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Wirtschaft
01/03/2019

Warum Apples iPhone plötzlich in der Krise steckt

Biss in den sauren Apfel: Neun Gründe, warum der US-IT-Gigant seine Umsatzpläne so drastisch kürzen musste.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Zugegeben: Andere Unternehmen würden sich für so eine „Krise“ feiern lassen. Mit einer Bruttomarge von 38 Prozent darf Apple als eines der profitabelsten Unternehmen weltweit gelten.

Aber für den Technologie-Überflieger des abgelaufenen Jahrzehnts gelten schlicht andere Maßstäbe. Und da sind die jüngsten Quartalszahlen eine massive negative Überraschung.

Neun Milliarden Dollar „verschwunden“

Noch im November hatte Apple für das erste Geschäftsquartal 2019 (das mit 29. Dezember endete) eine Umsatz-Bandbreite von 89 bis 93 Milliarden Dollar ausgerufen. Jetzt sind davon nur 84 Milliarden Dollar übriggeblieben.

Eine Gewinnwarnung, und so überaus drastisch obendrein? Das kannte man von Apple nicht. Die letzte Korrektur dieser Art liegt 12 Jahre zurück. Seit der Einführung des iPhones ist es überhaupt das erste Mal, dass Apple seine Umsatzprognosen verfehlt.

Woher stammen die ungewöhnlichen Absatzschwierigkeiten?

1. Warnsignale seit November

Eine Umsatzrevision dieses Ausmaßes -  das kam für alle Beobachter überraschend. Die Abschwächung des Smartphone-Marktes hatte sich für Apple hingegen abgezeichnet.

Spätestens seit November: Da nahmen wichtige Zulieferer ihre Prognosen zurück. Was als Indiz für eine schwächere iPhone-Nachfrage gedeutet wurde. Die Apple-Aktie hatte deshalb seit Oktober schon rund ein Drittel ihres Wertes eingebüßt. Der Kurseinbruch um rund 8 Prozent am Donnerstag war gemessen daran eine kleinere Korrektur.

2. Chinas Konjunktur

Dafür, dass Apple rund neun Millionen iPhones weniger verkaufte als geplant machte das Unternehmen vor allem die problematische Konjunktur in China verantwortlich.

„Wir hatten mit einer wirtschaftlichen Schwäche in einigen Schwellenländern gerechnet. Aber das hatte eine deutlich größere Auswirkung, als wir erwartet hatten“, räumte Apple-Chef Tim Cook in seinem Brief an die Anleger ein.

3. Handelsstreit und Boykott

Zusätzlich hätten sich die Zollkonflikte zwischen Washington und Peking belastend ausgewirkt, ergänzte Cook im Gespräch mit dem TV-Sender CNBC. „Ich glaube, die Handelsspannungen zwischen den USA und China haben die Wirtschaft zusätzlich belastet.“

Cook wies Vermutungen zurück, dass Apple von Chinas Regierung wegen seiner US-Herkunft speziell ins Visier genommen oder gar boykottiert worden sei. „Es gab zwar Berichte, dass einzelne Kunden unsere Produkte nicht gekauft haben. Ich denke aber, das ist ein geringeres Problem.“ China sei kein Monolith, wo sich alle gleich verhalten. Das größere Thema sei die konjunkturelle Abschwächung.

4. iPhone-Preise

Analysten sehen durchaus auch hausgemachte Probleme. Mit seiner Preispolitik für die jüngsten Top-Modelle – das iPhone Xs und Xs Max kosten ab 1149 bzw. 1249 Euro aufwärts - habe sich Apple aus dem Markt gepreist.

Die Preise seien auf Jahresbasis und in Dollar gerechnet um 26 Prozent gestiegen, sagte Analyst Neil Campling von Mirabaud Securities auf CNBC. Und in einigen Schwellenländern sei die Teuerung durch den Währungseffekt noch drastischer ausgefallen.

5. Längere Produktzyklen

Die Konsequenz: Preissensible Kunden wechseln zu Android-Handys oder zögern den Austausch ihres alten iPhones hinaus. Dabei kommt ihnen gelegen, dass sich die Lebenszeit mit günstigeren Angeboten zum Batterieaustausch verlängern lässt.

