Deutschlands Auto-Präsidentin: "Wir bleiben der weltweite Maßstab"
Hildegard Müller, Präsidentin des deutschen Verbandes der Autoindustrie (VDA)
KURIER: Die Autokrise hat relativ dramatische Ausmaße angenommen. Werksschließungen, Gewinneinbrüche etc. Wie konnte man das so lange Zeit nicht sehen, weshalb wurde da nicht viel früher reagiert?
Hildgard Müller: Widerspruch - es ist keine Auto-, sondern eine Standort-Krise. Schauen wir auf die Situation: Hat die Autoindustrie eine Krise mit ihren Produkten, mit dem, was sie anbietet? Nein. Deutschland ist weltweit der zweitgrößte Produktionsstandort für Elektroautos. Bereits rund 40 Prozent der in Deutschland produzierten Fahrzeuge sind E-Autos. Sieben von zehn verkauften E-Autos in Deutschland stammen von deutschen Herstellern, in Europa jedes zweite. Natürlich ist der Wettbewerb intensiver geworden, in China sind ernstzunehmende neue Player entstanden. Umso mehr gilt es, dass wir offensiv auf unsere Stärken setzen: Ob bei Sicherheit, Produktentwicklung, Kundenvertrauen oder auch innovativen Themen wie automatisiertes und autonomes Fahren - da sind wir anderen noch voraus.
Also doch keine Krise?
Es ist eine Krise des Standortes in Deutschland - und in Europa generell. Und es hat mit der Frage der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu tun. Das ist das große Thema. Das geht weit über die Autoindustrie hinaus.
Was ist das größte Standortproblem?
Da sind zum einen die Kosten, das fängt bei Energiekosten an und geht bis zu den Lohn- und Arbeitskosten und den Steuern und Abgaben. Dazu kommt die Bürokratie. Brüssel baut nicht wie versprochen ab - gerade kommen jeden Tag im Schnitt vier neue Rechtsakte hinzu. Die EU hat im Zeitraum 2019 bis 2024 fast vier Mal so viele neue Rechtsakte erlassen wie die USA. Und es geht jetzt auch um zentrale Zukunftsfragen, die bisherige Schwächen offenlegen: Wie hat Europa seine Handelsstruktur aufgestellt? Wie kommen wir an die Rohstoffe? Wie sind die Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Regionen? Wir sehen, wie sich die Welt neu ordnet, wie Europa durch die fehlende Wirtschaftskraft an Relevanz verliert. Uns allen wird klar, wie notwendig und überfällig ein entschlossenes, ambitioniertes und strategisches Handeln ist – auf wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und natürlich auf politischer Ebene.
Also zu teuer, überreguliert, zu abhängig von USA und China?
Was die Standortfaktoren angeht, ist die aktuelle Situation tatsächlich schwierig - da müssen wir anpacken, dürfen dabei aber auch nicht die Stärken unseres Kontinents, unserer starken Industrie, der tollen Beschäftigten vergessen. Die Kritik an der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit ist gerade deswegen so deutlich und notwendig, weil es um Wohlstand, Wachstum und Arbeitsplätze geht. Übrigens auch hier in Österreich. Hier gibt es eine sehr starke Zulieferindustrie, die eng verwoben ist mit der deutschen Autoindustrie. Ein starker Standort, der Investitionen begünstigt, schafft neue Jobs, neue Perspektiven. Und das braucht es jetzt, um den Abstiegsängsten der Menschen und den damit verbundenen Gefahren für unsere politischen Systeme zu begegnen.
Zurück zur Autoindustrie: In China verlieren die deutschen Hersteller Marktanteil um Marktanteil, gleichzeitig drängen die Chinesen massiv nach Europa. Ist der Kampf um die Technologieführerschaft schon verloren?
Auch hier ein Blick auf die Fakten: Noch ist der Marktanteil der Chinesen in Europa sehr überschaubar - trotzdem nehmen wir diesen Wettbewerb sehr ernst. Was die „Technologieführerschaft“ angeht - wir sind bei vielen Themen weiterhin die, die den Ton angeben - ob bei automatisiertem Fahren oder auch Zukunftsthemen wie der Kreislaufwirtschaft. Oder auch bei Qualitätsfragen, Sicherheit- und Effizienzfragen - da macht uns keiner was vor. Aktuell liegt der Fokus auf der Kostenstruktur - also dem Standortnachteil, dem wir hier begegnen. Wenn Autos in China um etliche Prozente günstiger produziert werden können, dann hat das natürlich auch Effekte.
