N26-Mitbegründer Valentin Stalf (33)

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Wirtschaft
01/11/2019

N26-Gründer Valentin Stalf: "Wir wollen 100 Millionen Kunden"

Der Österreicher erklärt, warum die Handybank 2,3 Milliarden Euro wert ist. In Wien ist ein "größeres Office" geplant.

N26 wurde 2013 von zwei jungen Wienern gegründet - als Smartphone-Bank, die statt auf Filialen auf eine App setzt. Mittlerweile ist N26 zum wertvollsten deutschen FinTech aufgestiegen. Soeben schossen Investoren 260 Millionen Euro frisches Kapital zu, was den Gesamtwert auf sagenhafte 2,3 Milliarden Euro katapultiert. Der KURIER sprach mit dem Wiener Mitbegründer Valentin Stalf.

KURIER: 300 Millionen Dollar auf einen Schlag. Wofür brauchen Sie dieses Geld?

Valentin Stalf: Wir haben unsere Kundenbasis 2018 mehr als verdreifacht, kurz vor Weihnachten sechs neue Märkte erschlossen, sind in Großbritannien gestartet und jetzt in 24 Märkten aktiv. Besonders cool ist, dass Insight Ventures, einer der renommiertesten Fonds für Risikokapital mit Sitz in New York, an unseren Erfolg in den USA glaubt. Und Singapurs Staatsfonds GIC, der Investments von mehr als 300 Milliarden Dollar verwaltet, spielt ohnehin in einer eigenen Liga. Wir sind so unabhängig von Marktbewegungen und können uns darauf konzentrieren unsere internationale Expansion voranzutreiben, und haben die Chance unsere 2,3 Millionen Kunden in den nächsten Jahren auf 50 bis 100 Millionen auszubauen.

Nach einer fünften Finanzierungsrunde spricht man oft vom Börsengang. Auch Sie?

N26 kommt in einen Bereich, wo man darüber nachdenkt. Natürlich ist es der Traum jedes Gründers, seine Company an die Börse zu bringen. Das ist eine zusätzliche Option für die nächsten Jahre, aber es gibt auch Beispiele wie Uber, die sehr lange privat finanziert bleiben. Wir werden sehen, heute ist es aber zu früh darüber zu sprechen.

Wovon wäre das abhängig?

Viel hängt vom Marktumfeld ab. Gibt es Investoren, die bereit sind, privat zu finanzieren? Will man Liquidität für frühe Investoren oder Mitarbeiterprogramme kreieren? Man erhält mehr Aufmerksamkeit, es schafft Vertrauen – zumal wir uns an Endverbraucher richten. Eine Börsenfirma muss allerdings viel umfassender berichten, es sind also schon Hürden damit verbunden. Das müssen wir abwägen.

Wie verteilen sich die Anteile?

Die genaue Aufteilung haben wir nie veröffentlicht. Diese Runde wurde auf einer Bewertung von 2,7 Mrd. Dollar durchgeführt, das macht uns zu einem der wertvollsten Technologie-Startups der Welt. Maximilian und ich sind gemeinsam noch die größten Shareholder. Dafür, dass es für uns vor sechseinhalb Jahren die erste Firmengründung war, hat sich die Bewertung gut entwickelt.

Das ist wohl die Untertreibung des Jahres. 2019 soll N26 profitabel werden, bleibt es dabei?

Absolut. Abgesehen von Investitionen in Wachstum (Marketing) ist N26 heute bereits profitabel und deckt alle Kosten durch Umsätze. Die Höhe der Marketinginvestitionen liegt selbstverständlich in unserem Ermessen. Es ist eine bewusste Entscheidung in dieser Phase auf Wachstum und nicht auf Gesamtprofitabilität des Unternehmens zu setzen, um N26 zu einem führenden Global Player zu entwickeln.

Verfolgt N26 überhaupt das Geschäftsmodell einer Bank?

