Tabakfrei und sehr beliebt: Nikotinbeutel bald nur noch in Trafiken
Nikotinbeutel sind kleine Beutel, die man sich in den Mund schiebt. Dort, zwischen Lippe und Zahnfleisch, geben sie Nikotin ab.
Zusammenfassung
- Tabakfreie Nikotinbeutel verzeichnen starkes Marktwachstum, besonders bei 18- bis 34-Jährigen, mit einem erwarteten Umsatz von 200 Millionen Euro in 2025.
- Ab 1. April 2024 werden Nikotinbeutel in das österreichische Tabakmonopol aufgenommen, steuerpflichtig und dürfen nur noch über kontrollierte Kanäle verkauft werden.
- Gesundheitsorganisationen und Fachkräfte warnen vor der Attraktivität für Jugendliche und fordern strengere Regulierungen, während Werbeverbote erst ab 2028 greifen.
Von Moritz Bach
Ein kleiner Beutel unter der Lippe, kurz brennt das Zahnfleisch und schon ist der Nikotinkick da.
Tabakfreie Nikotinbeutel (Pouches) haben sich in wenigen Jahren von einem Nischenprodukt zu einem etablierten Nikotinprodukt entwickelt. Laut Zahlen der Monopolverwaltung lag der Umsatz in Trafiken 2024 bei etwa 158 Millionen Euro – ein Wachstum von 34 Prozent zum Vorjahr. Der Tabakgroßhändler Japan Tobacco International (JTI) schätzt den Marktwert der Verkäufe in Trafiken im Jahr 2025 auf rund 200 Millionen Euro. Das entspricht etwa 33 Millionen verkauften Dosen (Cans).
Die Beutel, die zwischen Lippe und Zahnfleisch gesteckt werden, enthalten ein Pulver aus Nikotinsalzen. Pro Säckchen sind es meist zwischen sechs und elf Milligramm Nikotin. Zum Vergleich: Der Nikotingehalt einer Zigarette darf in Österreich ein Milligramm nicht überschreiten. Tabak enthalten die kleinen Beutel nicht. Das unterscheidet sie von Snus, einem aus ursprünglich Skandinavien kommenden Tabakprodukt, das auf die gleiche Weise konsumiert wird. In Österreich und anderen EU-Ländern sind Snus verboten.
Besonders stark ist die Nikotinbeutel-Nachfrage bei Jungen: Laut Angaben des Großhändlers Imperial Brands (u. a. Skruf, Gauloises, West) ist mehr als die Hälfte der Konsumenten zwischen 18 und 34 Jahren alt. Ältere Konsumentinnen und Konsumenten spielen bisher eine untergeordnete Rolle.
Ausweitung des Monopols
Mit 1. April werden tabakfreie Nikotinbeutel verbrauchsteuerpflichtig und in das österreichische Tabakmonopol aufgenommen. Damit gelten für die Nikotinbeutel künftig dieselben Regeln wie für klassische Tabakwaren. Der Verkauf ist nur noch über Trafiken und kontrollierte Vertriebskanäle, etwa Tankstellen oder Gastronomie, erlaubt. Der bisher kaum eingeschränkte Onlinehandel, teils ohne handfesten Altersnachweis, wird auch nicht mehr möglich sein.
Zentral für den Handel ist die gesetzlich festgelegte Handelsspanne von 32 Prozent des Einkaufspreises. Bisher konnte der Kleinhandel den Verkaufspreis selbst festlegen. Diese „Maßnahmen werden dazu beitragen, dass die Margen der Trafikanten weiter steigen und abgesichert werden“, sagt Silvia Polan, Sprecherin von JTI (u. a. Nordic Spirit, Camel, Winston) zum KURIER.
Regulierung
Tabakmonopol bedeutet, dass ausschließlich der Staat den Verkauf von Tabakwaren regeln darf. In Österreich besteht es seit über 240 Jahren. Eigentümer der Monopolverwaltungsgesellschaft (MVG) ist zu 100 Prozent das Finanzministerium.
Verkauf
Die Produktion und der Vertrieb von Tabakwaren sind im Tabak- und Nichtraucherinnen- bzw. Nichtraucherschutzgesetz geregelt. Der Verkauf erfolgt ausschließlich über vom Finanzministerium zugelassene (Groß-)Händler.
Trafikanten
Insgesamt haben die Trafikanten 2025 mit Tabak rund 3,9 Mrd. Euro umgesetzt. Bundesweit gibt es 4.329 Trafikantinnen und Trafikanten.ssene Großhändler.
Jugend, Gesundheit und Kritik an langen Übergangsfristen
Gesundheitsexperten warnen seit Längerem vor der hohen Attraktivität der Produkte für Jugendliche. Laut einer Umfrage zum Konsum- und Suchtverhalten (ESPAD) aus dem Jahr 2024 haben 34 Prozent der Jugendlichen bereits Nikotinbeutel ausprobiert, 17 Prozent konsumierten sie in den vergangenen 30 Tagen. Acht Prozent geben an, die Produkte täglich zu verwenden.
Am Ende der Frist zur Stellungnahme für die geplante Änderung des Tabak- und Nichtraucherschutzgesetzes sind etwa 30 Rückmeldungen eingelangt. Viele davon kamen von Medizinern und Gesundheitsorganisationen wie etwa der Krebshilfe. Sie kritisieren den Entwurf und fordern strengere Regeln – etwa ein generelles Verbot von Nikotinbeuteln oder strengere Zulassungsregeln für neue Produkte. Diese Produkte seinen „hochgradig jugendattraktiv, begünstigen Einstiegs- und Umstiegsmuster“, erläuterte Lungenarzt Marcel Rowhani in einer Stellungnahme der Ärztekammer. Sie hätten einen hohen Anteil „freien Nikotins“ mit entsprechendem Abhängigkeitspotenzial.
Verbote
In Frankreich sind die Pouches ab März 2026 jedenfalls verboten. In Deutschland sind sie durch das Lebensmittelgesetz eingeschränkt.
Werbung und Sponsoring sollen für alle tabakfreien Nikotinerzeugnisse ab 1. März 2028 verboten werden. Das sei „viel zu lang“, kritisieren etwa die Bundesjugendvertretung (BJV). „Der Jugendschutz steht bei allen Werbe- und Verkaufsmaßnahmen an erster Stelle. Unsere Zielgruppe sind ausschließlich erwachsene, bestehende Nikotinkonsumenten“, betont Großhändler Philip Morris International (u. a. ZYN, Marlboro, Iqos) Pressesprecher Sebastian Winter, auf KURIER-Anfrage.
Seitens des Großhändlers British American Tobacco Austria (u. a. VELO, Parisienne, Pall Mall) heißt es „BAT verfolgt seit einigen Jahren das Ziel, die gesundheitlichen Auswirkungen des Unternehmens dadurch zu reduzieren, dass man rauchfreie Alternativen anbietet.“
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