Tut die neue Regierung in Berlin genug für den Auto-Standort Deutschland?
Es sind erste richtige Schritte unternommen worden. Gleichzeitig gilt: Das kann erst der Anfang sein. Alles, was Wachstum schafft, muss jetzt Priorität sein. Es braucht den großen Wurf, das Verständnis, dass wir jetzt im internationalen Wettbewerb nur bestehen können, wenn der Standort massiv reformiert wird. Und dafür braucht es auch eine starke deutsche, sicher auch eine starke österreichische Stimme in Brüssel, um dort die richtigen und notwendigen Entscheidungen anzubahnen. Einige Entscheider in Brüssel fokussieren sich noch immer auf Symptombehandlung, statt auf die Ursachen der Probleme - oder verweigern sich schlicht der Realität.
VW-Chef Blume und Stellantis-Boss Filosa wollen auch eine „Made in Europe-Initiative - klingt nach Abschottung. Ist das der richtige Weg?
Als Verband der Automobilindustrie stehen wir Local-Content-Ansätzen grundsätzlich kritisch gegenüber, denn unsere Lieferketten sind international stark verwoben. Offene Märkte schaffen in Europa, aber auch in vielen anderen Ländern, Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze. Abschottung hingegen birgt die Gefahr von Gegenreaktionen anderer Länder und könnte so, gerade für die exportstarke Autoindustrie, zum Boomerang werden. Gerade deshalb müssen Deutschland und Europa entschlossener denn je für offene Märkte, verlässliche internationale Zusammenarbeit und regelbasierten Handel eintreten. Das wird auch in dem Brief betont. In anderen Worten: Mit Protektionismus auf Protektionismus zu antworten, halte ich für falsch. Das ist eine Spirale nach unten.
Das ganz große Thema der letzten Monate war das Verbrenner-Aus. Statt minus 100 Prozent beim CO2 ist minus 90 Prozent gekommen. Zufrieden?
Eine Reduzierung auf minus 90 Prozent, die an Bedingungen und neue Auflagen gekoppelt wird, ist keine Entlastung und gibt auch keine Planungssicherheit. Deswegen sind die aktuellen Vorschläge auch unzureichend. Ein Blick und eine Analyse auf die Realitäten - also das, was eigentlich versprochen wurde - kommt schlichtweg zu dem Ergebnis, dass eine entsprechende Anpassung zwingend notwendig ist. Was es jetzt braucht, ist echte Technologieoffenheit. Alles, was Klima und Arbeitsplätzen, dem Standort und somit auch den Verbraucherinnen und Verbrauchern hilft, muss möglich sein. Fakt ist: Der Rest der Welt steigt nicht aus dem Verbrenner aus - auch nicht China. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft überwiegend elektrisch ist - uns hier aber vorab vom Weltmarkt abzukoppeln, das schadet nur uns selbst.
Die Vorreiterrolle kann doch auch positive Effekte haben …
Wir machen alles, um die Vorreiterrolle in allen Bereichen zu haben. Und in Sachen Elektromobilität sind es ja die praktischen Rahmenbedingungen - Ladeinfrastruktur oder auch der Strompreis - die die Menschen vom Umsteigen abhalten. Hier muss man ansetzen. Und gleichzeitig gilt: Verschiedene Fahrantriebe bedienen zu können sichert hier Arbeitsplätze und Know-How.
Die österreichischen Zulieferer leiden mit den Schwierigkeiten der deutschen Hersteller mit. Gibt es da eine Art Solidarität über Landesgrenzen hinweg?
Auf jeden Fall. Natürlich auch viel Zusammenarbeit, viel Austausch. Unser Erfolg hängt voneinander ab. Und deswegen werde ich auch nicht müde immer wieder auf die besonderen Herausforderungen der Zulieferer, des Mittelstands, aufmerksam zu machen. Sie sind das Rückgrat unseres Wohlstandes, Stabilitätsanker ganzer Regionen.
