Woom-Gründer: „Wir haben viel auf die harte Tour gelernt“
2013 haben Christian Bezdeka und Marcus Ihlenfeld begonnen, die ersten Kinderfahrräder in einer Garage zusammenzuschrauben. Zwölf Jahre später haben sie mit ihrem Unternehmen woom weltweit mehr als zwei Millionen Stück verkauft. Seit zwei Jahren bauen der Industriedesigner und der Marketingspezialist auch Kinderschreibtische. Mit ihrem Beratungsunternehmen „Sounds Like a Plan“ wollen sie jetzt ihr Know-how an andere Gründerinnen und Gründer weitergeben.
Sie haben mit woom und poptop bereits zwei erfolgreiche Unternehmen gegründet. Was können Start-ups von Ihnen lernen?
Bezdeka: Wir haben bei woom sehr viel auf die harte Tour gelernt. Wir waren ja keine Experten. Als wir poptop gegründet haben, haben wir gemerkt, dass wir eigentlich auf neun von zehn Fragen eine Antwort haben.
Ihlenfeld: Es geht auch um die Einstellung und darum, zu wissen, wann es Geschwindigkeit und wann es Perfektion braucht. In dem Moment, in dem man mit seinem Produkt zufrieden ist, ist es schon zu spät. Es braucht die Unsicherheit.
Woom wurde in der Garage gegründet. Was wollten Sie erreichen?
Bezdeka: Kinderfahrräder, die es damals gab, waren schwer und nicht wirklich für Kinder gemacht. Die Geometrien haben nicht gepasst. Die Fahrräder waren lieblos gestaltet. Wir wollten ein durchdachtes, hochwertiges Produkt entwickeln. Ein Fahrrad, das mit viel Liebe zum Detail auf die Ergonomie von Kindern abgestimmt ist.
Ihlenfeld: Die Hersteller haben Sticker mit Benjamin Blümchen oder Prinzessin Lillifee auf ihre Räder geklebt und gedacht, dass das Kindern gefällt. Sie haben Lippenstift auf das Schwein gemalt. Das ist unehrlich. Wir haben uns davon gelöst.
Christian Bezdeka (li.) und Marcus Ihlenfeld.
Wo gab es Widerstände?
Bezdeka: Wir haben am Anfang oft gehört, dass es Schwachsinn ist, was wir machen. Es hat geheißen, dass kein Mensch hochwertige Kinderfahrräder braucht und niemand Geld für etwas ausgibt, das man nur eineinhalb Jahre nutzen kann. Auch im Freundeskreis wollte man uns aktiv vor unserem Vorhaben schützen. Das sind die „Naysayer“, die Neinsager. Einer meiner Lieblingssprüche von Arnold Schwarzenegger ist: „Don“t listen to the naysayers.„ (“Hör nicht auf die Neinsager.„) Wenn du eine Idee hast und das Gefühl hast, das gehört gemacht, lass es dir nicht ausreden.
Wann war Ihnen klar, dass es etwas Größeres wird?
Ihlenfeld: Es gab nicht diesen einen Moment. Es gab tausend kleine Momente. Wenn man zum Beispiel zum ersten Mal Geld von jemandem bekommt, den man gar nicht kennt. Für uns war auch das Feedback von Kunden immer sehr wichtig.
Sie haben erst sieben Jahre nach der Gründung Investoren an Bord geholt. Da hatten Sie schon einen Namen.
Bezdeka: Der gute Name hilft natürlich ungemein. Wir konnten uns die Investoren aussuchen. Wir haben sie auch zu einem Zeitpunkt an Bord genommen, zu dem wir sie für weiteres Wachstum gerne haben wollten, sie aber nicht zwingend gebraucht haben.
Ein weiteres Investment der Jebsen-Gruppe aus Hongkong folgte. Wie ist die Entscheidung zustande gekommen, nach Asien und die USA zu expandieren und ganz groß hinauszuwollen?
Bezdeka:Das war auch ein bisschen der Neugier geschuldet. Wenn man das Gefühl hat, dass es geht, dann sind wir auch so gestrickt, dass wir es machen.
Bezdeka und Ihlenfeld mit ihren Produkten.
Woom wurde vor dreizehn Jahren von den fahrradbegeisterten Vätern Christian Bezdeka (49) und Marcus Ihlenfeld (53) gegründet. 2025 setzte das Unternehmen mit 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 149 Mio. Euro um. Poptop folgte 2023. 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erwirtschafteten zuletzt 2 Mio. Euro.
Mit ihrem Beratungsunternehmen “Sounds Like a Plan" bieten die beiden Gründer strategisches Consulting für junge Firmen an.
Der KURIER berichtet in seinem neuen Start-up-Schwerpunkt jeden Dienstag über Start-ups und was sie bewegt.
Was waren Ihre größten Fehler? Aus welchen haben Sie am meisten gelernt?
Bezdeka: Es waren eher viele kleine Fehler.
Ihlenfeld: Einer der größten Fehler war am Anfang, in der Wachstumszeit, dass wir zu viele Menschen eingestellt haben. Wenn man zehn Mitarbeiter hat und zehn neue einstellt. Das sind 100 Prozent mehr. Und damit ändern sich alle Abläufe und Verantwortungsbereiche. Das haben wir unterschätzt.
