Was die Olympia-Pose von Benjamin Karl mit problematischen Männerbildern zu tun hat
Benjamin Karls Siegerpose nach dem Gewinn der Goldmedaille bei Olympia.
Der Oberkörper nackt, die Arme in Bodybuilder-Manier nach unten gestreckt, die Hände zu Fäusten geballt – das Gesicht zum Siegesschrei verzogen: An den Bildern von Benjamin Karls Olympia-Siegespose kam man diese Woche so gut wie nicht vorbei.
Auf manche wirkte die Körpersprache befremdlich. Journalistin und Moderatorin Mari Lang verlieh ihrer Irritation via Instagram Ausdruck. Den Freudentaumel sucht sie in Karls Pose vergeblich: "Würde ich die Fotos ohne Wissen über den Kontext sehen, käme ich nicht auf die Idee, dass hier Euphorie ausgedrückt wird", betont Lang, die sich beruflich schon lange mit feministischen Fragen auseinandersetzt, im KURIER-Interview. "Die Pose wirkt kriegerisch, dominant, aggressiv, fast bedrohlich."
Sportpsychologin Andrea Engleder sieht Karls Auftritt eher als Form emotionaler Entladung nach extremem Leistungsdruck: "Hinter solchen Leistungen stecken jahrelange, enorm harte Arbeit und Entbehrungen. Es ist nachvollziehbar, dass Athletinnen und Athleten diesen Teil ihrer Lebensgeschichte auf ihre Art mitgestalten möchten. Da brechen dann oftmals alle Dämme."
Inszenierung wie einst "Herminator"
Die Inszenierung sei Ski-Legende Hermann Maier – der "Herminator" bejubelte seinen Riesenslalom-Sieg beim Saisonfinale 2001 ebenfalls oberkörperfrei – nachempfunden, erklärte Karl selbst: "Hermann Maier war mein großes Idol. (…) Ich wollte ihm diese Pose nachmachen."
Dass Karl seiner Begeisterung auf diese Art Ausdruck verleiht, sei zu respektieren. Lang sieht dennoch ein gesamtgesellschaftliches Problem: "Wir erleben – insbesondere im Sport – eine sehr einseitige öffentliche Darstellung von Männlichkeit, die dem Stereotyp des starken, durchsetzungsfähigen Alpha-Mannes entspricht. Ein Bild, das Karl mit seiner Pose bedient."
Dieses traditionelle männliche Rollenverständnis beinhalte auch, "dass wir Männern jegliche Gefühle abseits von Wut oder Aggression absprechen". Männer seien in ihrem emotionalen Ausdruck limitiert: "Wer davon abweicht, gilt schnell als verweichlicht."
Tränen bei Sportlern unerwünscht
Tatsächlich haben weinende Männer im Profisport nach wie vor eher Seltenheitswert. Am Fußballfeld bekommt man schluchzende Spieler noch vergleichsweise häufig zu Gesicht. Nachdem Marco Odermatt Platz eins bei der Kitzbühel-Abfahrt vor drei Wochen verpasste, flossen bei ihm Tränen. Tags darauf entschuldigte er sich via Social Media, die Aufmerksamkeit damit auf sich gezogen zu haben.
In Erinnerung geblieben ist die emotionale Seite von Tennis-Ass Roger Federer. Ihn rührten Siege wie Niederlagen zu Tränen. So manchen Sportjournalisten waren die tränenreichen Auftritte des Schweizer Athleten ein Dorn im Auge. So wurde er etwa von der Schweizer Kolumnistin Daniele Muscionico als "menschliche Fontäne" tituliert.
Umgekehrt werden Wutausbrüche von Sportlerinnen selten goutiert. Beim US-Open-Finale 2018 löste Serena Williams nach ihrem Streit mit dem Schiedsrichter wegen ihrer Aufgebrachtheit eine Debatte über Sexismus im Tennis aus.
