Nicht nur beim Menschen: Was Geburten im Tierreich so schwierig macht
Manche kommen winzig, blind und haarlos zur Welt, andere starten voll entwickelt ins Leben. Nicht immer läuft dabei alles nach Plan.
„Die Geburt bei Menschen ist sicher nicht leicht und ohne Komplikationen, aber auch bei anderen Säugern ist sie schwieriger als bisher gedacht“, sagt Nicole Grunstra. Die Forscherin am Department für Evolutionsbiologie der Uni Wien wertete für diese Erkenntnis jede Menge Literatur aus und machte Daten über Haus-, Nutz-, Wild- und Zootiere sowie über moderne Menschen und Jäger-Sammler-Gesellschaften vergleichbar. Ihre Studie erschien kürzlich in Biological Reviews.
Wie beim Menschen gibt es bei Tieren verschiedene Geburtskomplikationen
„Ähnlich wie bei Menschen gibt es im Tierreich verschiedene Geburtskomplikationen“, sagt Grunstra und verweist zunächst auf das häufige Missverhältnis zwischen den Körpermaßen des Jungen und der Anatomie der Mutter. So bleibt etwa der wegen des Gehirnvolumens großköpfige Schweinswal-Nachwuchs nicht selten im Weichgewebe des Geburtskanals stecken. Bei Mäusen und Schweinen dagegen kann der große Wurf mit kleinen Föten zum Problem werden: Blockiert ein Winzling in Schieflage den Ausgang, stirbt meist auch die Mutter an Vergiftung.
Bei der Oviparie legt das Muttertier befruchtete Eier, in denen der Embryo außerhalb des Körpers heranreift. Bei der Viviparie wächst der Embryo im Mutterleib heran, ernährt sich über die Plazenta und kommt voll entwickelt zur Welt. Viviparie entwickelte sich in verschiedenen Tiergruppen. 2008 entdeckten Forscher den ältesten Nachweis einer Lebendgeburt: ein 380 Millionen Jahre altes Fossil eines „Mutterfisches“ mit Embryo an verkalkter Nabelschnur. Die ersten Säuger entstanden vor rund 230 Millionen Jahren. Die Viviparie ist zwar typisch für Säugetiere, aber kein Alleinstellungsmerkmal. So gebären etwa auch Alpensalamander, Kreuzotter, Flussdeckelschnecke, Weißer Hai und Madagassische Fauchschabe lebende Junge. Schnabeltier und Ameisenigel wiederum zählen zu den Ursäugern, auch Kloakentiere genannt. Die Weibchen brüten Eier aus und ziehen den Nachwuchs dann mit Milch auf.
Bei der Ovoviviparie verbleiben die Eier zumindest bis kurz vor dem Schlüpfen im Körper der Mutter. Die Schale dient als Schutz.
„Die Evolution hat diese Schwierigkeiten nicht beseitigt, weil größere Jungtiere in der Regel bessere Überlebenschancen haben und bei großen Würfen insgesamt mehr Nachkommen überleben“, sagt die Forscherin.
Äußere Umstände wie Nahrungsangebot beeinflussen die Schwangerschaft
Doch nicht nur diese kalkulierten Risiken sorgen für Komplikationen, sondern auch äußere Umstände. Bei Sikahirschkühen z.B., die Kopf und Vorderbeine des Kalbes gleichzeitig durch das knöcherne Becken pressen müssen, können sich fette Jahre nach mageren fatal auswirken. Unterernährte Weibchen, die in einer futterreichen Saison trächtig werden, weisen eine noch höhere Sterblichkeit auf. Übergewicht inklusive Schwangerschaftsdiabetes erschwert vor allem Haus- und Zootieren das Gebären.
Die erste Geburt ist besonders gefährlich.
Studienautorin
„Die erste Geburt ist besonders gefährlich“, sagt Grunstra. So müssen Hyänen-Weibchen ihre Jungen durch einen Pseudopenis zur Welt bringen. Dauert die Geburt lange und kommt eine Wehenschwäche dazu, ersticken die Babys. Erst bei folgenden Würfen ist das Gewebe bereits gedehnt, die Geburtszeit verkürzt.
Im Alter allerdings verliert das Becken lebensbedrohlich an Flexibilität – nachgewiesen bei Elefanten und bei Meerschweinchen.
Müttersterblichkeit ist eine häufige Todesursache in freier Wildbahn
„Müttersterblichkeit ist keine Randerscheinung. Sie reiht sich vielmehr neben Krankheiten, Unfällen und Gefressenwerden ein“, sagt die Evolutionsbiologin. Bei Seebären etwa sind schwierige Geburten die zweithäufigste Todesursache während der Fortpflanzungsphase. Bei Gabelböcken sind bis zu 13 Prozent der potenziellen Mütter betroffen.
„Häufigkeit und Ursachen von Geburtskomplikationen variieren zwischen und innerhalb der Arten“, schließt Studienautorin Grunstra: „Der Mensch ist nicht einzigartig.“
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