Bezdeka: Es geht auch um die Unternehmenskultur. Dass jeder am gleichen Strang zieht. Das passiert nicht von selbst. Da steckt viel Arbeit dahinter.
Anfang 2022 haben Sie sich aus dem operativen Geschäft bei woom zurückgezogen. Warum?
Bezdeka: Wir glauben daran, dass man mit seinen Skills für eine gewisse Unternehmensphase gut ist und dann eine andere Führung notwendig ist. Das haben wir auch relativ bald gemerkt. Es hat aber sehr lange gedauert, bis wir das Gefühl hatten, dass wir aus dem Unternehmen rausgehen können, ohne dass wir schlaflose Nächte haben.
Dann haben Sie einen Kinderschreibtisch entworfen und poptop gegründet. Zu den Investoren zählt auch der frühere Bayern-München-Fußballer Thomas Müller. Wie hat sich das ergeben?
Bezdeka: Der Kontakt kam über Investorennetzwerke zustande. Wir haben uns zuerst gedacht, was hat ein Fußballer mit Tischen zu tun? Dann haben wir ihn kennengelernt. Er ist bodenständig und ein Machertyp. Die Chemie hat super gepasst.
Ihlenfeld:Wenn man schon einmal erfolgreich war, hat man ein ganz anderes Standing. Es gibt ein gewisses Vorschussvertrauen, dass es kein Flop wird. Wir mussten nicht durch brennende Reifen springen, um an Geld zu kommen.
Preislich ist sowohl woom als auch poptop im oberen Bereich angesiedelt. Wofür geben Ihre Kunden mehr Geld aus?
Bezdeka: Ein billiges Produkt zu machen, ist relativ einfach. Ein teures Produkt zu machen, ist auch relativ einfach. Aber ein Produkt zum vernünftigen Preis zu machen, das Qualität und Nutzen bietet, das ist die Kunst und das ist das, worum wir uns bemühen.
Ihlenfeld: Wir haben den Anspruch, dass unsere Produkte nachhaltig sind, d.h. qualitativ hochwertige, langlebige Produkte. Wir wollen nicht in die Wegwerfgesellschaft einzahlen.
Der poptop-Schreibtisch kommt mit einem Katapult, mit dem sich Papierkugeln in einen Mistkübel befördern lassen.
Bei woom haben Sie am Anfang ausschließlich auf den Direktvertrieb gesetzt. Ab wann braucht man den Handel?
Bezdeka: Ein Riesenvorteil des Direktvertriebs ist der direkte Kontakt zu den Kundinnen und Kunden. Das ist wahnsinnig viel wert. Man hat ein klares Bild und kennt sie sogar beim Namen. Das gibt am Anfang auch viel Kraft, weil man das Produkt ständig weiterentwickelt und verbessert.
Ihlenfeld: Unsere Kundinnen und Kunden sollen sich ihren Kanal selbst auswählen können. Wenn man das Produkt anschauen, anfassen und ausprobieren will, dann wird die Kundin bzw. der Kunde in den Handel gehen.
Sie produzieren in Osteuropa und Asien. Warum nicht auch in Österreich?
Ihlenfeld: Das würden wir gerne machen, auch aus Business-Sicht würde es Sinn machen, nahe an den Märkten zu produzieren. Allerdings ist das nicht möglich.
Warum nicht?
Ihlenfeld: Die Fahrradbranche ist sehr international aufgestellt und das nötige Know-how fehlt hier schlichtweg. Das reicht vom Einkauf der Materialien bis zu Produktionsstätten und Roboterfertigung. Wenn wir das machen wollten, müssten wir alles von Grund auf neu aufziehen.
Welche Rolle spielen die Lohnkosten?
Bezdeka: Es wird immer gesagt, es sind die Lohnkosten. Aber die sind nur ein ganz kleiner Teil. Ein Arbeiter in China verdient zum Beispiel mehr als ein Arbeiter in Bulgarien oder Serbien.
Bezdeka und Ihlenfeld im Gespräch mit dem KURIER.
Nach zwei Gründungen, wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen in Österreich. Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
Bezdeka: Wo wir wirklich Verbesserungsbedarf sehen, ist die Grundeinstellung zum Thema Selbstständigkeit und Unternehmertum. Es heißt immer, “Oh mein Gott, das ist ein großes Risiko„, statt “Cool, dass du es versuchst„. Große Unternehmen waren alle irgendwann einmal ein kleines Start-up. Wir müssen uns nur trauen. Die Welt geht auch nicht unter, wenn es nichts wird. Dann macht man halt was anderes.
Ihlenfeld: Es geht auch darum, größer zu denken. 90 Prozent der GmbHs in Österreich machen weniger als eine Million Euro Umsatz. Sie müssten vielleicht nur den nächsten Schritt gehen.
In einem Satz. Was ist Ihr wichtigster Rat an Gründer?
Ihlenfeld: Du musst nicht die Fehler machen, die andere schon gemacht haben.
Bezdeka: Eigentlich genügt ein Wort: Gemma!
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