Ryanair-Manager: "Österreich muss endlich aufwachen"

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Warum Ryanair demnächst fünf Flugzeuge aus Wien abzieht und in Bratislava aufstockt. Von der Regierung fühlt sich Europas größte Airline nur hingehalten.
Andrea Hodoschek

Andrea Hodoschek

KURIER: Ryanair zieht mit Beginn des Sommerflugplans Ende März fünf von 19 Flugzeugen aus Wien ab. Keine guten Aussichten für den Standort Österreich.

Andreas Gruber: Definitiv nicht, da wir neun Routen aufgeben und mit einer Reduktion unserer Passagierzahlen um eine Million rechnen. Im Vorjahr hatten wir in Wien sieben Millionen Fluggäste.

Konzernchef Michael O’Leary, der sich kürzlich wegen des Internets an Bord mit Elon Musk anlegte, wettert ständig über die zu hohen Kosten in Österreich. Sind die Rahmenbedingungen tatsächlich so nachteilig?

Gerade im Vergleich zu Österreichs Nachbarländern sind die Kosten viel zu hoch. Die 12 Euro Luftverkehrsabgabe pro Passagier sind nicht mehr zeitgemäß. Der Großteil der EU-Länder hat keine derartige Abgabe oder sie in letzter Zeit abgeschafft. Zum Beispiel die Slowakei, Ungarn und Regionen in Italien. Sie alle profitieren von einem enormen Wachstum, während Österreich auf der Strecke bleibt. Selbst Schweden, die Heimat von Greta Thunberg, hat die Luftverkehrsabgabe abgeschafft und sogar das hochpreisige Deutschland hat eine Reduktion angekündigt. Neben dieser Abgabe sind auch noch die Kosten am Flughafen Wien seit Corona um 30 Prozent gestiegen und die Air-Traffic-Control-Kosten (ATC) für die staatliche Flugsicherung Austro Control um 60 Prozent.

Die Slowakei senkt jetzt die Flugsicherungsgebühren um weitere 30 Prozent. Wie sehr trifft das den Standort Wien?

Bratislava ist nur eine Stunde von Wien entfernt. Das große Wachstum findet dort statt, nicht in Österreich. Bratislava erwartet eine Verdoppelung des Passagieraufkommens in diesem Jahr.

Die meisten Ryanair-Tickets sind doch deutlich teurer als 19,99 Euro. Hat eine Steuer von 12 Euro tatsächlich derartige Auswirkungen?

Wir werden oft belächelt, warum 12 Euro so schlimm sein sollen. Aber für uns ist das exorbitant. Die Abgabe beträgt rund 25 Prozent unseres Durchschnittstarifes. Da haben wir aber noch keine Flughafenentgelte bezahlt, keine Flugsicherung, keine Mitarbeiter, kein Kerosin, keine Flugzeugfinanzierungskosten, keine Technik etc. Wir hatten im Vorjahr einen durchschnittlichen Ticketpreis von circa 50 Euro und im dritten Quartal 2025/26 von 44 Euro. Wir brauchen günstige Zugangskosten, um diese preisgünstigen Tickets unseren Passagieren anbieten zu können. Mir gefällt außerdem das Wort Billig-Airline nicht.

Warum nicht? Sie werben doch mit niedrigen Preisen.

Wir sind eine Low-Cost-Airline, weil wir den Fokus auf die Kosten legen, um so unseren Passagieren das beste Preis-Leistungsverhältnis zu bieten. Die Kosten sind für uns auch der ausschlaggebende Punkt, wenn wir neue Routen eröffnen oder wo wir unsere Flugzeuge stationieren.

Wie viele Mitarbeiter in Wien betrifft die Kürzung?

Rund 250 von derzeit circa 700 Ryanair-Beschäftigten. Aber vergessen Sie nicht, der Flughafen Wien will rund 200 Mitarbeiter abbauen und rechnet mit einem Rückgang von 32,6 auf unter 30 Millionen Passagiere. Wizzair hatte 250 Mitarbeiter und ist demnächst weg und die AUA reduziert ihre Flotte in den nächsten Jahren von 68 auf 58 Flugzeuge. Auch das wird Jobs in Österreich kosten. Da sollten bei allen die Alarmglocken schrillen. Mittlerweile hat sich auch der Flughafen unserer Aufforderung an die Regierung angeschlossen, die Luftverkehrsabgabe abzuschaffen. Die Tourismuslandesräte aller Bundesländer haben die Regierung ebenfalls dazu aufgefordert.