Wir konnten unsere Bank von Grund auf völlig neu aufbauen, unsere IT ist „state of the art“, wir haben kein Filialnetz. Dadurch haben wir wahrscheinlich nur ein Sechstel der Kosten einer traditionellen Bank und müssen nicht viele komplizierte Finanzprodukte verkaufen. Unser Einnahmenmodell ist simpel: Wir geben mit dem Konto Karten aus. Da verdienen wir an jeder Transaktion – das zahlt das Geschäft, wo man einkauft. Und wir haben Kontomodelle, wo der Kunde eine monatliche Gebühr bezahlen kann für eine spezielle Metallkarte, ein Versicherungspackage oder Partnerprogramm. Klassische Spar-,Investitionsprodukte, einen Überziehungsrahmen oder Konsumkredit gibt es auch, aber wir brauchen nicht Hunderttausende davon, um profitabel zu sein.

Klassische Banken verdienen Geld über die Zinsspanne von Einlagen und Krediten. Spielt das für N26 noch eine Rolle?

Eine untergeordnete. Wir sind ein „consumer subscription-“ und „daily usage“-Geschäft. Die Nutzung der Karte ist wichtig, dass der Kunde die App täglich öffnet, dort die Geschäfte abwickelt. Kunden halten zwar über eine Milliarde Euro auf ihren N26-Konten, aber das ist nicht der Hauptfokus – dort sind die Margen viel enger. Wir konzentrieren uns beim Markteintritt erst auf die App, das digitale Produkt für den täglichen Einsatz, und ergänzen Konsumkredite und Sparprodukte, wie wir sie in Deutschland oder Österreich anbieten, in einer zweiten Runde.

 

Die Banken haben aufgeholt: Es gibt Apps, Fotoüberweisungen, Echtzeit-Zahlungen. Wie wollen Sie ihren Vorsprung halten?

Wir haben eine ganz andere, globale Reichweite. Ein Programmierer macht bei uns die App nicht für einen, sondern aktuell für 24 Märkte. Ich glaube, dass der Vorsprung unserer App zu anderen Banken sogar größer geworden ist. In Österreich gibt es die ein oder andere Bank die ein besseres digitales Bankprodukt anbietet, der Großteil ist sehr tradtionell aufgestellt.

Eine Überweisung ist aber an sich nicht rasend „sexy“, oder?

Absolut. Daher ist die Fotoüberweisung auch sicher nicht die Innovation, die Retail Banking revolutioniert. Es geht um die gesamte digitale “User Experience, von der Kontoeröffnung bis zum Kundenservice. So wie wir N26 vermarkten, haben wir bewiesen, dass eine Bank eine attraktive Marke sein kann, die die “digitalen Leute” anzieht. Banking muss nicht fad und nervig sein, sondern soll dem Kunden eine flexible Lebensführung ermöglichen. Wir wollen Probleme lösen – der viel zu teure Handyvertrag, der übers Konto läuft. Oder der Kauf des Skipasses in Kitzbühel, zu dem sich sieben Tage Unfallversicherung anbieten.Oder das Konto, das mit Partnerin oder Partner geteilt werden soll. Da denken wir über andere Themen nach als über Kreditzinsen, Fristentransaktion und Verbuchungszeilen.

Ihre Karten im Metalldesign sind originell. Aber warum braucht es die überhaupt? Würde nicht das Smartphone reichen?

Ja, wir bieten mobile Bezahllösungen wie Apple Pay auch in allen Kernmärkten an und freuen uns, wenn sie genutzt werden. Aber viele Kunden zücken noch immer gerne die Karte. Kontaktloses Zahlen ist in Österreich ja weit fortgeschritten. Für uns ist nicht entscheidend, ob jetzt über Handy oder Karte gezahlt wird.

Wie viele der 2,3 Mio. Kunden haben N26 als Gehaltskonto?

Der Großteil der Kunden macht uns innerhalb von zwei bis drei Jahren zum Hauptkonto. Zieht jemand um, zum Beispiel ins Ausland oder nach Österreich und benötigt ein neues Konto, wird N26 wahrscheinlich sofort zum Gehaltskonto, ansonsten dauert es eventuell etwas länger. Für uns ist gar nicht so entscheidend, wo das Gehalt landet, sondern dass der Großteil der Transaktionen über die N26-App läuft. Das ist für uns wertvoller.

Onlinebanken werben gern mit etwas höheren Sparzinsen. Ist das für Sie gar nicht wichtig?

