird sie weniger, weil GLP-1-Medikamente womöglich auch andere Formen von Verlangen dämpfen?
Sexualität wichtig für die Lebensqualität
Univ.-Prof. Michaela Bayerle-Eder kennt diese Fragen aus ihrer täglichen Arbeit. Sie ist Endokrinologin, Diabetologin und Sexualmedizinerin an der MedUni Wien und behandelt u.a. Menschen mit Adipositas und Stoffwechselerkrankungen. „Ich unterhalte mich mit den Patientinnen und Patienten immer auch über die Sexualität“, sagt sie. Sie sei schließlich ein wesentlicher Aspekt der Gesundheit und Lebensqualität.
Zunächst ist zu sagen: Die Erkrankung Adipositas selbst kann die Sexualfunktion erheblich beeinträchtigen. Viszerales Fettgewebe wirkt auf die Gefäße, Hormone und die Insulinempfindlichkeit, dabei können die Durchblutung gestört, chronische Entzündungen gefördert und der Hormonhaushalt verändert werden.
„Adipositas ist eine schwere Erkrankung“, betont Bayerle-Eder. Wird sie nicht als solche anerkannt, besteht die Gefahr, dass Patientinnen und Patienten notwendige Behandlungen vorenthalten werden, nach dem Motto: „Nimm halt einfach ab.“ Sie wendet sich damit gegen das klassische Bild, Übergewicht sei schlicht eine Frage von Lebensstil oder mangelnder Disziplin. „Schuldzuweisungen muss man endlich lassen, weil die Stigmatisierung die Betroffenen zusätzlich belastet“, sagt Bayerle-Eder.
„Tödliches Quartett der sexuellen Dysfunktion“
Aus sexualmedizinischer Sicht ist Adipositas deshalb relevant, weil sie mit Erkrankungen einhergeht, die besonders häufig Sexualfunktionsstörungen verursachen: Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Gefäßschäden. Bayerle-Eder spricht vom „tödlichen Quartett der sexuellen Dysfunktion“. Übergewicht erhöhe das Risiko für Sexualfunktionsstörungen, bei Adipositas sei es zwei- bis dreifach erhöht.
Bei Männern ist dieser Zusammenhang besonders gut untersucht. Testosteron spielt für die Libido, Erektions- und sexuelle Reaktionsfähigkeit eine große Rolle, nicht nur im Penis, sondern auch im Gehirn und Rückenmark. Bei Männern mit Adipositas kann der Testosteronspiegel deutlich sinken. „Wenn Sie einen adipösen Mann sehen, kann es sein, dass jeder Zweite schon einmal eine Erektionsproblematik hatte“, sagt Bayerle-Eder.
Hier können GLP-1-Medikamente einen positiven Effekt haben – allerdings meist nicht direkt, sondern über den Umweg des Gewichtsverlusts und der besseren Stoffwechsellage. In unterschiedlichen Daten zeigte sich bei Männern unter GLP-1-Therapie ein Anstieg von Gesamt- und freiem Testosteron sowie eine Verbesserung der Hormonachse. Auch die erektile Funktion kann sich bessern, vor allem bei Männern mit Typ-2-Diabetes und Potenzproblemen.
„Der Nutzen kommt aber nicht direkt vom Medikament, sondern indirekt über den Gewichtsverlust und die metabolische Verbesserung“, sagt Bayerle-Eder.
Univ.-Prof. Michaela Bayerle-Eder, MedUni Wien, AKH Wien
„Wenn Sie einen adipösen Mann sehen, kann es sein, dass jeder Zweite schon einmal eine Erektionsproblematik hatte“
Weniger Daten für Frauen
Bei Frauen ist die Lage etwa schwieriger, nicht, weil ihre Sexualität weniger wichtig wäre, sondern weil sie in Studien seltener direkt gemessen wird. Beim polyzystischen Ovarialsyndrom, einer häufigen endokrinologischen Störung, die bei Frauen mit Adipositas häufiger vorkommt, können GLP-1-Medikamente das Hormonprofil verbessern.
Beschrieben sind etwa günstigere Werte von SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin) und freiem Testosteron, bessere Zyklusregelmäßigkeit und Hinweise auf bessere reproduktive Marker. Das kann das Wohlbefinden und die Sexualität indirekt begünstigen.