In Deutschland sind im letzten Jahr fast 50.000 Jobs in der Autoindustrie verloren gegangen, in Österreich rund 5.000. Der Trend ist äußerst bedenklich.
Das ist in der Tat eine dramatische Entwicklung. Die Haupteffekte der aktuellen Arbeitsmarktentwicklung in der Automobilindustrie liegen in der mangelnden internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Hinzu kommt, dass die Transformation zur Elektromobilität auch mit dem Verlust von Arbeitsplätzen einhergeht, weil für den Bau eines E-Autos schlichtweg weniger Beschäftigte gebraucht werden. Umso entscheidender ist, dass die Standortbedingungen jetzt so attraktiv sind, dass sie Investitionen anlocken, damit hier die Innovationen und somit auch die Jobs der Zukunft entstehen. Doch der Trend geht leider in eine andere Richtung.
Müller neben Kanzler Merz bei der IAA in München
Hildegard Müller (59)
ist eine deutsche Politikerin (CDU), Managerin, Verbandsgeschäftsführerin und Lobbyistin. Von 1998 bis 2002 war sie die bisher einzige weibliche Bundesvorsitzende der Jungen Union, von 2005 bis 2008 Staatsministerin im Bundeskanzleramt von Angela Merkel. Danach wechselte sie in die Energiewirtschaft, war u. a. im Vorstand der RWE. Seit Februar 2020 ist Müller Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) – einer der einflussreichsten deutschen Industrieverbände.
Woher soll neues Wachstum kommen?
Deutschland verfügt über einzigartige Stärken: Fachkräfte, Innovationskraft, industrielle Kompetenz, Forschung, Mittelstand und globale Vernetzung. Und auch Europas Bevölkerung ist in der Breite relativ gut gebildet. Die kulturelle Vielfalt unseres Kontinents sichert einen regen Wettbewerb der Ideen – gemessen an den Patenten ist die Innovationskraft vor allem in Nord- und Mitteleuropa teilweise sogar höher als in den USA. Das heißt also: Unser Potenzial ist größer als unsere aktuellen Probleme. Aber Potenzial muss man nutzen, muss man heben – Probleme hingegen werden beim Nichtstun nur größer. Zur Wahrheit gehört auch: Wir müssen uns alle mehr anstrengen. Mit den richtigen Reformen kann Deutschland wieder Wachstumsmotor Europas und Taktgeber auf der europäischen Bühne werden.
Im Herbst gab es die Chip-Krise mit Nexperia aus Holland. Da gabs große Panik vor Lieferkettenunterbrechungen, die Angst vor Produktionsstillständen. Ist das ausgestanden?
Fakt ist: Die Unternehmen haben ihre Prozesse in den vergangenen Jahren angepasst und resilienter gestaltet, haben Lieferanten und Lieferwege diversifiziert. Genau wegen dieser Maßnahmen stehen trotz des politisch verursachten Exportstopps bis jetzt noch keine Bänder still. Unsere Branche hat zuletzt immer wieder auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass wir bei Herausforderungen maximal flexibel und anpassungsfähig ist. Gleichzeitig bleibt das Thema auf der Agenda und wir beobachten und begleiten das weiter.
Haben wir in fünf Jahren noch eine deutsche Autoindustrie von Weltrang oder einen Sanierungsfall, der mit Steuergeld am Leben gehalten werden muss?
Die ganze Welt bewundert uns für die deutsche Schlüsselindustrie. Und ich sehe jeden Tag, wie unsere Unternehmen mit maximaler Leidenschaft und Kreativität vorangehen. Also machen Sie sich keine Sorgen, wir bleiben der weltweite Maßstab. In den nächsten vier Jahren investieren wir mehr als eine halbe Billionen - also mehr als 500 000 000 000 Milliarden! Das ist der Ausdruck des unbedingten Willens, weiter vorne dabei zu sein. Und ich werde mit aller Kraft daran arbeiten, dass dies auch hier weiterhin mit so vielen Arbeitsplätzen wie möglich bei uns verbunden bleibt.
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