Energieexperte: Warum die Entspannung im Nahen Osten trügt
Die jüngsten Entspannungssignale im Nahen Osten haben die Ölpreise kurzzeitig sinken lassen - nachhaltig beruhigt hat sich die Lage damit aber nicht.
Das machte Energiemarktexperte Johannes Benigni am Donnerstag in der ZiB 2 deutlich.
"Was wir erleben, ist ein Ausdruck der Volatilität an den Märkten", sagte Benigni. Der Grund: widersprüchliche politische Signale, vor allem aus Washington. In der Fachsprache nennt sich das Phänomen "Taco Trade" (Akronym für "Trump always chickens out") und steht für Trumps aggressive Ankündigungen, denen dann doch keine Taten folgen. Die Märkte reagieren entsprechend nervös. Am Ölmarkt schlagen sich die Schwankungen in den Preisen nieder, an der grundsätzlichen Lage aber habe sich nichts geändert.
Gewisse Annäherungen gebe es zwar, etwa beim Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, und man verhandle im Hintergrund. In den entscheidenden Konfliktfragen aber sehe er kaum Bewegung.
Daran, dass die Meerenge dauerhaft offen bleibt, zweifelt Benigni. Zentrale Fragen - das iranische Nuklearmaterial, der Umgang mit der Hisbollah - seien ungeklärt, die innenpolitischen Positionen verhärtet.
Den Iran selbst stuft er als Öllieferanten als weniger kritisch ein.
"Der Iran exportiert nicht so viel. Das ist vielleicht eine Million Fass pro Tag, wenn er kann." Ein Ausfall wäre verkraftbar. Weit folgenreicher wäre ein Ausfall der übrigen Förderländer der Region.
Hohe Preise, knappe Produkte
Selbst wenn die Straße von Hormus wieder frei passierbar wäre, bräuchten die Märkte Zeit zur Stabilisierung. Rund 88 Energieinfrastrukturanlagen seien beschädigt. Während Rohöl-Anlagen rascher wieder anlaufen könnten, drohten Raffinerien monatelang auszufallen.
"Ich gehe davon aus, dass das mehrere Monate, wenn nicht ein Jahr dauert", so Benigni.
Besonders angespannt ist die Lage bei Kerosin. "Der meiste Flugtreibstoff kommt aus dem Mittleren Osten." Beim Diesel gebe es mehr Ausweichmöglichkeiten.
Österreichs Abhängigkeit
Die Raffinerie Schwechat - die einzige in Österreich - und ihre Abhängigkeit von der TAL-Pipeline seien eine bekannte Schwachstelle. Nach einem mutmaßlichen Anschlag auf Strommasten in der Nähe Kärntner Grenze sieht Benigni aber keinen Grund zur Panik.
"Für Autofahrer erwartet er ohnehin das vertraute Muster: "Die Spritpreise gehen schnell rauf, aber nur sehr langsam wieder runter."
Kommentare