Apple musste den Preis für den Akku-Wechsel zeitweise stark senken, nachdem bekannt wurde, dass der Konzern die Leistung älterer Geräte mit erschöpften Batterien gedrosselt hatte.

6. Konsumenten zögern

Einige Analysten vergleichen Apples aktuelle iPhone-Situation mit jener für Personal Computer (PCs) vor ungefähr zehn Jahren: Die großen Innovationen bleiben jetzt aus, die Fortschritte sind nicht mehr revolutionär, sondern nur noch schrittweise Verbesserungen.

Apple-Chef Cook verwies auch darauf, dass Mobilfunk-Anbieter die Subventionen für neue Smartphones heruntergefahren hätten - und sich Verbraucher daran anpassten und seltener die Geräte auswechselten als zuvor.

7. Investoren verärgert

Apple hatte in den vergangenen Monaten bereits Investoren verärgert, weil es keine detaillierten Verkaufszahlen für seine iPhones mehr bekannt gibt.

Obendrein konnte der Chipkonzern Qualcomm im Dezember in seinem jahrelangen Patentstreit mit Apple einen Erfolg vermelden: Qualcomm erstritt ein Verkaufsverbot in Deutschland für mehrere ältere iPhone-Modelle. Betroffen waren die Modellreihen iPhone 7 und 8 sowie das iPhone X aus den Vorjahren.

8. Der Raubtier-Faktor

„Fangs“ ist nicht nur das englische Wort für die Reißzähne von Raubtieren. Als „FANGS“ (oder FAANGS) werden von Börsianern auch die großen US-Technologiewerte genannt (Das Akronym bezieht sich auf Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google/Alphabet).

Apple steht mit seiner jüngsten Börsenschwäche nicht allein da: Auch Google/Alphabet und insbesondere Facebook wurden in den vergangenen Monaten von den Anlegern abgestraft. Und E-Autopionier Tesla hat ebenfalls zu kämpfen, weil die Auslieferzahlen des Tesla Model-3 einmal mehr die Erwartungen enttäuschten.

9. Misstrauen

Im Hintergrund schwelen weiterhin Apples Probleme mit den Wettbewerbshütern. Dass Apple Pay auf dem iPhone automatisch als Bezahlmethode voreingestellt ist, hat die EU-Kommission auf den Plan gerufen. Man habe die für ein Verfahren nötigen Beweise nicht gefunden, sagte die streitbare EU-Kommissarin Margarethe Vestager Mitte Dezember: „Das schließt aber nicht aus, dass wir uns das in Zukunft noch einmal anschauen.“

Und auch die – aufgeschobenen, nicht aufgehobenen – Pläne für eine EU-Digitalsteuer sowie der verschärfte Kampf gegen die Steuervermeidung der US-Technologiekonzerne bleiben implizite Bedrohungen. Laut Eigenangaben liegt Apples Steuerquote global aktuell bei 16,5 Prozent (vor Sondereffekten).

Buffett kann zukaufen

Immerhin einer darf sich freuen: US-Starinvestor Warren Buffett. Der Milliardär, der sein Vermögen in den vergangenen Jahrzehnten vor allem dank Investments in traditionelle Industrien wie Eisenbahnen, Versicherungen oder Konsumgüter angehäuft hatte, hat zuletzt mehrfach eingeräumt, dass er sich geirrt hat und zu spät auf den Technologie- und Digitalisierungs-Zug aufgesprungen ist.

Enttäuscht von einem früheren IBM-Engagement war Buffett bei Apple sehr spät eingestiegen. Zu spät, wie er jetzt weiß.  „Wir würden uns freuen, wenn die Apple-Aktie sinkt“, hatte Buffett kürzlich betont. Und zwar nicht, weil er auf sinkende Kurse wettet – das würde seiner Philosophie widersprechen. Sondern weil er gerne aufstocken würde, ihm der Preis dafür aber bisher schon zu hoch erschien.

 

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