Die neuen Langstrecken-Airlines können die Ausfälle nicht kompensieren?

Die Anzahl der neuen Langstrecken ist überschaubar. Wir sprechen hier von so geringen Passagierzahlen, dass diese bei weitem nicht den prognostizierten Rückgang von knapp drei Millionen am Flughafen Wien wettmachen können.

Langstrecke ist für Ryanair weiterhin kein Thema?

Nein, die operativen Vorteile bei unserer Kurz- und Mittelstreckenoperation sind auf der Langstrecke nicht darstellbar. Es gibt keinen erfolgreichen Low-Cost-Langstreckencarrier.

Haben Sie bei Gesprächen mit Regierungsmitgliedern auf das Standortproblem hingewiesen? Die Industrie hat sich Gehör verschafft.

Selbstverständlich haben wir Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern gesucht. Allen voran mit Verkehrsminister Hanke, den wir im Juni 2025 getroffen und dem wir unseren Wachstumsplan für Österreich präsentiert haben. Wir haben unser Expansionsprogramm auch Bundeskanzler Stocker detailliert vorgestellt. Wir hätten vorgesehen, unser Verkehrsvolumen in den nächsten fünf Jahren um 70 Prozent auf mehr als 12 Millionen Passagiere pro Jahr zu steigern und eine Milliarde US-Dollar in neue Flugzeuge für Wien zu investieren. 40 neue Routen, 300 neue Jobs und ein Wachstum an den Bundesländerflughäfen von 150 Prozent.

Andreas Gruber

Andreas Gruber im KURIER-Interview mit Andrea Hodoschek. 

Unter der Bedingung, dass die Luftverkehrsabgabe gestrichen wird?

Unter der Bedingung, dass Österreich endlich aufwacht und den Ernst der Lage erkennt, um nicht den Anschluss an den Rest Europas zu verlieren. Österreich hat nach wie vor nicht das Verkehrsvolumen von vor Covid erreicht und wird 2026 auf nur noch etwas mehr als 90 Prozent zurückfallen.

Bundeskanzler Stocker hat angeblich in einem Brief an O’Leary, der gerne pointiert formuliert, versucht, den Chef von Europas größter Airline zurechtzuweisen.

Auf Stockers Antwort mussten wir eineinhalb Monate warten, bei Hanke viereinhalb Monate. Und das erst nach mehreren Interventionen. Hanke hat uns auf dreieinhalb Seiten nur erklärt, was alles nicht geht, anstatt dringend benötigtes Wachstum zu ermöglichen. Wir sprechen hier übrigens von nur 150 Millionen Steuereinnahmen, die potenziellen Hunderten Millionen an Mehreinnahmen für die österreichische Wirtschaft gegenüberstehen. Hanke hat angekündigt, sich das Thema im ersten Quartal 2026 anzuschauen.

Na also, hat halt ein bissl gedauert.

Hier wird wertvolle Zeit verloren. Airlines müssen vorausplanen, die Kapazitäten in Europa sind knapp. Wir haben die öffentliche Diskussion angeregt und appellieren weiterhin lautstark an die Regierung, während sich andere Airlines sang- und klanglos aus Österreich zurückziehen und ihr Wachstum ins benachbarte Ausland wie Bratislava verlagern.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Flughafen Wien?

Wir begrüßen sehr, dass auch der Flughafen endlich an die Regierung appelliert. Nur muss auch der Flughafen seine eigenen Gebühren unter die Lupe nehmen und – wie vor Covid – vor allem dringend benötigtes Wachstum mit Anreizprogrammen fördern.

 

Fakten

Marktführer 
Der  irische Billigflug-Konzern ist nach Passagieren gerechnet  Europas größte Airline. Für 2026 rechnet Ryanair  mit einem Passagierplus von vier Prozent auf knapp 208 Millionen Fluggäste. Derzeit 643 Flugzeuge. Ryanair erwartet  2026  um sieben Prozent höhere Ticketpreise. Der bereinigte
Netto-Gewinn sank im dritten Quartal auf 115 Millionen Euro.

Karriere 
Andreas Gruber, 40, begann unter  Niki Lauda. 2018 wurde er CEO von Laudamotion, mit der Übernahme durch Ryanair stieg er zum Mitglied des Vorstands auf.  

Porträt von Andrea Hodoschek, Autorin der Serie „Wirtschaft von Innen“.

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