Das Thema ist komplexer. Sie verlieren Kunden meist mit demselben Argument, mit dem Sie diese gewinnen. Wenn Sie heute drei Prozent Zinsen bieten, erhalten Sie ganz viele Einlagen. Setzen Sie die Zinsen morgen runter, sind sie wieder weg. Im heutigen Zinsumfeld spielt das aber ohnehin eine geringe Rolle. 0,1 Prozent oder 0,5 Prozent Zinsen machen bei typischerweise 1000 oder 5000 Euro auf dem Gehaltskonto keinen großen Unterschied. Als N26-Kunde können Sie unter sechs bis zehn traditionellen Banken auswählen – das heißt, die besten Zinsen aussuchen, ihr Konto wird aber komplett über N26 verwaltet. Es kann sein, dass wir das auch in Österreich ausrollen.

Sie operieren mit Lizenz der deutschen Finanzaufsicht Bafin und unterliegen der deutschen Einlagensicherung. Mit welcher Lizenz operiert N26 künftig in Großbritannien?

Genau, unsere erste Ansprechadresse ist die deutsche Bafin, wir haben aber eine europäische Lizenz. Die gilt auch weiterhin in Großbritannien. Wie das künftig nach dem Brexit sein wird, ist offen. Womöglich müssen wir uns in einer Übergangsphase um eine britische Lizenz bemühen. Da nehmen wir an, dass es ein beschleunigtes Verfahren geben wird. Wir haben das Prozedere griffbereit, das ist für andere ein größeres Thema.

Und in den USA?

Wir haben schon länger einen Bankenpartner ausgewählt, arbeiteten das abgelaufene Jahr intensiv an der Integration. Verkündet werden die Details zum Start 2019 in den nächsten Monaten.

Wenn Sie heute N26 gründen würden: Wäre immer noch Berlin die erste Wahl?

Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen, Teile meiner Familie wohnen hier und in der Nähe von Salzburg. Wien ist ein attraktiver Standort, aber noch nicht so fortgeschritten wie Berlin wenn es um Digitale Unternehmen geht. Schnell viele digitale Talente zu finden, ist in Wien schwieriger. Aber wir haben heute ein globales Setup, mit N26-Büros in Berlin, Barcelona und New York und wir werden wahrscheinlich nächstes Jahr ein größeres Office in Wien aufziehen und so hoffentlich helfen, den digitalen Spirit zu verstärken.

Wie aus N26 ein „Einhorn“ wurde

Wachstum, Wachstum, Wachstum: Das oberste Gebot der digitalen Revolution erfüllt N26 (sprich: „twenty-six“) recht gut. Die Kundenzahl hat sich 2018 gut verdreifacht. Aktuell ist man in 24 europäischen Ländern aktiv, seit kurzem in Großbritannien. Dort operiert N26 vorerst auf Basis seiner europäischen Banklizenz – beaufsichtigt von der deutschen Bafin.

Sollte nach dem Brexit eine  britische Lizenz nötig sein, so bereitet das N26-Gründer und -Chef Valentin Stalf kein Kopfzerbrechen: „Wir haben das Prozedere griffbereit, das ist für andere ein größeres Thema.“

Der nächste Riesenschritt ist für N26, das mehr als 700 Mitarbeiter in seinen Büros in Berlin, Barcelona und New York zählt, heuer der Start in den USA. Ein Bankenpartner ist längst gefunden, kommuniziert werden die Details „in den nächsten Monaten“.

Gegründet 2013, aktiv seit 2015

Gegründet wurde N26 (damals Number26) von den Wienern Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal  2013, der Sitz übersiedelte nach nur einem Monat nach Berlin. Aktiv ist N26 seit 2015 und hat seither 515 Millionen Dollar bei Investoren eingesammelt. Die Liste ist ein Who’s who der Risikokapitalfinanzierer: Tencent, Allianz X, Peter Thiel, LiKa-Shing, Earlybird, Redalpine, Greyhound Capital und jetzt Singapurs Staatfonds GIC und die New Yorker Insight Venture Partners.

Damit hat Deutschland sein erstes „Einhorn“ der digitalen Finanzwelt. So werden Unternehmen genannt, die als Start-up beginnen und später mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind.  
Dazu muss man wissen: Ein Investor lässt sich sein Risiko-Kapital zumeist mit Anteilen abgelten. Daraus lässt sich ein Firmenwert errechnen, der vorerst eher fiktiv ist.

Der nächste Schritt wäre dann aber ein Börsegang – für Gründer und frühe Investoren oft eine Gelegenheit, ordentlich Kasse zu machen.