Vor allem Mädchen würden in ihrer Sozialisation bereits früh dahingehend eingeschränkt, weiß auch Engleder: "Als Mädchen ist man nicht laut und nicht auffällig, heißt es dann oft."
Die Sportpsychologin ordnet Karls Reaktion aus einer anderen Perspektive ein: Wie sich Sportlerinnen und Sportler in siegreichen Momenten geben, sei oft Teil der mentalen Wettkampfvorbereitung. "Aus den Interviews bekommt man den Eindruck, dass dies eine sehr bewusste und geplante Entscheidung war."
Mit gewissen Handlungen Individualität zu zeigen, könne auch das Bedürfnis nach Anerkennung bedienen: "Ein Großteil der Athletinnen und Athleten macht Sport nicht für das kleine Kämmerlein, sondern für die große Bühne. Da möchte man natürlich wahrgenommen werden."
Sexistische Doppelmoral
Dass Benjamin Karl bei seinem Olympia-Triumph obenrum nackt war, sei laut Lang ein vernachlässigbarer Aspekt: "Ein freier Zugang zu Körperlichkeit ist sogar zu begrüßen", sagt sie. Problematisch sei die Doppelmoral, die bei Nacktheit zutage trete. "Wenn eine Lindsey Vonn derart posiert und sich bis auf den BH oder sogar diesen ausgezogen hätte, wäre das ein Skandal gewesen. Nicht wegen der Pose, sondern wegen der nackten Haut", sagt Lang. "Während Karls Entblößung als Ausdruck von Triumph, Kraft und Leidenschaft gerahmt wird, unterliegen Sportlerinnen einer ständigen Gefahr der Sexualisierung", erklärt auch der Medienpsychologe Josef Sawetz.
So manchem wird in diesem Zusammenhang die US-Fußballerin Brandi Chastain in Erinnerung gerufen. Sie riss sich im WM-Finale 1999 ihr Trikot vom Leib und zeigte ihren BH. Das Foto sorgte für Kontroversen. Chastain habe sich inszeniert "wie in einem Victoria-Secret-Katalog", sei "in ihrer Unterwäsche herumgehüpft und besitzt nun die bekanntesten Brüste des Landes", notierte etwa die Denver Post. Eine Einordnung, die für Lang "leider heute auch noch vorstellbar wäre".
Seit inzwischen fast 20 Jahren ist es Profikickerinnen und -kickern grundsätzlich untersagt, sich im Torjubel des Trikots zu entledigen, um Zeitverzögerungen zu vermeiden. In der Euphorie wird diese Regel freilich häufig ignoriert. Etwa auch von der englischen Fußball-Europameisterin Chloe Kelly, die im EM-Finale gegen Deutschland 2022 ihr Trikot auszog und eine gelbe Karte kassierte.
Usain Bolt bis Cristiano Ronaldo
Ikonische Jubel-Szenen finden sich im Profi-Sport zuhauf. Zum Internet-Meme avancierte etwa Usain Bolts Siegerpose mit einem angewinkelten und einem ausgestreckten Arm und zum Himmel gereckten, ausgestreckten Zeigefinger. Cristiano Ronaldos breitbeinige Torjubel-Geste gilt seit über einem Jahrzehnt als sein Markenzeichen.
Mit seiner markanten Aktion habe sich Karl jedenfalls "einen Platz im kollektiven Gedächtnis gesichert", sagt Kommunikationsexperte Sawetz. "Die Szene stellt einen Regelbruch zu der gewohnten Sportberichterstattung im Skisport dar und übernimmt damit eine Bildsprache und einen emotionalen Ausdruck, den wir eigentlich so vor allem aus der Welt des Fußballs kennen. Ein Sportler, der blank zieht, liefert affektgeladenes Bildmaterial, das ohne sprachliche Barrieren weltweit verstanden wird."
Sportpsychologin Engleder wünscht sich, "dass auch Athletinnen und Athleten ganz allgemein mehr dazu angehalten werden, Emotionen zu zeigen – der Sport ist ein ideales Feld dafür".
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