Wirtschaftsweiser Felbermayr: "Brauchen Krise jetzt wie einen Kropf"

Top-Ökonom Gabriel Felbermayr leitet weiterhin das Wifo in Wien und berät als "Wirtschaftsweiser" ab sofort auch die Bundesregierung in Berlin. Er spricht von einem „großen Gewinn“ für die Qualität der heimischen Politik-Beratung.
PK WIRTSCHAFTSFORSCHUNGSINSTITUT (WIFO), INSTITUT FÜR HÖHERE STUDIEN (IHS) "KONJUNKTURPROGNOSE 2023 UND 2024 - FRÜHJAHRSPROGNOSE": FELBERMAYR

Angesichts des Iran-Kriegs hält Felbermayr die für 2026 erwartete Erholung für stark gefährdet. Panikmache sei aber fehl am Platz.

KURIER: Sie sind als erster Österreicher einer der Wirtschaftsweisen in Deutschland, ein wichtiges Beratungsgremium für die Berliner Regierung. Ist das eigentlich mit der Politikberatung in Österreich vereinbar?

Gabriel Felbermayr: Ja, ich würde sagen, sehr gut sogar, weil die großen Themen zwischen Österreich und Deutschland ja sehr ähnliche sind. Manche Dinge sind anders geregelt, wenn man an die soziale Sicherung denkt, aber im Kern ganz ähnlich. Auch die großen industriepolitischen Herausforderungen, Zölle, China, das ist alles gleichlaufend. Und ich glaube, was wir bräuchten in Europa, ist viel mehr von dieser Art Verschränkung.

Das Wifo ist relativ staatsnah unterwegs, wenn man zum Beispiel an das Budget auf Basis von Wifo-Daten denkt. Entsteht da nicht automatisch ein Interessenskonflikt mit einer Stelle, die bei der deutschen Regierung angedockt ist?

Ich wüsste nicht, welcher Interessenkonflikt das sein soll.

Dass Sie hier in Wien vielleicht das eine erzählen und dort in Berlin das andere sagen und sich das eventuell ungut überschneidet ...

Ich sehe da keinerlei Problemlage, ehrlich gesagt. Der Riesenvorteil ist, dass wir in Österreich und am Wifo sehr viel näher und besser informiert sein werden über alle Vorgänge in Deutschland. Und uns die Analysen des Sachverständigenrats, das ist ja eine Art Thinktank mit einem großen Stab, auch sehr viel schneller zugänglich sein werden. Ich habe da also überhaupt keine Bedenken, im Gegenteil. Das ist für die Qualität unserer wirtschaftspolitischen Beratung, die wir am Wifo der österreichischen Bundesregierung anbieten können, ein großer Gewinn.

Sie wurden vom CDU-geführten Wirtschaftsministerium bzw. vom Kanzleramt unter Friedrich Merz nominiert. Sie sind damit politisch punziert. Schadet das nicht der nötigen Überparteilichkeit?

Auch der Sachverständigenrat muss überparteilich auftreten. Also ich würde sagen, das ist mir in der Vergangenheit gut gelungen und das wird auch in Zukunft so sein. Dass das Vorschlagsrecht mal bei der einen Partei, mal bei der anderen, mal bei den Arbeitgebern, mal bei den Arbeitnehmern liegt, das ist eben so in Deutschland. Dazu kommt, dass die Themen, für die ich stehe, also die Handelspolitik, ressortmäßig nun einmal im Wirtschaftsministerium verankert sind und nicht im SPD-geführten Finanzministerium. Und da ist dann die politische Farbe nicht das Ausschlaggebende, sondern das Inhaltliche.

Sie beraten die österreichische Regierung, Sie beraten jetzt die deutsche Regierung, punktuell auch die EU-Kommission. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Das ist der eigentlich kritische Punkt bei der Geschichte, wie sich diese Dinge zeitlich mit einem normalen Tagesablauf vereinbaren lassen. Aber es ist ja nicht so, dass da jetzt etwas nur dazukommt, es werden auch Dinge wegfallen. Ich war bisher schon im Berliner Wirtschaftsministerium im wissenschaftlichen Beirat. Diese Mitgliedschaft war auch verbunden mit häufigen Sitzungen. Das fällt jetzt weg und ist allein schon in etwa die Hälfte des Zeitaufwands, der jetzt für den Sachverständigenrat notwendig sein wird.

Ihr Vertrag am Wifo wurde um fünf Jahre verlängert. Deutschland hat als drittgrößte Volkswirtschaft aber eine ganz andere Bedeutung. Muss man sich dennoch Sorgen machen, dass Sie Österreich abhanden kommen?

Überhaupt nicht. Das ist ja auch nur ein Ehrenamt. Meine Kollegen im Sachverständigenrat müssen auch daneben ihre Professuren machen und haben weitere Tätigkeiten.

Für 2026 ist ein Mini-Aufschwung vorhergesagt nach Jahren der Rezession. Ist die Erholung angesichts der Nahost-Krise schon wieder dahin?

Abgesagt ist die Erholung noch nicht, aber stark gefährdet. Wenn dieser Krieg im Golf länger dauert, dann droht echte Gefahr. 20 Prozent der Gas- und Erdölversorgung der Welt hängt an der Straße von Hormus, und wenn der Anteil dauerhaft weg bleibt, dann ist das mit den Energiepreisen wieder kritisch und wirkt negativ auf die Wachstumsaussichten und treibt die Inflation. Also all die hässlichen Dinge, von denen wir dachten, sie wären jetzt einmal bewältigt, hätten wir dann wieder am Tisch sozusagen. Deshalb stimmt, wir brauchen diese Krise jetzt wie einen Kropf.

Die österreichische Regierung sagt, bitte keine Panik, kein Alarmismus. Aber kann eine Kopf-in-den-Sand-Politik die Lösung sein?

Nein, natürlich nicht. Aber es ist gleichzeitig richtig, jetzt keine Panik zu verbreiten. Der Gaspreis, der jetzt am stärksten gestiegen ist, ist sehr volatil. Da waren wir gestern schon bei 60, dann wieder 50. Also da kann man noch nicht wirklich erkennen, was Sache ist. Klar ist, man muss die Dinge sehr, sehr genau beobachten. Und, vor allem in Österreich gilt, dass man steigende Energiepreise nicht wieder so durchrauschen lassen sollte.

Damit es nicht wieder zu einer Lohn-Preis-Spirale kommt ... Befürchten Sie eine Art „Ukraine 2.0“ mit zweistelligen Inflationsraten?

Nein, das wird nicht so dramatisch wie vor vier Jahren. Wir haben ja jetzt auch mehr Instrumente an der Hand, etwa die staatliche strategische Gasreserve, die man zur Not auf den Markt schmeißen könnte, um die Preise zu stabilisieren. Dazu kommt: Beim Flüssiggas ist die Abhängigkeit von Katar in Europa bei unter 20 Prozent. Das war beim Russengas ganz anders. Da hatten wir eine zweieinhalbmal so hohe Abhängigkeit.

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