Christine Lagarde wechselt an die EZB-Spitze. Die Suche nach einem Nachfolger läuft.

© REUTERS/HENRY ROMERO

Wirtschaft
07/21/2019

Wer Chancen auf die Spitze des Währungsfonds hat: Der Pass muss passen

Der IWF-Chefsessel ist eine europäische Erbpacht – über die Chancen bestimmt die Nationalität.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Er ist eine Art globale Finanz-Feuerwehr, die mit Krediten einspringt, wenn einem Staat das Geld ausgeht. Und er braucht schon wieder einen Chef: der Internationale Währungsfonds (IWF) mit Sitz in Washington. Dieses Mal ist kein Sexskandal schuld wie 2011, als Dominique Strauss-Kahn (70) zurücktreten musste. Im Gegenteil: Dessen französische Landsfrau Christine Lagarde (63), die bis Juli 2021 als Managing Director bestellt gewesen wäre, hat einen soliden Job gemacht. Und darf im November 2019 Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank beerben.

Abmachung

Der IWF-Chefsessel ist somit abermals vakant. Gesucht wird ein Europäer oder eine Europäerin: Seit der Gründung der Institutionen vor 75 Jahren (bei der Bretton-Woods-Konferenz 1944) gilt die Abmachung, dass die Weltbank von US-Amerikanern und der Währungsfonds von Europäern geleitet wird. Was dieses Mal interessanterweise – zumindest bisher – kaum in Frage gestellt wurde.

Aufstand abgeblasen

Das war 2011 anders. Damals regte sich unter den Schwellenländern Widerstand. Denn die IWF-Stimmgewichte (Grafik unten) sind – trotz Reformen – weit davon entfernt, das wahre ökonomische Gewicht der 189 IWF-Mitglieder widerzuspiegeln.

Auf gleiche Kaufkraft umgelegt hat China einen Anteil von 19 Prozent an der Weltwirtschaftsleistung, die EU (noch mit Briten) 16 Prozent und die USA 15 Prozent. Mit ihren unproportional hohen Stimmen können die Europäer und USA im IWF Entscheidungen blockieren.

Der Mexikaner Agustín Carstens (61), der 2011 als Gegenkandidat zu Lagarde antrat, konnte damals freilich nicht einmal die Schwellenländer wie Brasilien, China und Russland hinter sich versammeln. Zu seinem Schaden war es nicht: 2017 wurde der gewichtige Ökonom Chef der BIZ, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

Nase vorne?

Wer aber ist beim IWF in der Poleposition? Anwärter mit französischen und deutschen Pässen scheiden faktisch aus: Mit EZB-Präsidentin Lagarde und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen haben diese Nationen schon Topjobs abgestaubt. Also sind Bundesbank-Chef Jens Weidmann (51) oder EZB-Direktor Benoîit Cœuré (50) aus dem Rennen.

Ein Kandidat der Herzen wäre Mark Carney (54): Der kanadische Ökonom hat als Notenbankchef seiner Heimat und seit 2013 als Chef der Bank of England untadelige Figur gemacht. Neben dem kanadischen besitzt er auch den irischen Pass – aber halt auch den britischen. Und das sorgt auf dem Kontinent für Naserümpfen. Sollte der Brexit in Chaos münden, wird in London ohnehin ein fähiger Notenbankchef gebraucht.

Bessere Chancen hat der Niederländer Jeroen Dijsselbloem (53). Der Agrarökonom hatte auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise Jean-Claude Juncker als Eurogruppen-Chef abgelöst. In Athen freilich ist er mit seiner Kompromisslosigkeit zu einer sogar noch größeren Hassfigur geworden.

Seriös und sachlich, der Ruf eilt den Finnen voraus. So wie Olli Rehn (57), Ex-EU-Währungskommissar und jetzt Chef der finnischen Notenbank, oder Ex-Premier Alexander Stubb (51), einer der Vizepräsidenten der Europäischen Investitionsbank.