Doch Bayerle-Eder bleibt vorsichtig: „Bei Frauen ist die Datenlage anders, viele Studien messen nicht direkt die Lust, Erregung oder sexuelle Zufriedenheit, sondern eher den Zyklus, die Hormonwerte, Fruchtbarkeit oder den Stoffwechsel. Daraus lässt sich ableiten, dass GLP-1-Medikamente die Sexualität indirekt beeinflussen können, aber nicht eindeutig, ob und wie sich das sexuelle Erleben selbst verändert.“
Einfluss auf das Verlangen
Eine aktuelle Übersichtsarbeit stellt die Hypothese auf, dass GLP-1-Medikamente das sexuelle Verlangen auch dämpfen könnten. Der Gedanke dahinter: Wenn Medikamente auf Appetit, Belohnung und Sättigung wirken, könnten sie möglicherweise auch andere Formen von Verlangen beeinflussen.
Bayerle-Eder ordnet diesen Aspekt eher zurückhalten ein. „Da gibt es keine harten Daten dazu“, sagt sie. Es handle sich eher um ein Modell, das aus verschiedenen Befunden zusammengesetzt sei. Plausibel findet sie den Gedanken dennoch: „Wenn ich weniger Lust auf Essen habe, könnte es natürlich auch eine Querverbindung geben, dass ich möglicherweise weniger Lust auf Sex habe.“
Dabei könnte der Neurotransmitter Serotonin eine Rolle spielen. „Serotonin hat zwei Gesichter“, sagt Bayerle-Eder. Einerseits ist es für Stimmung und Depression relevant, andererseits ist bekannt, dass ein hoher Serotoninspiegel sexuelle Erregung und Libido stören kann – ein Effekt, den man etwa von manchen Antidepressiva kennt. Was Menschen im einen Bereich stabilisiert, kann im anderen Bereich dämpfen.
Die simple Botschaft „Abnehmspritze macht mehr Lust“ stimmt daher ebenso wenig wie ihr Gegenteil. „Man kann nicht sagen: GLP-1-Medikamente steigern das Sexualleben. Es gibt eher ein Dazwischen“, sagt Bayerle-Eder.
Bei kranken Patientinnen und Patienten mit Adipositas, Diabetes oder deutlichen metabolischen Folgeerkrankungen überwiegen aus ihrer Sicht die positiven Effekte. Problematischer sieht sie den Einsatz bei Menschen, die keine entsprechende Indikation haben und GLP-1-Präparate als Lifestyle-Medikament verwenden. Dann könnten mögliche Nebenwirkungen stärker ins Gewicht fallen.
Berichte über verminderte Libido, Erektionsprobleme oder Orgasmusstörungen tauchen in Pharmakovigilanz- und Registerdaten tatsächlich auf. Bei Frauen wurden einzelne Fälle von Orgasmusstörungen beschrieben, die nach dem Absetzen des Medikaments wieder verschwanden.
Bayerle-Eder betont aber: „Das ist nur ein Signal.“ Oft fehlten entscheidende Informationen: Wie hoch war der BMI? Wie viel Gewicht wurde verloren? Gab es Diabetes, Depression oder weitere Medikamente? Wurde das Präparat korrekt eingenommen?
Verlust der Muskelmasse
Ein weiterer Punkt ist das Tempo. Wer sehr schnell viel Gewicht verliert, verliert unter Umständen nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse. „Die Gewichtsabnahme sollte daher langsam und stetig erfolgen“, rät Bayerle-Eder. Dazu braucht es ausreichend Flüssigkeit, Proteine und Muskelaufbau, denn auch die Muskulatur spielt für die Sexualität eine Rolle.
Der wichtigste Punkt für Bayerle-Eder: Sexualität muss öfter in der Medizin angesprochen werden, nicht nur bei GLP-1-Präparaten, sondern prinzipiell bei jedem Medikament, das neu verschrieben wird. „Viele Medikamentenklassen verursachen Sexualfunktionsstörungen“, sagt sie – etwa Antidepressiva, Antipsychotika oder manche ältere Blutdruckmedikamente.
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