Autokonzern Stellantis muss 22 Milliarden Euro abschreiben
Der Fiat- und Chrysler-Mutterkonzern Stellantis zieht die Reißleine bei seiner Elektrostrategie und verbucht milliardenschwere Abschreibungen. Wegen der Drosselung der Entwicklungspläne für Elektroautos fielen in der zweiten Jahreshälfte 2025 Belastungen von rund 22,2 Mrd. Euro an, teilte der französisch-italienische Autohersteller am Freitag mit. Unter dem Strich entstehe dadurch für diesen Zeitraum ein vorläufiger Verlust von 19 bis 21 Mrd. Euro.
Die Aktionärinnen und Aktionäre sollen leer ausgehen: Eine Dividende werde heuer nicht gezahlt. "Das Unternehmen hat die überwiegende Mehrheit der Entscheidungen getroffen, die zur Korrektur der Richtung erforderlich sind", hieß es in der Mitteilung. Dabei gehe es vor allem darum, das Produktportfolio an die Marktnachfrage anzupassen.
Aktienkurs ging nach unten
Die Hiobsbotschaft riss die Stellantis-Aktien um mehr als 14 Prozent nach unten und belastete auch andere französische Branchenwerte: Die Aktien von Valeo, Renault und Forvia gaben zwischen 2,1 und 2,5 Prozent nach. Auch in Deutschland zählten Autowerte zu den größten Verlierern: Volkswagen verloren im DAX 2,3 Prozent, BMW 1,5 Prozent und Porsche im MDax sogar 3,2 Prozent.
Mit dem drastischen Schritt folgt Stellantis den US-Konkurrenten Ford und General Motors. Auch diese hatten sich wegen der Politik der US-Regierung unter Donald Trump und der schwachen Nachfrage nach Elektroautos von ihren ambitionierten Plänen für batteriebetriebene Modelle verabschiedet. Als Teil der Neuausrichtung verkauft Stellantis etwa seine Beteiligung an einem Batteriewerk in Kanada an den südkoreanischen Batteriehersteller LG Energy Solution für einen symbolischen Preis von 100 Dollar (85 Euro).
"Made in Europe" soll Branche stärken
Erst am Donnerstag haben die Vorstandschefs von Volkswagen und Stellantis eine industriepolitische Neuausrichtung in Europa geforder, um die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Automobilindustrie langfristig zu sichern. In einem gemeinsamen Beitrag für das "Handelsblatt" schlagen VW‐Chef Oliver Blume und der Chef des Opel-Mutterkonzerns Stellantis, Antonio Filosa, eine "Made in Europe"-Strategie vor, die für fairen Wettbewerb sowie mehr Produktion und Investitionen in der EU sorgen soll.
Blume und Filosa fordern finanzielle Anreize und Erleichterungen für in Europa gefertigte Elektroautos. Europas größte Autobauer dringen dabei auf eine Lockerung der EU-Klimaregeln zugunsten heimischer Produktion.
Die Konzernchefs fordern, Fahrzeuge für den EU‐Markt stärker an europäische Produktionsanforderungen zu knüpfen. Jeder Hersteller, der in Europa verkaufe, solle unter vergleichbaren Bedingungen produzieren müssen. Zudem sollten staatliche Fördergelder gezielt europäische Wertschöpfung unterstützen.
Verbindliche "Made in Europe"-Kriterien für E-Autos
Die Konsequenz wären "Made in Europe"-Anforderungen für Fahrzeuge, die in der EU zugelassen werden. "Made in Europe"-Kriterien für E-Autos sollten Produktion, Antrieb, Batteriezellen und elektronische Schlüsselkomponenten umfassen. Fahrzeuge, die die Kriterien erfüllen, sollten ein Label erhalten und etwa von staatlichen Kaufprämien oder öffentlichen Aufträgen profitieren.
Zudem regen die Manager an, dass jedes E-Auto "Made in Europe" einen CO2-Bonus erhalten sollte. "Und wenn ein Hersteller die "Made in Europe"-Anforderungen für einen großen Teil seiner Flotte erfüllt, sollte ein solcher CO2-Bonus sogar für alle seine Elektrofahrzeuge anerkannt werden." Nach den Worten von Blume und Filosa wäre dies ein Anreiz, Produktion in der EU aufrechtzuerhalten, Milliarden an Strafzahlungen zu vermeiden und stattdessen für dringend benötigte Investitionen im Binnenmarkt einzusetzen.
Keine protektionistischen Abschottungen
Neben Herkunftsanforderungen sei eine "übergreifende Industriepolitik" nötig mit gezielter Förderung europäischer Batteriezellenproduktion sowie Kaufförderungen für europäische Elektrofahrzeuge.
Die beiden Konzernchefs betonen, dass die vorgeschlagene Strategie nicht zu Abschottungen führen solle: "Wir können nicht um jede Werkbank einen protektionistischen Zaun ziehen." Ziel sei vielmehr, die Resilienz in ausgewählten strategischen Komponenten aufzubauen oder zu stärken.
Ära geopolitischen Wettbewerbs
Man erlebe den Beginn einer neuen Ära geopolitischen Wettbewerbs, schreiben die Manager. Handel, Technologie und Industrie würden zunehmend genutzt, um nationale Machtinteressen durchzusetzen. Europa müsse dringend entscheiden, "ob es nur ein Markt für andere werden oder auch zukünftig Produzent und Industriemacht bleiben will".
Die Branche erwirtschafte rund acht Prozent des EU‐Bruttoinlandsprodukts und biete etwa 13 Millionen Menschen Arbeit. Entsprechend groß sei die Bedeutung des Sektors für Wohlstand und Stabilität in der EU.
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