Die Bulgarin Kristalina Geogieva (65) kennt Washington bereits bestens, sie ist seit 2017 CEO der IWF-Schwester Weltbank und war interimistisch Präsidentin der Weltbank-Gruppe, bevor der Amerikaner David Malpass (63) übernahm. Sie wäre ein Signal an die Osteuropäer, die im Jobpoker bisher leer ausgegangen sind.

Außenseiter

Außenseiterchancen hat Spaniens Wirtschaftsministerin Nadia Calviño (50); einige Medien nennen Margarethe Vestager (51). Chancen hat die Dänin, die sich als EU-Wettbewerbshüterin mit Apple, Google und Amazon angelegt hat, nicht: Für US-Präsident Trump ist die „Steuerlady, die die USA hasst wie kein anderer“, nämlich eine Reizfigur. Bisher hatte es der IWF geschafft, unter Trumps Kritik-Radar zu fliegen. Dort wird er auch bleiben wollen.

"Es sollte Kandidatinnen aus der ganzen Welt geben"

Der KURIER befragte Ulrich Volz von der SOAS University of London und Senior Fellow am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn zur Nachfolge-Debatte.

KUIRER: Warum hat sich dieses Mal kein wahrnehmbarer Widerstand der Schwellenländer dagegen geregt, dass wieder ein Europäer oder eine Europäerin an die IWF-Spitze soll?    

Ulrich Volz: Die Europäer haben die Wahl von David Malpass zum Weltbank-Präsidenten im April abgenickt und können somit erwarten, dass die US-Regierung das Gleiche mit einem europäischen IWF-Vorschlag tut. Insofern hätten Kandidatinnen aus Schwellenländer von vornherein keine Chance. Ich finde es allerdings erstaunlich, dass es noch nicht einmal eine öffentliche Diskussion hierzu gibt.

Woran ist es  2011 gescheitert? Der Lagarde-Gegenkandidat Agustin Carstens hatte schlussendlich nicht einmal die Schwellenländer gesammelt hinter sich…

Christine Lagarde hat sich sehr früh in ihrer Kandidatur die chinesische Unterstützung gesichert, wofür China mit dem Posten eines neuen Deputy Managing Director belohnt wurde. Die Schwellenländer haben sich nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen können, insofern war es am Ende erfolglos, eine gemeinsame Front gegen eine erneute Besetzung mit einer Europäerin  zu bilden.

Welchen Unterschied würde es machen, wenn die USA und Europäer ihre Hegemonie bei IWF und Weltbank beenden?

Es würde die Glaubwürdigkeit beider Institutionen immens stärken. Insbesondere der IWF leidet in weiten Teilen Asiens und Lateinamerikas noch unter einem Stigma und wird als Instrument der Amerikaner und Europäer gesehen. Ein offener, transparenter Rekrutierungsprozess, der allein auf der Qualifikation der Bewerberinnen basiert, würde zudem die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass IWF und Weltbank von herausragenden Leuten geleitet werden. Das war leider nicht immer der Fall.

Wer wäre unter den Kolportierten der geeignetste Kandidat, wer ist der plausibelste?

Die derzeit gehandelten Kandidatinnen sind alles Europäer. Aus meiner Sicht sollte der Kandidatenpool Kandidatinnen aus der ganzen Welt beinhalten.

Muss man noch weitere Namen auf der Rechnung haben?

Persönlichkeiten wie Sri Mulyani Indrawati, José Antonio Ocampo oder Ngozi Okonjo-Iweala sollten weit oben auf der Liste stehen, werden aber leider keine Chance bekommen.

Was sind die vordringlichsten Aufgaben der/s nächsten IWF-Chefs/Chefin?  

Sie oder er muss versuchen, trotz starker nationalistischer und protektionistischer Tendenzen die internationale Kooperation in der Finanz-, Geld- und Währungspolitik zu stärken, um die aus den expansiven Geldpolitiken der vergangenen Jahre erwachsenen Finanzrisiken anzugehen und das internationale Finanz- und Währungssystem robuster zu machen.

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