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Wirtschaft
04/23/2019

Unter Druck: So wird die Mittelschicht ausgedünnt

Die OECD warnt vor einer schwindenden Mitte der Gesellschaft. Aber gilt das überhaupt für Österreich?

von Hermann Sileitsch-Parzer, Christa Breineder

Eine starke Mittelschicht ist das Rückgrat einer erfolgreichen Gesellschaft. Die Statistiken belegen: Wo es der Mitte gut geht, gibt es weniger Kriminalität, ist die Zufriedenheit größer, sind die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse stabiler, betont Ángel Gurría, Chef der OECD, die als Denkfabrik für 36 reiche Industriestaaten agiert.

Das Problem ist: Diese stabile Mitte steht unter Druck. Und zwar nicht erst seit der Finanzkrise. Die Entwicklung ziehe sich seit gut 25 Jahren hin, sagte Gurría bei der Präsentation einer groß angelegten 176-Seiten-Studie.

Wie geht es der Mittelschicht? Alle zehn Jahre schrumpft sie laut OECD um ein Prozent der Bevölkerung. Zwei Drittel davon gleiten nach unten ab, nur ein Drittel steigt zu mehr Wohlstand auf. Gerade im Vorfeld der Steuerreform ist der Befund hochrelevant. Aber gilt er überhaupt für Österreich?

Das Fazit vorweggenommen: Österreich steht besser da als der OECD-Schnitt (sofern Daten verfügbar sind). Eine Insel der Seligen ist Rot-weiß-rot aber nicht. Die Entwicklung mag abgeschwächt verlaufen, die Tendenz ist dieselbe. So ist der Anteil der Mittelschicht, den die OECD recht großzügig definiert, mit 67 Prozent relativ groß. Aber unter Druck.

Einkommen

OECD-weit sind die mittleren Einkommen seit 1985 um 39 Prozent gestiegen, die des reichsten Zehntels hingegen um üppige 63 Prozent. Anderen geht es indes noch schlechter: Die Einkommen im unteren Zehntel sind seit zehn Jahren gar nicht gewachsen.

Und in Österreich? Da haben die verfügbaren mittleren Haushaltseinkommen von 2008 bis 2016 um gerade 0,6 Prozent pro Jahr zugenommen. Das ist zwar etwas mehr als der OECD-Schnitt (+0,3 Prozent), reicht aber dennoch nicht, um den Lebensstandard zu halten.

Lebenskosten

Viel rascher sind nämlich die Ausgaben gestiegen. „Ein typischer Mittelklasse-Lebensstil ist teurer geworden“, sagte Gurría. Gestiegen seien die Kosten für Bildung, Gesundheit, vor allem aber fürs Wohnen: Da steht Österreich mit 26,5 Prozent Ausgaben-Anteil etwa dort, wo Deutschland schon vor 20 Jahren war. Zuletzt sind die Wohnkosten aber stark gestiegen. So bleibt weniger Geld für anderes übrig. 28 Prozent der heimische Mittelschicht-Haushalten geben an, nur schwer über die Runden zu kommen.

Vater Staat

Die Mittelschicht trägt den Großteil der Steuerlast? Stimmt, in Österreich sind es knapp 69 Prozent. Überproportional ist dieser Beitrag erstaunlicherweise aber nicht, denn die Mittelschicht bezieht 71 Prozent der Einkommen. Und auch empfangene Unterstützungsleistungen (wozu die OECD Pensionen zählt) sind mit 70 Prozent höher als der Bevölkerungsanteil.

Ungleichheit

Dass die soziale Schieflage OECD-weit zugenommen habe, sei keine These, sondern faktisch belegt, sagte Gurría. In Österreich sind kaum Langfristdaten vorhanden. In den vergangenen zehn Jahren ist die Ungleichheit der Markteinkommen gestiegen, nach Steuern blieb sie recht konstant – Umverteilung wirkt.

Unsichere Jobs

Früher waren unqualifizierte Tätigkeiten von der Automatisierung bedroht – jetzt sei jeder sechste Mittelschichtjob in Österreich gefährdet. Das liegt im OECD-Schnitt, erklärt aber viele Abstiegsängste.

Die Empfehlungen

Die Politik soll sich verstärkt um jene kümmern, die abzurutschen drohen, empfiehlt die Pariser Organisation. Höhere Lohnabschlüsse, leistbares Wohnen und Hilfe bei Pflegekosten seien Hebel zu mehr Einkommen.

Steuerentlastungen sind ein weiterer: Die OECD rät explizit, die „Kalte Progression“ abzuschaffen. Bei klug aufgesetzten Erbschafts- und Schenkungssteuern brauche es keine gesonderte Vermögenssteuer. Gelobt werden Österreichs Arbeitsstiftungen, die Betroffenen bei Jobverlusten Umschulungen ermöglichen.

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